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Spurlos verschwinden

Wie Menschen im digitalen Zeitalter abtauchen – so lautet der Untertitel des Buches „Spurlos verschwinden“. Frank M. Ahearn und Eileen C. Horan geben darin Einblicke in ihre Geheimnisse als Zielfahnder. Einst als Kopfgeldjäger aktiv, haben die Beiden inzwischen die Seiten gewechselt und helfen Menschen dabei, ein neues Leben zu beginnen.

Das Buch gibt konkrete Hilfestellung, was Menschen, die unerkannt aus ihrem alten Leben entfliehen wollen, beachten sollten. Sei es, weil Kriminelle hinter ihnen her sind oder weil sie von einem Stalker bedroht werden. Das Prinzip ist in der Regel das Gleiche. Die beiden Autoren vermitteln ihre Erfahrungen gut strukturiert. Den ein oder anderen Ratschlag trichtern sie dem Leser förmlich mit dem Holzhammer ein, so häufig wiederholen sie Anfängerfehler wie die Nutzung von Kreditkarten, die Beibehaltung von altbekannten Gewohnheiten oder den Ankauf von falschen Pässen.

Ahearn und Horan lockern die Anleitung zum Verschwinden immer wieder mit Beispielen auf, bei denen Leute aufgrund dummer Fehler gefunden worden. Sie berichten aber auch von ihrer persönlichen Erfolgsbilanz. Und sie zeichnen ein fragwürdiges Bild von Detekteien. Denn es gibt Personenfahnder, die auch Unschuldige jagen, wenn die Summe der kriminellen Auftraggeber stimmt. Die Meinung der Autoren über ihre Branchen-Kollegen scheint nicht besonders hoch zu sein, wird die Konkurrenz schließlich abwertend als Schnüffler, einmal mit dem vorangestellten Adjektiv „trottelig“, bezeichnet. Schnüffler täuschen und lügen, um an Informationen zu kommen.

Selbstverständlich muss der Abtauchende auch seine Online-Spuren gründlich verwischen. Doch ein Personenfahnder benötigt auch im digitalen Zeitalter keine Computerkenntnisse eines Hackers, um sein Ziel zu erreichen. Anrufe und gegebenenfalls eine kleine Bestechung genügen gemäß den Ausführungen des Duos völlig. Telefongesellschaften, Stromlieferanten, Auskunfteien und Kabelfernsehanbieter sind die ersten und häufig auch vielversprechendsten Anlaufstationen für Detektive, um ihr Ziel aufzuspüren. Doch in dieser Rezension sollten natürlich nicht alle Details verraten werden.

Haken, Schnur und Senkblei

Eines noch. Ahearn und Horan raten dringend dazu, eine Flucht gut vorzubereiten. Unerlässlich sind mehrere Mietbriefkästen, unregistrierte Prepaid-Telefonkarten, Rufweiterleitungen, Bares. Ausreichend Geldmittel sind für ein erfolgreiches Abtauchen notwendig. Denn es bringt ihren Erfahrungen nach wenig, wenn man einfach verschwindet und an einem neuen Ort wieder auftaucht. Wesentlich effizienter, aber auch umständlicher und ressourcenintensiver ist es, falsche, aber glaubwürdige Fährten auszulegen.

Ihr Prinzip ist in drei Stufen unterteilt: Haken, Schnur und Senkblei. Der Haken ist ein kleiner, echt wirkender Hinweis, den der Abtauchende extra auslegt, um den Jäger in Sicherheit zu wiegen. „Vielleicht bekunden Sie Interesse an einem Eigenheimkredit oder einer Mietwohnung oder einer Kreditkarte, was dann eine Bonitätsprüfung durch den Anbieter nach sich zieht.“

Erfährt der Verfolger von der Kreditauskunft, wird er im Zielort aufkreuzen. Nun kommt die Schnur zum Einsatz: ein „Kuddelmuddel von Hinweisen“ auf die Zielperson an diesem Ort: Antrag auf Strom, Wasser und Festnetzanschluss. Bei den lokalen Versorgern wird ein falscher, größerer Arbeitgeber genannt, jedoch mit einer Kontaktnummer derselben Firma an einem anderen Standort des Unternehmens. All diesen falschen Fährten nachzugehen, kostet den Verfolger Zeit und Geld.

Mit dem Senkblei zwingt man den Verfolger praktisch zur Aufgabe. Sei es, weil er beim Wählen der finalen Telefonnummer, die nach Einsammeln sämtlicher Fährtenkrümel, ans Licht kommt, auf seinem eigenen Anrufbeantworter landet – oder bei der Polizei. Oder weil er an eine neu beantragte Kreditkarte samt zugehörigen Bankauszügen gelangt, bei denen die vermeintliche Zielperson innerhalb kürzester Zeit Beträge an Geldautomaten im ganzen Land gezogen hat.

Fazit: Gute Anleitung zum Abtauchen

„Spurlos verschwinden“ liefert gute Hinweise, wie man Spuren verwischt und falsche Spuren legt, um abzutauchen. Man sollte es nur nicht eilig haben. Ahearn und Horan erläutern zwar auch etliche Dinge, die einem vernunftbegabten Menschen, der untertauchen will, sonnenklar sein sollten. Aber sie raten auch begründet von Fluchtmöglichkeiten ab, die vor der Lektüre dieses Buches plausibel erschienen.

Sehr begrüßenswert ist, dass in der deutschen Ausgabe, übersetzt von Andreas Simon dos Santos, sehr viele Informationen auf Deutschland adaptiert wurden. Es handelt sich also nicht um eine simple US-Übersetzung mit geringem Nutzwert für Nicht-Amerikaner, sondern um ein Werk, das auch deutschen Untertauchern als Ausgangsbasis helfen dürfte. Solange sie das Buch nicht zusammen mit Reiseführern ihrer Auswanderungsziele und erst recht nicht mit ihrer Kreditkarte kaufen.

Spurlos verschwinden. Wie Menschen im digitalen Zeitalter abtauchen. Geheimnisse eines Zielfahnders. von Frank M. Ahearn und Eileen C. Horan ist ursprünglich 2010 auf Englisch erschienen. 2018 brachte der Piper Verlag die 256 Seiten auf Deutsch als Taschenbuch heraus. Die ISBN lautet 978-3-492-06124-7.


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