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Geschichte des Kaltenberger Ritterturniers

Spalier in Kaltenberg 1981
 
Kampf der Neuburger Recken 1984 - abgeschaut in Kaltenberg
Kaltenberg (red/mvg). Vor 30 Jahren erfüllte sich Luitpold Prinz von Bayern, Urenkel des letzten bayerischen Königs, einen königlichen Traum: Ritterspiele wollte er veranstalten mit allem, was dazu gehört. Mit Lanzen, Schwertern, mit edlen Rössern und schimmernden Rüstungen, mit Fahnen und Fanfaren.

1973 fing alles an. Prinz Luitpold war Gast in einem Schloss im englischen Canterbury. Dort wurde er Zeuge eines mittelalterlichen Turniers.

Die Vorführung begeisterte ihn so sehr, dass er die englische Rittersportgruppe British Jousting Association vom Turnierplatz weg zur 800-Jahrfeier der Wittelsbacher und zur Eröffnung der Ritterschwemme in Kaltenberg engagierte.

Das 1292 zum ersten Mal urkundlich erwähnte Schloss auf dem bewaldeten keltischen Berg schien für diese Idee wie geschaffen. Einen würdigen Platz wollte der Prinz seinem Kaltenberg verschaffen, wollte erreichen, dass hier die Geschichte wieder auflebt.

Neben den 14 Haudegen aus England traten auch einheimische Rittersmänner an zum Hauen und Stechen, wenn auch zunächst auf der grünen Wiese. Die Peißenberger Bergknappen folgten dem Ruf ihres Herrn; ein Flohmarkt, ein Wettkampf der Armbrustschützen und ein Blaskapellen-Wettstreit unterhielten die ersten Schaulustigen - immerhin rund 5000 im ersten Jahr. Da wurde sogar die Verpflegung knapp. Er denke an eine Wiederholung etwa alle zwei Jahre, sagte Prinz Luitpold damals.

Die Ritterturniere entwickelten sich rasant. Sie würden gut in unsere Zeit passen, sagte der Prinz, es sei ein starkes Bedürfnis da, sich mit der Vergangenheit zu befassen, aus der Plastikwelt auszubrechen. 1985 wurde die Sand-Arena mit der Königsloge gebaut, die unterhalb des Biergartens liegt.

Heute umgibt den Turnierplatz ein Markt mit Artisten, Gauklern, Handwerkern, Spielleuten, Quacksalbern, Narren, Raubrittern und vielen anderen Künstlern. Aus dem Traum des Prinzen ist das größte Ritterturnier der Welt geworden.

Erinnerungen von einem Mitwirkenden der ersten Stunde
Es begab sich zu einer Zeit, als historische Feste noch rar waren in deutschen Landen. Und diese waren meist große Stadtfeste wie die Landshuter Hochzeit oder das damals auch erst vier Lenze zählende Neuburger Schlossfest. Genau hier beginnt unsere Geschichte…

Der damals 15 Jahre alte Michael hat bereits vier Neuburger Schlossfeste erlebt und ist dem Bann der historischen Feste erlegen. Zuerst als Querpfeiffer im Neuburger Fanfarenzug und seit einem Jahr bei der Neuburger Stadtwache als Trommler. Wir schreiben das Jahr 1980 und Prinz Luitpold von Bayern lädt ein zum ersten Kaltenberger Ritterturnier. Ritter aus Bayern treten gegen Haudegen aus England an. Die Neuburger Stadtwache sichert das Gelände und kontrolliert die Karten. Landsknechte aus Mindelheim, der Neuburger Fanfarenzug und noch einige kleine Gruppen bilden mit den Rittern und der Wache eine verschworene Gemeinschaft, die schon damals ein authentisches Bild des Mittelalters liefert.

Der junge Stadtgardist aus Neuburg ist begeistert von der Atmosphäre in Kaltenberg. Die Mitwirkenden sind wie eine große Familie und so stellen sie sich auch dem Publikum dar – voller Enthusiasmus und Freude an der Sache. Unser Neuburger Trommler ist die ersten Jahre immer der erste, der in die Arena marschiert, Seite an Seite mit dem Hauptmann der Stadtwache und somit auch bekannt wie ein bunter Hund unter den Mitwirkenden. Das erste Jahr ist geprägt von einem – nach heutigen Maßstäben – noch eher bescheidenen Turnier, aber schon getragen von viel Herzlichkeit und Feierlaune. Selbst Prinz Luitpold feiert mit und übt sich im Armdrücken gegen die Englischen Ritter – und er gewinnt!

Die Neuburger Stadtwache entdeckt das alte Schlachthaus, das auf deren Initiative zum Badehaus umfunktioniert wird. Noch heute erzählt man sich von der legendären Fernsehaufnahme des Bayerischen Rundfunks, bei der gut zehn Stadtwachen mit Sturmhauben und Maßkrügen im Badezuber sitzen, über dem quer das Gerippe vom Ochs am Spieß liegt. Überall ist er dabei, unser Neuburger Trommler und hat Spaß an den Anfängen in Kaltenberg, was nicht zuletzt an den weiblichen Knappen der Bayerischen Ritter liegt.

Da ist noch die Geschichte vom Bier, das die Stadtwache ausschenken soll. Das Aufbaukommando der Stadtwache ist mit 30 Mann angerückt und findet am Lagerplatz 100 Liter Fassbier vor. Sofort wird das Aufbauen verschoben und im Nu ist der Gerstensaft vernichtet. 25 der 30 Mann verteilen sich danach auf dem Gelände, um ein wenig zu ruhen. Unser Trommler und weitere vier Mann beginnen schon mal langsam mit dem Aufbau, als der damalige Marktleiter kommt und das mit dem Bierverkauf erklären will. Seit der Ankunft der Stadtwache ist noch keine Stunde vergangen! Die fünf Männer erklären daraufhin, dass sie gar nichts verkaufen könnten, da sie das Bier schon ausgetrunken hätten. Man stelle sich den Blick des Marktleiters vor, angesichts der fünf relativ nüchternen Stadtwachen und 100 Litern verschwundenen Biers…

Es war ein Kaltenberg, wie man es sich heute schwerlich vorstellen kann. Erst vor kurzem trafen sich die alten Stadtwachen und plauderten darüber, wie alles begann. Eines wünschten sich viele von ihnen: noch einmal dabei zu sein als Aktiver beim Kaltenberger Ritterturnier.

Vielleicht treffen sie sich einmal und sitzen, nur in ihren Gewandungen, in der Ritterschwemme und schwelgen in Erinnerungen. Erinnerungen eines damals 15-jährigen Trommlers der Neuburger Stadtwache.
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2 Kommentare
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Tanja Wurster aus Augsburg | 25.06.2009 | 13:30  
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Andreas Gleixner aus Fürstenfeldbruck | 28.06.2009 | 13:27  
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