Anzeige

„Effi Briest“ am 15. Dezember im Theater Naumburg

Naumburg: Theater Naumburg | Ein letztes Mal Streiter für Frauenrechte
Gedanken zur letzten Aufführung von „Effi Briest“
Ein Glück, dass wir die Notiz in der Zeitung noch gesehen hatten: Heute zum letzten Mal „Effi Briest“. Wir hatten schon viel, zum Teil Widersprüchliches, über diese Inszenierung gehört und gingen deshalb mit einem gewissen Vorbehalt in die Vorstellung. Die vor Beginn an den Vorhang projizierten Auszüge aus dem Gleich-stellungsbericht der Bundesregierung riefen zunächst Verwunderung hervor, wurden dann aber schnell als bewusster Hinweis auf die rechtliche Lage der Frau in der Gegenwart erfasst, zu der dann die Geschichte der in einer konventionellen Welt lebenden jungen Frau den berührenden Hintergrund bietet.
Gespannt waren wir, wie wohl die Fülle des Romans von Theodor Fontane auf der Bühne umgesetzt sein würde. Erinnerungen an berühmte Adaptionen des Stoffes für den Film wie den von Rainer Werner Fass-binder oder den DEFA-Film von 1970 mit Angelika Domröse als Effi bestimmten die Erwartungen, obwohl man wusste, dass die Möglichkeiten einer kleinen Bühne natürlich sehr beschränkt sein müssen. Dann aber doch ein beeindruckendes Erlebnis, trotz aller gewollten Kargheit der Ausstattung; nur zwei Stühle, ein Tisch und mehrere Vorhänge, die noch eine wichtige Rolle spielen sollten, bestimmten das Bühnenbild. Die Auf-führung lebt dann auch nicht durch ein illusionistisches Bühnenbild, sondern wird durch die beiden Schau-spieler lebendig. Die Bearbeitung von Theodor Fontanes wohl berühmtestem Roman besticht durch das zwar kleine, aber exzellente Darstellerensemble. Nur zwei Schauspieler entwickeln im gemeinsamen Spiel und Schattenspiel die die Handlung vorantreibenden Figuren.
Dabei ist besonders staunenswürdig, wie Holger Vandrich so unterschiedliche Charaktere glaubhaft darzu-stellen vermag, sich in Sekundenbruchteilen von Instetten in Crampas zu wandeln vermag. Überzeugend vermag er den zeremoniell-steifen Innstetten, phantasielos und schulmeisterlich in seinem Wesen, darzu-stellen. Hier und nicht nur hier zeigen sich auch die Vorhänge in ihrer vielfachen Bedeutung, sind sie doch nicht nur Möglichkeit Raumwechsel anzudeuten, sondern lassen durch Instettens pedantisches Ordnen und Zurechtzupfen des Vorhangs einen Blick in sein Innerstes tun. Auch Crampas, den erfahrenen, leichtsinnigen Verführer, dem „alle Gesetzmäßigkeiten ... langweilig“ sind, kann Vandrich durch wenige Änderungen seines Äußeren und durch sein Auftreten Glaubhaftigkeit verleihen. Der Zuschauer spürt schon, Effi in ihrer seelischen Isolierung wird sich dem Verhängnis nicht entziehen können,ihre gesellschaftliche Ächtung scheint vorherbestimmt. Eben daran geht sie zugrunde. Trotz aller bedrückenden Umstände, die den Lauf des Stückes bestimmen, gibt es dann aber auch heitere Szenen, wie die turnerische Einlage Vandrichs als Crampas, bei der das Publikum impulsiv applaudierte.
