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Die Münchhäuser Katastrophe des Jahres 1836 – oder: Wenn selbst Ärzte nicht helfen können

Mit diesem Aufruf an die Menschenfreunde, erschienen u. a. im Hanauer Wochenblatt, warb der Münchhäuser Pfarrer Kümmell in ganz Hessen um Unterstützung gegen die verheerende Katastrophe.
 
Auch der damalige Landrat Volckmar mischte sich mit diesem Aufruf im Wochenblatt für die Provinz Oberhessen ein.
Münchhausen: Christenberg Münchhausen | Über die Lebensverhältnisse in unserer Region im 19. Jahrhundert stehen nur sehr wenige schriftliche Quellen zur Verfügung. Aus dem Wenigen, was niedergeschrieben wurde, erfahren wir allerdings, dass es ein sehr karges Leben voller Mühe und Plage und Armut gewesen sein muss. Dies wird unter anderem auch dadurch belegt, dass von 1850 bis 1890 rund 200 Personen (Ledige, Verheiratete, ganze Familien) allein aus unserem Ort Münchhausen auswanderten, um in der neuen Welt ein besseres Leben zu führen. Viele zog es nach Australien, einige in die Vereinigten Staaten von Amerika. Eine wesentliche Verbesserung der Lebensverhältnisse erfolgte erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch die Ablösung der Zehntlasten ab 1833 (wobei viele Bauern damals bei der hierfür eigens gegründeten Kurfürstlichen Landeskreditkasse in Kassel Geld aufnehmen mussten und dadurch mit neuen Problemen konfrontiert wurden), dem vermehrten Einsatz von Maschinen und Geräten in der Landwirtschaft sowie dem Bau der Eisenbahnstrecke Sarnau-Frankenberg, die am 1. Juli 1890 eingeweiht wurde. Jetzt erst konnten Städte wie Frankenberg, Marburg, Gießen, Siegen und sogar Frankfurt erheblich einfacher erreicht, Handel mit allerlei Waren erfolgreicher getätigt werden. Langsam aber stetig verbesserten sich die Lebensverhältnisse. Doch wie sah es vor der Einführung der Industrialisierung aus?

1857: Kurze Beschreibung der Lebensverhältnisse
Der aus Roda stammende, in Münchhausen konfirmierte und später in Barmen lebende Theologe Georg Seibert hat im Jahr 1857 kurz die Lebensverhältnisse in unserem Ort skizziert. Seine Ausführungen sollen hier wiedergegeben werden: „Etwa eine Stunde von Roda entfernt liegt Münchhausen, ein Dorf, größer und bevölkerter als Roda, aber ebenso arm. Ganze Scharen von Bettelkindern strömen Sonnabends nach Wetter und treiben dort ihr trauriges Geschäft. Wenig große Bauernhöfe hat Münchhausen, aber eine Menge elender Hütten, in denen zahlreiche Familien ein noch elenderes Dasein fristen. Weil der Boden unergiebig ist, so haben viele Bauern dem Ackerbau ganz entsagt und ein gutes Handwerk gelernt; namentlich sind tüchtige Zimmerleute in Münchhausen zu finden, die nach Wetter und Marburg und Frankenberg oft begehrt werden. Es mögen diese leicht den besten Teil der Bevölkerung Münchhausens ausmachen. […] Im vorigen Jahr kehrte die Not, die bittre, drückende Not auch in Münchhausen ein. Mancher arme Vater musste da mit zerrissenem Herzen seine Kinder nach Brot jammern sehen und konnte ihnen nichts geben; mancher armen Mutter vertrocknete selbst die Nahrungsquelle ihres Säuglings, während ihre andern Kinder immer abgezehrter und blasser wurden. Überall herrschte Mangel und Not.“

