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Jetzt san wir dran: Nach 2. Stammstrecke haben Aussenstrecken Priorität. Damit S-Bahnvision Wirklichkeit wird, müssen Landräte beim Bund für Finanzierung sorgen

Die Landräte wollen, dass es parallel zum Bau der zweiten Stammstrecke Verbesserungen gibt – und konkrete Planungen für die Zeit danach.© MVV aus tz, 31.3.2017 (Foto: tz, MVV)
München: Hauptbahnhof |

Ende März 2017 berichtet die Lokalpresse über eine Studie der Landkreise, welche die Vision S-Bahn München 2050 vorstellt. In dieser Studie sind sowohl S-Bahnprojekte, welche bereits im Bau sind als auch S-Bahnprojekte, welche sich in verschiedenen Planungsphasen befinden, enthalten. Daneben sind darin auch vollständig visionäre Projekte aufgelistet, wie etwa eine völlig neue Bahnlinie von Karlsfeld nach Dasing oder den Ausbau des Güternordrings für den S-Bahnverkehr (siehe Grafik). Die Projekte mögen zwar alle sinnvoll sein, unter den gegenwärtigen Bedingungen sind diese jedoch auch in den nächsten 100 Jahren nicht finanzierbar. Mit der vom bayerischen Innenminister Ende letzten Jahres angekündigten Prioritätenliste (BR, 21.12.2016), in dem jede S-Bahnbaumassnahme mit einer Jahreszahl versehen wird, und die das Innenministerium angeblich zusammen mit den Kommunen und Landkreisen entwickeln wolle, hat diese Studie jedoch nichts gemeinsam. Es ist wohl wieder nur ein Wunschzettel.

Nach der 2. Stammstrecke haben nun eindeutig die Aussenstrecken Priorität

Mit der Eröffnung der 2. Stammstrecke wird die Kapazität zwischen den Bahnhöfen Laim und Ostbahnhof praktisch auf einen Schlag nahezu verdoppelt. Allein diese Tatsache macht klar, dass weitere Strecken zwischen Laim und Ostbahnhof, wie der Süd- und der Nordring sicher wünschenswert sind, aber keineswegs auf der Prioritätenliste ganz oben stehen. Prioritär ausgebaut werden müssen jene S-Bahnaussenäste mit hohem Fahrgastaufkommen, die jedoch zwei Gleise im Mischverkehr mit den Güter-, Regional- und Fernverkehr teilen müssen. Dies sind die Linien S1-West Freising-Moosach, S4-West Geltendorf-Pasing, S2-Ost Markt Schwaben-Berg am Laim und S8-Ost Flughafen-Leuchtenbergring. Für die S1-West kamen die Planungen mit der Entscheidung, den Flughafen über den Ostkorridor anzuschliessen, leider zum Erliegen. Die Planungen zur S4-West (Pasing-Eichenau) waren zwar im Frühjahr 2012 mit dem angeblichen Abschluss der Vorplanungen relativ weit gediehen. Danach hat man jedoch die Planungen von einem vier- auf einen dreigleisigen Ausbau umgekrempelt, was die Planungen um Jahre zurückgeworfen hat. Die S2-Ost sollte ursprünglich zusammen mit dem Ausbau der Strecke München-Mühldorf-Freilassing zwischen Berg am Laim und Markt Schwaben viergleisig ausgebaut werden, 2010 hat man dieses Vorhaben dann plötzlich nicht mehr als notwendig erachtet. Bei der S8-Ost ist ein viergleisiger Ausbau zwischen Johanneskirchen und Daglfing vorgesehen. Dieser Ausbau, welcher als Güterverkehrsprojekt in die alleinige Bundesverantwortung fällt, verzögert sich jedoch, weil die Stadt München eine teure und zeitaufwändigere Tunnelvariante wünscht, die die Stadt finanzieren muss. Bei der S4-West wird zumindest ein Abschluss der Vorplanungen im Laufe dieses Jahres in Aussicht gestellt (Pressemeldung von Reinhold Bocklet vom 28.4.2016). Die Dringlichkeit des Ausbaus der Aussenstrecken wird auch im Gutachten zur 2. Stammstrecke von 2011 anerkannt (eine Überlastung tritt zwischen Leienfelsstrasse und Pasing auf, diese müsse aber hingenommen werden, da eine Taktverdichtung ohne Infrastrukturausbau nicht möglich sei, siehe Seite 80). Ebenfalls überlastet ist der Streckenabschnitt Perlach-Giesing (S7-Ost). Dort kommen jedoch nur Vollzüge und keine Langzüge zum Einsatz, da die Bahnsteige in Großhesselohe, Pullach und Höllriegelskreuth zu kurz sind. Diese sollte ohnehin verlängert werden, da die S7 nach der Verlängerung von Wolfratshausen nach Geretsried wohl mehr Fahrgäste aufweisen wird und deshalb auch am Westast längere Züge und damit Bahnsteige erforderlich sind. Auf der S1 West, der S2-Ost und der S8-Ost sind in den Hauptverkehrszeiten ausschliesslich Langzüge unterwegs und es treten ebenfalls hohe Überlastungen auf. Interessant ist, dass zwischen den Innenstadtbahnhöfen Hackerbrücke und Hauptbahnhof mit 39% Auslastung eine Spitzenstundenauslastung herrscht, bei der eine paradiesische Sitzplatzgarantie vorherrscht und auf der 2. Stammstrecke zwischen Laim und Hauptbahnhof mit 56% ebenfalls keineswegs eine extrem hohe Spitzenauslastung vorliegt. Auch dort sind noch viele Voll- statt Langzüge unterwegs.

