Anzeige

Talhausen bei Münchhausen - ein (fast) vergessenes Dorf

Der große Teich mit der Insel (rechts hinten im Bild). Links drei städtisch gekleidete Kinder auf der "Promenade". (Foto: Foto: Franz Kahm, Frankenberg, um 1900)
 
Kurz nach der Fertigstellung schon musste die Fischbrutanstalt erweitert werden. Das Bild entstand während des ersten Umbaus um 1890 - und noch alles in Handarbeit!
 
So präsentiert sich die Fischbrutanstalt heute: Deutlich zu erkennen der erste Bauabschnitt in Werkstein (rechts), in der Mitte der erste Anbau in Qauderwerk und links der zweite Anbau in Fachwerk.
Wenn man vom Sportplatz in Münchhausen durch den Wald entlang der Fischbrutanstalt, den Teichanlagen und dem bekannten Spiegelteich zum sagenumwobenen Christenberg wandert, so durchläuft man in der Talsohle ein Gebiet, dass auch heute noch als „Talhausen“ bekannt ist. Dieser Ort Talhausen ist nur noch eine Wüstung – und da er urkundlich nicht in Erscheinung getreten ist, weiß man nur sehr wenig über seinen Ursprung bzw. Niedergang. Wissenschaftliche Untersuchungen in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts erbrachten frühmittelalterliches Keramikmaterial sowie Siedlungsreste in Form von 5 Terrassenäckern. Dr. Gerhard Eisel, der die Untersuchungen damals vornahm, datierte daher den Ort Talhausen in das 11. oder 12. Jahrhundert. Möglicherweise wurde der Ort Talhausen angelegt, um mit den erzeugten landwirtschaftlichen Gütern die auf dem Christenberg lebenden Menschen (wenigstens zum Teil) mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Dr. Willi Görich (†), ein renommierter Historiker aus Marburg, vermutet, dass etwa in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts Talhausen aufgegeben und die Gehöfte nach Münchhausen verlagert worden sein könnten.
Soweit in wenigen Sätzen die historische Bedeutung des Ortes Talhausen.

Aufwertung Talhausens als Tourismus-Attraktion im 19. Jahrhundert
Am 20. November 1883 wurde auf einer Fischzüchter-Konferenz in Dresden seitens des Kurhessischen Fischereivereins der Wunsch laut, im Einzugsgebiet der Eder eine Brutanstalt zu errichten, um das obere Wesergebiet ausreichend mit Fischbesatz versorgen zu können. Da jedoch kein geeignetes Areal gefunden werden konnte, entschied man sich nach langer Suche schließlich für den durch seinen Wasserreichtum bekannten Standort „Talhäuser Grund“, denn hier entspringt neben der bekannten Bonifatiusquelle (in alten Katasteraufzeichnungen „Aschborn“ genannt) auch der ergiebige Silberborn. Im Mai 1885 wurde schließlich mit der Königlichen Regierung ein Vertrag unterzeichnet und in den Folgemonaten wurden die Teich- und Grabenanlagen sowie das heute noch vorhandene Bruthaus errichtet. Mit viel Liebe zum Detail wurden die Teiche angelegt, auf dem größten befindet sich sogar eine kleine Insel, die über einen Holzsteg betreten werden konnte und auf der sich eine Ruhebank befand. Die Krönung allen Wirkens war jedoch der Spiegelteich. In ihm spiegelt sich die Martinskirche auf dem Christenberg. Ob man das damals so plante oder ob die Erzeugung dieses Spiegelbildes ein Zufall war? Wir wissen es nicht.