Steckbriefliche Verfolgung, Zwangsversteigerungen und als letzter Ausweg Auswanderung aus der alten Heimat
Georg Seiberts Ausführungen werden durch einige Berichte aus dem Wochenblatt für die Provinz Oberhessen (1822-1868) untermauert und gestützt. Zum Thema der Bettelkinder seien hier zwei Belege aus dem Jahre 1843 und 1854 angefügt. Am 15. April 1843 wird gegen den 12 Jahre alten Knaben Ludwig Krieg, Sohn des verstorbenen Ackermannes Nikolaus Krieg aus Münchhausen, ein Steckbrief erlassen, weil er sich „vor ungefähr 3-4 Wochen vom Haus entfernt und sich wahrscheinlich bettelnd umher“ treibt. Und am 26. August 1854 berichtet das Wochenblatt: „Das 10 Jahre alte Kind Elisabeth Mengel aus Münchhausen, welches am 3. d. M. dem dasigen Ortsvorstande durch die Gendarmerie zugeführt worden ist, hat sich am folgenden Tage wiederholt von Hause entfernt und treibt sich wahrscheinlich bettelnd umher. Es werden deshalb die Behörden ersucht, dieselbe im Betretungsfalle verhaften und mittelst der Gendarmerie-Verbindungs-Patrouille anher transportiren zu lassen. Marburg am 17. August 1854, Kurfürstliche Polizeidirection, der Polizei-Rath: Müller.“ Von 1822 bis 1868 ist das Wochenblatt voller Nachrichten über Zwangsversteigerungen von Acker- und Wiesenflächen, Häusern oder ganzen Gehöften. Dargestellt werden soll dies am Beispiel der Familie von Wilhelm Berghöfer und Frau Anna Gertrude geborene Althaus. Wilhelm Berghöfer, dessen Anwesen um 1850 völlig überschuldet war, sah keinen anderen Ausweg mehr und floh in einer Nacht- und Nebelaktion im November des Jahres 1852 aus Münchhausen, um nach Australien auszuwandern. Er war zu jener Zeit immerhin schon 45 Jahre alt! Seine Frau und die fünf Kinder blieben zunächst in Münchhausen. Da er sich jedoch ohne offizielle Entlassung aus dem Untertanenverband, also ohne Genehmigung seitens der zuständigen Behörden, aus dem Staub gemacht hatte, wurde er schließlich steckbrieflich gesucht: Wieder werden sämtliche Polizeibehörden ersucht, „denselben betretenden Falles zu verhaften und durch die Verbindungspatroullie der Gendarmerie sicher abliefern zu lassen“. Doch war Berghöfer auf direktem Wege von Münchhausen nach Hamburg und von dort nach Sydney/Australien gereist, wo er im Frühjahr 1853 auch ankam. Zwei Jahre später wollte seine Frau Anna Gertrude mit den fünf Kindern ebenfalls auswandern, doch brauchte sie hierzu einen triftigen Grund, denn ganz so einfach ließen die Kurfürstlichen Behörden niemanden ausreisen. Aus dem uns erhaltenen Dokument hierzu erfahren wir: „Der Ehefrau des vor einigen Jahren abgereisten Wilhelm Berghöfer, Anna Gertrude geborene Althaus aus Münchhausen wird auf Verlangen bescheinigt, dass derselben während der Abwesenheit ihres Mannes ihr sämtliches Mobiliar und Immobilien, Vermögen Schulden halber verkauft worden ist, so dass dieselbe mit ihren fünf Kindern ganz arm ist. Dieses bescheinigt Münchhausen am 3. April 1855 der Gemeinderat (Bürgermeister Althaus, Imhof, Jesberg)“. Schließlich ersuchte sie am 7. April 1855 für sich und ihre Kinder Johannes, Heinrich, Anna, Catharina und Wilhelm um Entlassung aus dem Kurhessischen Untertanenverband, was ihr auch gewährt wurde. Nachdem die Familie sich in Australien wieder vereint hatte, kam sie dort zu Ansehen und Wohlstand. Dies sei nur ein Beispiel von vielen.