Ebenso souverän agiert Katja Preuß als Effi. Anfangs noch überzeugend halbes Kind, einfältig jung, aber doch ganz vom gesellschaftlichen „man“ bestimmt und auf anerkannte äußere Werte orientiert, verkörpert die Schauspielerin Effi nach der Geburt der Tochter reifer und fraulicher, lässt sie als selbstbewusste, junge Frau sehen. Sichtbar zeigt sie auch, dass die innere Vereinsamung bleibt, dass Instettens abweisendes Verhalten ihr schmerzlich bewusst macht, was ihr in ihrer Ehe fehlt: „Huldigung, Anregungen, kleine Aufmerksam-keiten“. Sie begreift den Egoismus Instettens, der durch den Chinesenspuk im Landratshaus nicht nur seine persönliche Eitelkeit befriedigt, sondern auch, wie Crampas ihr klarmacht, „eine Art Angstapparat aus Kalkül“ aufbaut um seine Frau in Abhängigkeit halten zu können. Allein gelassen von ihrem Mann, gelangweilt vom oberflächlichen gesellschaftlichen Leben in Kessin, wird Effi schuldig-unschuldiges Opfer. In dem kleinen Liebhaberdrama „Der Schritt vom Wege“, das Effi mit dem Major Crampas spielt, einem routinierten Frauen-verführer, wächst ihr Wunsch nach Lebensromantik und so entsteht das Verhältnis, ohne Leidenschaft, mehr spielerisch als ernst gemeint. Frau Preuß lässt in ihrer Darstellung spüren, dass das Verbotene und Heim-liche ihres Tuns Effi zuwider ist, dass sie mehr Opfer der Gesellschaft und der Gelegenheit als eines wirk-lichen Verlangens ist. So begrüßt sie es als Erlösung, dass Innstetten nach Berlin versetzt wird und die Be-ziehung zu Crampas damit ein unauffälliges Ende findet.
Was Fontane im Roman fast plaudernd erzählt, in den Dialogen seiner Figuren das Geschehen nur indirekt sich spiegeln lässt, kann auf der Bühne nur durch Effis wiederholte Schilderungen ihres Lebens für die Mutter erreicht werden. Auch diesen die Entwicklung deutlicher machenden Einfall des Regisseurs Paul Sonder- egger gestaltet Frau Preuß, ohne dass es fremd erscheint. Der Anachronimus der als Vermittler der Gedan- ken agierenden Videokamera sei in diesem Zusammenhang verziehen. Warum sollen die Möglichkeiten mo- derner Technik wie bei den Bildprojektionen nicht genutzt werden, da ja das Stück nicht nur eine vergangene Zeit der sinnentleerten Konventionen und überholten Ehrgriffe spiegeln soll, sondern durchaus auch eine auf heutige Verhältnisse zielende Reflektion gesellschaftlicher Zwänge und Vorurteile sein will. Die Bestürzung darüber, nach fragwürdigem gesellschaftlichem Gebot handeln zu müssen, wird am klarsten in den Worten Instettens vor dem verhängnisvollen Duell mit Crampas deutlich, die Holger Vandrich nachdrucksvoll vorträgt: „aber jenes … uns tyrannisierende Gesellschafts-Etwas … fragt nicht nach Charme und nicht nach Liebe und nicht nach Verjährung. Ich habe keine Wahl. Ich muss…die Dinge verlaufen nicht, wie w i r wollen, sondern wie die a n d e r e n wollen …“
Obwohl Innstetten sich der Fragwürdigkeit des geltenden Ehrbegriffes bewusst ist, obwohl er erkennt, dass „alles einer Vorstellung, einem Begriff zuliebe“ geschehen ist, „eine gemachte Geschichte, halbe Komödie“ war, kann er sich doch über die Gebote der Gesellschaft nicht hinwegsetzen, sein Leben ist zur Fassade ge-worden, vor der ihn selbst schaudert. Der Ehrgeiz, das Geflecht gesellschaftlicher Zwänge hat ihn unmerklich ausgehöhlt, der Schwund des Herzens, der Verlust an menschlicher Wärme wird durch die Spielführung noch einmal exponiert sichtbar gemacht. Die nur angedeutete letzte Begegnung Effis mit ihrer schon zehnjährigen Tochter, die vom Vater zu einer der Mutter fremden Puppe abgerichtet wurde, abweisend und nichtssagend in ihren nicht ausgesprochenen Antworten, wird zu einem letzten Schlüssel für das Verständnis der Roman-bearbeitung: Liebe, Vertrauen, Achtung sind nur möglich zwischen Menschen, die nicht von fragwürdigen Normen und Ehrbegriffen der Gesellschaft ausgehen, sondern von Menschen, die sich ihrer selbst und des Wertes der Lebensvorstellungen anderer bewusst sind. Der Versuch, Fontanes episches Werk mit klug ge-wählten Ausschnitten als fesselndes Drama und gültige Emanzipationsgeschichte zu zeigen, beweist eine überzeugende Interpretation, die die Vorlage kritisch vergegenwärtigt.
0
1 Kommentar
4.161
Constanze Matthes aus Naumburg (Saale) | 19.12.2012 | 15:06  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.