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Händler der Vier Jahreszeiten

So ähnlich sah das Auto des "Prima" aus (Archivbild)
Die Verlockung kam immer samstags und sie kam auf vier Rädern, immer zur selben Zeit und stets aus Richtung Ottmarshausen. Ein stinkender, blauer TEMPO MATADOR, umgebaut zu einem mobilen Tante-Emma-Laden, hinten mit groben Planen verhängt. Er hielt das erste Mal beim Schiemann-Haus drunten, von dort hörten wir bereits die Glocke leise bis zu uns herauf läuten und die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer: "Der PRIMA kommt!!!“ Glücklich, wer ein paar Zehnerle oder gar ein Fuchzgerle besaß, denn bald danach hielt der PRIMA mit seinem vollbeladenen Verkaufswagen unter den Kastanien an der Schloßmauer und eröffnete die wöchentliche Show mit heftigem Gebimmel seiner Handglocke und dann hieß es, diesen Moment nur nicht zu verpassen. Wie der Fliegende Händler mit bürgerlichem Namen hieß, wußten nur wenige weitgereiste Leute, die seinen Laden in Kriegshaber kannten, bei uns war er halt der "PRIMA", weil er eben prima Obst und Gemüse verkaufte. Und der Mann mit dem zerknautschten Hut bot uns Dorfkindern ein wahres Schlaraffenland auf der Ladefläche dar: Bananen, Orangen und andere exotische Früchte, die für uns noch fremdartig waren und nach Afrika und der weiten Welt rochen. Und frische Erdnüsse ... die waren die größte Verlockung ... mit der kleinen Blechschaufel sorgfältig auf die Waage geschüttet, grammgenau abgewogen und in eine braune Papiertüte verpackt, mit dem aufgedruckten medizinischen Ratschlag der Nachkriegsjahre "Esst mehr Obst", um nur wenige Minuten später auf dem Eisengeländer des Badstegs genüßlich geknackt zu werden. Wie tränenbitter war hingegen die Enttäuschung, wenn man kein Geld in der Tasche hatte, wenn sich die schweren grauen Vorhänge schlossen, ohne daß man etwas in Händen hielt und der lahme Zweitakter erbarmungslos weiter tuckerte zum nächsten Halt droben beim Dauner. Dann hieß es eine unendlich lang scheinende Woche zu warten bis zur nächsten Chance, wenn wieder einer rief: "Der PRIMA kommt!"

In unserem heutigen Discounter-Zeitalter würde der verwöhnte König Kunde nicht mehr dem scheppernden Klang der Glocke folgen. Längst haben ihn die Markt(ver)führer mit Billigangeboten hörig gemacht, die zu jeder Jahreszeit von früh bis spät plastikverpackt und schockgefroren zur Verfügung stehen. Und selbst wenn der übersättigte Konsument nachts um 23 Uhr Lust auf eine Flugmango bekommt, kann er sich diese online mit ein paar Klicks auf seinem Smartphone bestellen. Aber diesen einen kurzen Glücksmoment, den man damals erlebte, wenn man samstags um 13 Uhr am Verkaufswagen eine Orange ergatterte, kann man mit keinem Geld der Welt erkaufen, weil es heutzutage viel zu selbstverständlich geworden ist, sich solchen Luxus zu leisten. Die Wertschätzung für die Früchte der Natur ist irgendwann in den sechs Jahrzehnten zwischen dem PRIMA und „Lieferando.de“ auf der Strecke geblieben.
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