1836: Das Jahr der Katastrophe
Obige ausführlichen Beispiele sind notwendig, um die ganze Tragweite der Verarmung der Landbevölkerung im 19. Jahrhundert zu Veranschaulichen. Im Jahr 1836 kam zur allgemeinen Armut noch eine schwere Katastrophe hinzu, nämlich der Ausbruch eines bösartigen Nervenfiebers, wie es zeitgenössisch genannt wurde. Heute wissen wir, dass es sich um eine regelrechte Typhus-Epidemie handelte, die seit 1835 in weiten Teilen Kurhessens grassierte. In einem ersten Hilferuf im April 1836 bittet der damalige Landrat Volckmar alle Menschenfreunde um materielle Hilfe. Er schreibt: „Die Noth, in welcher die Einwohner, deren Mehrzahl bei allem Fleiße und Sparsamkeit ohnehin dürftig und arm zu nennen ist, bei diesem unverschuldeten Geschicke schmachten, ist zum Erbarmen groß.“ Zwar fruchtete sein Aufruf und es kam ein namhafter Betrag zusammen, doch reichte es nicht aus, die große Not zu lindern. Der damalige Pfarr-Assistent Philipp Karl Kümmell, Sohn des damaligen Pfarrers Karl Georg Kümmell, richtete sich mit einem Appell an die Bevölkerung von ganz Kurhessen. Seine Bitte an Menschenfreunde erschien unter anderem in der Hanauer und der Kasseler Zeitung und soll hier wiedergegeben werden: „Bitte an Menschenfreunde. Schon seit Ostern 1835, besonders aber seit dem Anfange dieses Jahres herrscht in hiesiger Umgegend und namentlich in Münchhausen ein so bösartiges Nervenfieber, dass nur wenige Menschen hierselbst davon verschont geblieben sind. Von Januar bis Mai sind über 50 Personen in hiesiger Gemeinde Opfer dieses Typhus geworden, und zumeist Männer und Frauen von 30 – 40 Jahren, Eheleute, denen nun verwaiste und unversorgte Kinder nachweinen. 28 Ehen sind theils getrennt, theils gänzlich aufgelöst worden. Von 130 Haushaltungen sind nur 21 von dieser Pest frei geblieben, in vielen Familien haben aber 7 – 9 Personen elendiglich darniedergelegen. Die Genesenden sind Bilder des Jammers. Viele erlangen nie ihre frühere Gesundheit wieder, und sterben an der Auszehrung, andere aber gehen sechs, ja sogar zwölf Wochen herum, ohne sich erholen zu können. Vier Ärzte hinter einander, die mit Eifer und Anstrengung dem weiteren Umsichgreifen zu steuern und die Wuth der Krankheit zu bekämpfen suchten, erlagen in nicht völlig 5 Monaten. Welcher Jammer und welche Noth, welche Armuth in einer Gemeinde herrschen muss, die so schwer heimgesucht worden ist, lässt sich denken. Handel und Wandel haben aufgehört, denn Fremde scheuen den Ort, der ihnen den Tod bringen kann, der Ackerbau hat zum Theil vernachlässigt werden müssen, alle anderen Hülfsquellen sind versiegt. Dagegen aber die Kosten an Apotheker und Ärzte, für Nahrung der Armen und ihre nothwendigsten Bedürfnisse sind unglaublich groß, die Gemeindekasse gänzlich erschöpft und ohne Einnahme. Wohl haben sich Menschenfreunde, besonders in unserer Nähe, Unserer angenommen, aber wir hoffen, dass auch in weiterer Ferne noch milde Herzen schlagen, die sich der Gelegenheiten freuen werden, Gutes thun zu können. Die Redaction der Hanauer Zeitung wird gebeten, etwa eingehende Unterstützungen an mich zu befördern, über deren weitere Verwendung ich alsdann Rechnung ablegen werde. Münchhausen bei Marburg am 14. Juni 1836. Ph. K. Kümmell, Pfarr-Assistent.“ Ja, welch unvorstellbares Elend, welch unbarmherziges Leid, welche Not!

Das Ende der Leidenszeit
Schließlich kam diese unheilvolle Epidemie im Oktober 1836 zum Erliegen. Aus der Frankenberger Stadtchronik, mitgeteilt vom damaligen Stadtschreiber Johann Zumben, erfahren wir hierzu näheres: „Es ereignete sich in diesem Jahre eine menschenverheerende Krankheit, das sogenannte Nerven-Fieber, welches im vorigen Jahre in vielen Gegenden und so auch in unserm Kurhessen schon seinen Anfang genommen und verbreitet hatte. Auch unsere liebe Vaterstadt Frankenberg blieb nicht davon verschont, es starben hieran viele Menschen, besonders heftig war dieselbe in den nahe gelegenen Ortschaften Ernsthausen, Münchhausen und Wollmar, wo nur wenige Familien davon verschont blieben, die übrigen in den beßten Jahren ihres Alters mussten dieser Krankheit als Opfer unterliegen. Aerztliche Hülfe aus Marburg und Wetter war vergeblich und drey Aerzte aus Marburg und Wetter, welche sich dahin begaben um das verheerende Uebel zu heben, wurden ebenfalls ein Opfer desselben, bis endlich unser hiesiger Arzt, der Kreisphysikus Doctor Conrad Friedrich Hartwig als ein sehr thätiger und kenntnißvoller Mann durch seine zweckmäsige Curen das Uebel gänzlich hob und die davon befallene Menschen in kurzer Zeit befreyete. Ihm wurde deshalb auch unterm 10: December 1836 der Kurhessische Orden des goldenen Verdienst Kreutzes zu theil.“