Landräte müssen höhere Bundesmittel einfordern, damit ihre Vision Wirklichkeit wird

Damit wollen wir keinesfalls gesagt haben, dass die weiteren angeführten Infrastrukturprojekte nicht sinnvoll wären. Mit dem Süd- und Nordring könnten zusätzliche Fahrgastpotenziale erschlossen werden, da schnellere Direktverbindungen geschaffen werden, und so zusätzliche Pendler vom Auto auf die S-Bahn umsteigen würden. Dies kann jedoch nur dann erfolgen, wenn auch auf den Aussenästen die notwendige Kapazität für mehr Fahrgäste vorhanden ist. Damit diese Projekte verwirklicht werden können, müssen zudem die Mittel, mit denen der Bund Schienennahverkehrsprojekte mit 60% der Investitionskosten fördert, - die so genannten Gemeindeverkehrsfinanzierungs-(GVFG)Mittel - massiv erhöht werden. Diese betragen nur lächerliche 333 Millionen Euro für ganz Deutschland und wurden seit Jahren nicht erhöht. Das Paradoxe daran ist: Die gleichen Parteien (CSU und SPD), die die meisten Landräte stellen, haben im Bund erst Ende des vergangenen Jahres einem Bundeshaushalt zugestimmt, welcher keine Aufstockung der GVFG-Mittel vorsieht. Schon damals war absehbar, dass diese Mittel für die bayerischen und deutschen Schienennahverkehrsprojekte hinten und vorne nicht ausreichen. Am 13.2.2017 hat die Bundesregierung einen Gesetzentwurf eingebracht, der eine Fortschreibung der viel zu niedrigen GVFG-Mittel von 333 Mio Euro vorsieht. Die Landräte müssten also sofort bei ihren Bundestags-Parteikollegen vorstellig werden, um im Beratungsprozess eine Erhöhung der GVFG-Mittel durchzusetzen. Selbst Staatsminister Joachim Herrmann (SZ vom 16.2.2017) und Landtagsvizepräsident Reinhold Bocklet (Pressemeldung vom 16.2.2017) fordern pro-Forma eine Aufstockung der GVFG-Mittel, haben jedoch offensichtlich keinen Einfluss auf ihre Parteikollegen im Bundestag. Oder ist das alles nur geplante Wählertäuschung vor den Bundestagswahlen im September?
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