Einweihung mit Feuerwerk
Schließlich fand am 30. Juli 1886, nach etwas mehr als einjähriger Bauzeit, die Einweihung der gesamten „Anlagen von Talhausen“, wie es ein zeitgenössischer Chronist beschreibt, statt. Hierzu hatten sich einige geladene Gäste „zu einer Sommerfestlichkeit“ zusammengefunden, um bei Plauderei und Kurzweil auf der Promenade längs der Fischteiche bis zum Fuße des Christenberges zu lustwandeln. Andere vergnügten sich mit Kahnfahrten auf dem großen Teich, denn ein eisernes Boot wurde zu diesem Zweck ebenfalls angeschafft. Der Chronist schließt seinen kurzen Bericht mit den Worten: „Die Gesellschaft vergnügte sich in zwangloser geselliger Unterhaltung bei einem vorzüglichen Glase Münchener und Frankfurter Bier bis zum späten Abend, an welchem ein kleines Feuerwerk den Beschluss der Festlichkeit machte, welche alle Anwesenden auf das höchste befriedigte.“

Fischbrutanstalt gewinnt an Bedeutung
In den Folgejahren gewann die Fischbrutanstalt immer mehr an Bedeutung, so dass das 1885 errichtete Haus durch zwei Anbauten erheblich vergrößert werden musste. Vom Herbst 1885 wird berichtet, dass am 16. November die ersten Forelleneier zum Brüten eingelegt wurden (leider erfahren wir nicht, wie viele) und am 21. November konnten 80.000 Lachseier eingelegt werden. 1895 erfahren wir, dass die Fischbrutanstalt nunmehr voll besetzt ist und 1907 erfahren wir etwas detailreicher, wie viele Fische dort verarbeitet wurden. So wurden von 400.000 Lachseiern 391.000 Lachse erbrütet, von 350.000 Bachforelleneiern 318.000 Bachforellen, von 70.000 Regenbogenforelleneiern 62.350 Regenbogenforellen. Was geschah nun mit diesen immensen Mengen an Fisch? Nun, hierüber gibt uns der Chronist ebenfalls genau Auskunft. Er schreibt: „Die erbrüteten Lachse wurden, wie alljährlich, in die Fulda, Eder Haune bzw. deren Nebenflüsse ausgesetzt.“ Interessant ist noch, dass im Sommer 1906 zum ersten Mal seit sechs Jahren in der Eder wieder Lachse gefangen wurden.

Talhausen als „Freizeitpark“
Einen besonderen Nebeneffekt hatten der große Teich im Talhäuser Talgrund noch zu bieten: Er wurde als Badeteich genutzt. Nach mündlichen Überlieferungen war das oben erwähnte eiserne Boot bis etwa zum 1. Weltkrieg für Fahrten über den Teich im Einsatz, ehe es durchrostete und schließlich in Vergessenheit geriet. Ob zu diesem Zeitpunkt bereits Badeaktivitäten am Teich stattfanden, ist nicht überliefert, darf aber angenommen werden. Durch zahlreiche fotografische Aufnahmen aus den 20er und 30er Jahren lässt sich dieses aber belegen. Hier sehen wir junge Männer und Frauen in zeitgenössischen Badeuniformen mit viel Spaß bei der Sache. Eine einmalige dokumentatorische Kostbarkeit. Und auch andere Aktivitäten sollten in Talhausen durchgeführt werden: In den harten Wintern, in denen das Eis auf den Teichen besonders dick war, wurde Schlittschuh gelaufen. Und auch ein besonderer Nebeneffekt konnte ausgenutzt werden: Es wurde Eis gemacht! Mit schweren Sägen wurden große Blöcke regelrecht ausgesägt und zunächst in einer eigens dafür erbauten Eishütte aus dem Jahr 1898 eingelagert, oder gleich an die Bierverleger im Ort oder andere, die Eis zum Kühlen brauchten, abtransportiert.