Resümee und Dank an die Menschenfreunde
Nachdem die Epidemie erloschen war, musste festgestellt werden, dass vier behandelnde Ärzte an dieser Krankheit starben. Stadtschreiber Zumben berichtet zwar von drei Medizinern, doch dürfen wir wohl Kümmell aufgrund der räumlichen Nähe eher Glauben schenken, der von vier Ärzten berichtet. Allein im Ort Münchhausen waren von 474 Erkrankten schließlich 74 Personen dahingerafft worden. Am 4. November 1836 berichtet Philipp Karl Kümmell sehr ausführlich über die von den Menschenfreunden aus ganz Hessen sehr zahlreich eingegangenen Spenden und deren Verwendung. So schreibt er zunächst einige Dankesworte: „Das Vertrauen vieler Menschenfreunde aus der Nähe und Ferne hat mich mit bedeutenden Summen zur Unterstützung der armen Einwohner des Kirchspiels Münchhausen, welche an dem hierselbst lange Zeit grassierenden Nervenfieber darniedergelegen haben, versehen. Dadurch bin ich in den Stand gesetzt worden, das Unglück, das so schwer auf ihnen lastete, wenigstens theilweise zu erleichtern, und manchen Armen vor Verzweiflung zu bewahren. Ich selbst fühle mich allen denen, die ihre Hand zur Hülfe der Elenden so bereitwillig geboten haben, für das mir geschenkte Vertrauen zum innigsten Danke verpflichtet, zugleich aber auch verbunden, im Namen all derer, welche sich der Vorsorge und Hülfe ihrer Mitmenschen zu erfreuen gehabt haben, das Gefühl des Dankes auszusprechen, welches in ihrem Herzen für ihre unbekannten Wohltäter lebendig ist, und um das mir erwiesene Vertrauen nicht zu missbrauchen, und zu meiner eigenen Rechtfertigung, öffentliche Rechnung über die Einnahme der Unterstützungsgelder und die Art ihrer Verwendung, abzulegen.“ Laut seiner Aufstellung kamen insgesamt 1.044 Reichstaler, 19 gute Groschen und 44 Heller an Geldspenden zusammen, an Sachspenden gingen u. a. ein: mehrere Hemden, mehrere Paar Strümpfe, Taschentücher, Jacken, Hauben und ein Schlafrock. Aus Kümmells Aufzeichnungen erfahren wir auch die genaue Verwendung des Geldbetrages. So wurden für die Kranken von Ernsthausen, wo das Nervenfieber nicht so arg gewütet hatte, 175 Reichstaler, 4 gute Groschen und 8 Heller aufgewendet und zwar u. a. für: 18 Mött Brotkorn, 75 Paar Schuhe, 188 Ellen Leinwand für Hemden sowie für das Weißen von 87 Krankenstuben. Für die Kranken von Wollmar, wo der Typhus ebenfalls nicht so stark grassiert hatte, wurden 77 Reichstaler, 6 gute Groschen und 10 Heller aufgewendet und zwar u. a. für: 9 Mött Brotkorn, 31 Paar Schuhe, 100 Ellen Leinwand für Hemden und Kittel sowie für das Weißen von 50 Krankenstuben. Für Münchhausen, zu dem damals die Schlagpfütze und Obersimtshausen gehörte, wurde folgender Betrag aufgewendet: 407 Reichstaler und 2 gute Groschen. Auf der Ausgabenseite schlagen hier u. a. zu Buche: Eine Meste Wacholderbeeren (12 Groschen), 8 Pfund Chlorkalk (3 Taler, 15 Groschen und 8 Heller), für 4 Krankenwärterinnen (48 Taler, 18 Groschen), 2 Klafter Holz zur Menage (5 Taler), Ingredienzien zur Menage (8 Taler, 12 Groschen), für Fleisch dazu (36 Taler, 7 Groschen, 12 Heller), Lohn an Gastwirt Klein auf der Schlagpfütze für das Kochen der Menage (12 Taler, 20 Groschen), 19 Mött, 3 Mestern Brotkorn (49 Taler, 11 Groschen), 140 Paar Schuhe (130 Taler, 24 Groschen, 4 Heller), 370 Ellen Leinwand für Hemden und Kittel (41 Taler, 11 Groschen), 30 Ellen grünen Bieberstoff für Röcke (10 Taler, 15 Groschen), für das Weißen von 100 Krankenstuben (37 Taler, 12 Groschen), 1 Bouteille alten Wein (16 Groschen), 1 Kirchenrock (18 Groschen), 3 Gesangbücher für Arme (2 Taler). Pfarrassistent Kümmell schließt seine Bestandsaufnahme mit der Feststellung, dass 376 Taler, 19 Groschen und 44 Heller an Überschuss verblieben sind. Hiermit endet die Berichterstattung über die vermutlich größte Katastrophe im Münchhausen des 19. Jahrhunderts.
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4 Kommentare
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 22.01.2010 | 14:39  
4.980
OP FanSofa aus Marburg | 22.01.2010 | 23:40  
9.696
Hans-Christoph Nahrgang aus Kirchhain | 23.01.2010 | 19:02  
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Holger Durben aus Münchhausen | 26.01.2010 | 21:39  
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