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Von Trappern und Geigern

Die Rollenverteilung als Beifahrer gefiel nicht jedem
 
Dieses urige Modell der 50er hatte Platz für eine Standup-Sozia
Der schwierige Weg zur Mobilität in der Nachkriegszeit

"Schau a mol, der Kloine geigt aber ganz schee ...“ Diesen Spruch konnte man in meiner Kindheit immer wieder mal hören. Damit meinte man aber keinesfalls, daß ein Kind besonders gut auf der Violine spielen konnte. Es ging vielmehr um die Optik beim Radfahren! Den Umgang mit dem Zweirad lernte man damals in drei Stufen. Zunächst wurde man mehr oder weniger freiwillig auf ein rustikales Dreirad gesetzt. Diese primitiven Gefährte hatten noch keinen Sattel, sondern eine Art hölzernes Bänkchen und Hartgummireifen, die zwar absolut plattfußresistent waren, aber dafür jegliche Unebenheit des Bodens ungedämpft an den kindlichen Popo weitergaben. Eine Kette war nicht nötig, denn die Pedale waren als Direktantrieb fest am Vorderrad montiert. Für den öffentlichen Straßenverkehr waren diese Dreiräder nicht zugelassen und auch fürs Radeln über den Hof waren sie nur bedingt geeignet. Auf holprigem oder tiefem Untergrund kam die Muskelkraft eines 3jährigen schnell an ihre Grenzen und bergab hauten einem die Pedale blaue Flecken an die dünnhäutigen Schienbeine, wenn man der erhöhten Drehzahl nicht mehr folgen konnte und mit den Füßen abrutschte.

Sofern einem die schmerzhaften Fahrstunden auf diesen Oldtimern das Radeln nicht von vorneherein vermiest hatten, durfte man in Stufe 2 auf ein Kinderfahrrad umsteigen. Eines, von dem keiner mehr sagen konnte, wem es eigentlich gehörte, stand immer auf dem Hof rum. Bike-Sharing würde man das heute nennen. Dieses Anfängerrad war nicht viel größer als der oben beschriebene Direktantriebler, aber es verfügte erfreulicherweise über einen Kette mit Freilauf und eine Rücktrittbremse, was das Verletzungsrisiko bei übermütigen Bergabfahrten deutlich verminderte. Außerdem sorgten luftgefüllte Ballonreifen für mehr Fahrkomfort und ein entspanntes Hinterteil. Erste, um ihren mobilen Nachwuchs besorgte „Helikoptereltern“ bestückten das Zweirad zusätzlich mit wackeligen Stützrädern. Die verhinderten zwar nicht, daß die unerfahrenen Piloten unfreiwillig aus dem Sattel geworfen wurden, aber sie bekamen dafür bessere Stilnoten. Mit diesen Einsteigermodellen fuhr man gewöhnlich solange, bis man so groß gewachsen war, daß man mit den Knien am Lenker anschlug.

Ängstliche Probanten vertrauten dem Fahrrad als Fortbewegungsmittel grundsätzlich nicht und setzten lieber auf einen Tretroller. Da stand an erster Stelle als Ur-Urahn aller E-Scooter der hölzerne „Schnellläufer“ mit seinen winzigen hartgummibereiften Rädern. Es gab eine High-Tech-Variante, die für bessere Standfestigkeit hinten mit 2 Rädern bestückt war, aber genau das Heck war die größte Problemzone dieser Ökoscooter. Steile Abfahrten wie den Kirchberg hinunter endeten regelmäßig blutig, denn abbremsen ließ sich der Roller nur, wenn man mit der Schuhsohle direkt aufs Hinterrad drückte. Das bescherte so manchen Sandalen ein kurzes Leben und dem Piloten schmerzhafte Erziehungsmaßnahmen, aber das war immer noch besser, als wenn man barfuß einen Hang hinabschoß und bei Überschreiten der Höchstgeschwindigkeit wählen mußte zwischen Absprung ohne Bremsfallschirm oder Brandblasen an den Füßen. Anfang der 60er Jahre schleppte das Christkind endlich komfortablere, ballonbereifte Tretroller der neueren Bauart an. Die boten eine breitere Stellfläche, dazu ein mittelmäßig wirksames Bremspedal und einen ultracoolen Gepäckträger, auf dem man talwärts sogar sitzen konnte, wenn die Arme lang genug waren, um den Lenker aus dieser Position zu fassen.

Beim Radfahren begann für viele eine schwierige Phase, sobald man dem kleinen Gemeinschaftsrad entwachsen war, denn für Drahtesel mit altersgerechten Rahmengrößen fehlte den Eltern schlicht das Geld und deshalb hieß es, mit derlei frommen Wünschen mindestens bis zur Heiligen Erstkommunion zu warten. So stieg man gezwungenermaßen um auf ein viel zu großes, ausrangiertes Erwachsenenrad, bei dem der TÜV längst abgelaufen und die Chromteile mit rostigen Sommersprossen übersät waren. Damenräder waren in dieser Periode tatsächlich auch bei allen Jungs beliebt, denn mit den zu kurzen Beinen reichte man entweder oben nicht auf den Sattel oder unten nicht auf die Pedale und so mußte man im Stehen radeln. Das ging mit der weiblichen Ausstattung erstaunlich geschmeidig, während die männliche Stange wie so oft im Leben Probleme bereitete.

Wenn man endlich mit den Fußspitzen gerade so bis auf die "Trapper" reichte und voller Stolz auf dem Sattel sitzend radeln konnte, ergab sich naturgemäß ein ganz besonderer Fahrstil: das sogenannte "Geigen", bei dem der ganze Oberkörper in einer Art Wiegeschritt hin und her wogte. Das sah ziemlich unästhetisch aus und verursachte auf dem harten Sattel Reibungsschäden am Hinterteil. Wenn man extrem "geigte" und die lästernden Kumpels am Straßenrand standen, konnte man sie einem schadenfroh hinterher rufen hören: "Hey, was koschtet bei Dir a Pfund Geigamehl?"
Ja, gemobbt wurde man damals auch schon, es hieß bloß nicht so!
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Romi Romberg aus Berlin | 04.02.2020 | 00:21  
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