Kurioses und Schauriges
Zu den vielen Rätseln, die uns der Talhäuser Grund aufgibt und die wohl nie geklärt werden können, zählt ein (Gedenk?-) Stein, der zwischen Spiegelteich und Bonifatiusquelle auf einem kleinen Hügel steht. In diesen Stein ist ein Herz eingemeißelt mit der dazugehörigen Inschrift „ANNO 1900 C B x J K“. Umrahmt wird dieser Stein von zwei hohen Bäumen, die etwa gleichen Alters sein dürften. Umfangreiche Recherchen führten bisweilen zu keinem Ergebnis. Es wird vermutet, dass sich hier ein Liebespaar gemeinsam das Leben nahm. Aber alle Quellen schweigen hierzu. Aktenkundig hingegen sind mehrere Selbstmorde, die hier nach dem 1. Weltkrieg stattgefunden haben. So berichtet die Oberhessische Zeitung vom 01. August 1922: „Von einer Beerdigung zurückkehrende Schüler entdeckten im Teiche bei Talhausen die Leiche eines Mannes, der sich aus Lebensüberdruss ertränkt hatte.“ Zu erwähnen wäre auch noch ein alter Tanzplatz, der von uralten Eichen umgeben ist und dessen Ursprung sich nicht mehr ermitteln lässt. Bis zum 1. Weltkrieg haben hier im Sommer Tanzvergnügen stattgefunden, zu der eine Musikkapelle aufspielte.

Talhausen verliert an Bedeutung
Vom einstigen Glanz des „Freizeitparks Talhausen“ ist heute nicht mehr viel übrig geblieben. Die Badeaktivitäten fanden 1937 ihr Ende, nachdem ein Freibad in Münchhausen eröffnet wurde. Da auch dieses nun schon fast 40 Jahre nicht mehr existiert, fährt man heute nach Frankenberg oder Marburg zum Baden. 1960 wird in einem Zeitungsbericht noch von etwa 750.000 Forellen gesprochen, die in der Fischbrutanstalt ausgebrütet werden. 1964 hat der Pächter nahe seinem Haus etwa 20 Teiche angelegt, so dass auch die Fischbrutanstalt Talhausen immer mehr an Bedeutung verloren hat und heute an ihre einstige Bedeutung nicht mehr ranreicht. Zum Schlittschuhlaufen geht kein Mensch mehr nach Talhausen. Hier fährt man lieber nach Winterberg. Der Steg, der den großen Teich mit der Insel verband, ist längst verfault und eingestürzt und die Insel ist mit Gestrüpp zugewuchert. Die 1898 errichtete Eishütte ist längst nicht mehr da, lediglich Streppenstufen aus Buntsandstein künden von der einstigen Existenz. Warum auch? Heute hat jeder einen Kühlschrank mit Eisfach. Viele Wanderer werden den einstigen Tanzplatz gar nicht mehr erkennen, obwohl er vor ein paar Jahren noch einmal von Unterholz und Gestrüpp befreit wurde und theoretisch zum Feiern und Tanzen einlädt. Ähnlich ergeht es dem Gedenkstein nahe des Spiegelteichs, der heute bei Wanderern wohl nur noch Verwunderung und Erstaunen auslöst.

Talhausen bleibt aber ein Mekka für Natur- und Pflanzenfreunde
Lediglich der Spiegelteich hat mit seinem Spiegelbild zu keiner Zeit an Charme verloren und wird von Vielen als eine der schönsten Stellen im Burgwald bezeichnet. Und eines hat sich Talhausen die ganze Zeit über still und heimlich bewahrt: eine Artenvielfalt an Hölzern und seltenen Pflanzen, wie sie in dieser Anhäufung im Burgwald nur selten zu sehen ist! Dies kommt durch das in Talhausen vorhandene Kleinklima vor, dass sich auf Grund der Talsohlenlage gebildet hat. Unser Talhausen hat also in den letzten 130 Jahren eine spannende Geschichte durchlebt…
1
0
Lesen Sie auch die Bildkommentare zum Beitrag
3 Kommentare
9.696
Hans-Christoph Nahrgang aus Kirchhain | 26.07.2009 | 19:41  
4.980
OP FanSofa aus Marburg | 27.07.2009 | 01:11  
40.616
Markus Christian Maiwald aus Augsburg | 08.12.2010 | 10:47  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.