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„Ich würde stänkern. So oft es geht. Ununterbrochen.“ - Ein Interview mit Dieter Hildebrandt

"Die so genannte Arbeiterbewegung gibt es heute immer noch. Sie heißt nur nicht mehr so."
 
"Mein Buch hat inzwischen einen guten Ruf"
 
"Ich gehörte 68er-Bewegung nicht so sehr an, deshalb kann ich da nicht so genau Auskunft geben."
 
"Da trifft man sich vorher mit einem Assistenten und dann fragt der einen auf einmal über das ganze Leben ab."
 
"Kurt Beck wurde einfach so ausgesucht."

Zum 80. Geburtstag hat sich Dieter Hildebrandt selbst beschenkt und mit „Nie wieder 80“ ein Buch geschrieben das reißenden Absatz findet. Anfang Juni, kurz vor dem G8-Gipfel in Heiligendamm, begann Hildebrandt seine Lesereise in Gersthofen. Gewohnt leidenschaftlich sprach er vor dem Auftritt über sein Lieblingsthema die Politik, aber auch über die politische Lethargie der heutigen Studenten, Freiheit die man aushalten muss sowie Kerner und den FC Kronach.

Ich war heute in Kronach in drei Buchläden und habe verzweifelt versucht, Ihr neues Buch zu kaufen. Überall war es vergriffen.
Hildebrandt: Kronach? Die steigen wieder ab.
Wirklich?
Hildebrandt: Kronach hat eine Mannschaft, die steigen immer auf und dann gleich wieder ab. Deswegen nennt man sie auch eine Fahrstuhlmannschaft.
Ihr Buch ist jedenfalls im Moment in Kronach vergriffen.
Hildebrandt: Heute habe ich die Mitteilung vom Verlag erhalten, dass nun die dritte Auflage erscheint. Gestern wurden wohl 3500 Stück verkauft.
Aufgrund Ihres Auftritts bei Johannes B. Kerner?
Hildebrandt: Nö. Ich denke, dass da andere Faktoren eine Rolle spielen. Erstens, dass ich so alt geworden bin. Zweitens, der Titel. Ich glaube, dass der schon ein wenig zieht. Drittens hat das Buch inzwischen einen guten Ruf. Und viertens bin ich viel unterwegs. Dort wo ich gewesen bin, kaufen die Leute natürlich auch die Bücher.
Vielleicht kaufen die Menschen auch die Bücher dort wo sie bald auftreten werden? Treten Sie denn in der Nähe von Kronach auf?
Hildebrandt: Nicht wirklich. Morgen spiele ich auf jeden Fall in Fürth und danach in Thüringen.
Hat sich Ihr Leben nach Johannes B. Kerner verändert?
Hildebrandt: Nö! (lacht) Da müssen Sie ihn fragen, ob seine Show sich verändert hat! Ich bin ja jetzt schon öfter bei dem Kerner gewesen. Eigentlich geht man ja da hin, weil man etwas vorstellen will. Dann kommt man ins Gespräch und kein Mensch weiß mehr, warum man eigentlich hingegangen ist. In so einer Sendung ist es eigentlich so, dass es dieses Frage-Antwort-Spiel gibt. Ich habe es aber gern denjenigen, der fragt selbst zu fragen. Daraus ergibt sich dann eine Verlängerung der vorgegebenen Sendezeit. Und dann weiß man am Ende nicht mehr weswegen der Kerl da eigentlich zu Gast ist.
Weiß man im Voraus was man gefragt werden wird?
Hildebrandt: Nein, überhaupt nicht. Bei mir jedenfalls nicht. Ich habe es mir einfach verbeten. Es gibt bei diesen Talkshows manchmal so genannte Briefinggespräche. Wie z.B. bei Beckmann. Da trifft man sich vorher mit einem Assistenten und dann fragt der einen auf einmal über das ganze Leben ab. Obwohl man da schon dreimal war. Das habe ich als albern empfunden und ihnen gesagt, wenn sie mich haben wollen, dann ohne Briefing. Und es geht ohne Briefing ganz gut.
Wie oft müssen Sie noch zu Johannes B. Kerner?
Hildebrandt: Ich weiß nicht (lacht). Ah, Moment! Ich muss noch einmal hin. Denn im Herbst habe ich mit Roger Willemsen ein Programm. Und der Willemsen geht nicht überall hin. Er geht nur zum Kerner. Er mag den Jungen wohl. Und der ist ja so schlecht nicht. Wenn man sich überlegt, wer sonst noch so herumfragt in deutschen Talkshows, dann ist er eigentlich ganz gut.
Sie mögen ihn also ganz gern.
Hildebrandt: So oft bin ich mit ihm ja auch nicht zusammen. Er ist eine ganz andere Generation und von der Natur her ist er eben ein Sportreporter.
Sie haben mit der Lach- und Schießgesellschaft angefangen als Sie 29 Jahre alt waren.
Hildebrandt: Donnerwetter. Das haben Sie aber gut aus dem Kopf ausgerechnet.
Das habe ich mir extra aufgeschrieben. Aber im Ernst. Wenn man mit 29 anfängt Kabarett zu machen und Politiker aufs Korn nimmt, dann macht man das aus einer ganz anderen Perspektive wie mit 80. Sie sind ja jetzt 20, 30 Jahre älter als die meisten Politiker.
Hildebrandt: Die Politiker bleiben ja bis zu einem bestimmten Alter gleich und verändern sich nicht. Sie scheinen das auch genetisch auf die nächste Generation zu vererben, obwohl gar keine Verwandtschaft besteht. Dann gibt es daneben auch den üblichen Nepotismus, der unter Politikern stattfindet. Sie vererben ihre Ämter. So wie Stoiber jetzt seine Ämter an zwei Leute vererbt. Nämlich an den Beckstein und den Huber, obwohl es der Seehofer werden will. Eigentlich herrscht in jeder Partei das demokratische Recht von den Mitgliedern gewählt zu werden. Das findet aber in den meisten Parteien gar nicht statt. Kurt Beck wurde zum Beispiel einfach so ausgesucht. Insofern verändern sich die Leute nicht, denn die, die sich die Nachfolger aussuchen können, suchen sich die aus, die so sind wie sie. Insofern brauche ich mein Vokabular nicht zu verändern und auch nicht meine Sicht der Dinge. Die bleibt so.
Aber mit 29 weiß man doch vielleicht über manche Dinge noch gar nicht so Bescheid als mit 80.
Hildebrandt: Je älter man wird, umso mehr weiß man was kommen wird. Es wiederholt sich doch alles. Bei einer Neujahrssendung im WDR mit Hanns Dieter Hüsch habe ich mal gesagt, dass sich die Zuschauer die Neujahrsrede von Helmut Kohl am Abend nicht ansehen brauchen, weil das sowieso die vom letzten Jahr ist. Was ich damit meinte ist, dass sie genauso sein wird wie immer. Aber in diesem Fall war es wirklich so! Es war die Rede vom vorherigen Jahr. Jemand im WDR hatte das Band vom letzten Jahr genommen. Dass die Rede die falsche war, hat man eigentlich nur an der Krawatte erkannt. Die hatte er nämlich schon im Jahr zuvor an. Am Anfang hat das gar keiner gemerkt. Weil er genau das gesagt, hat was er immer sagt!
Bei Kerner meinten sie, dass sie nicht so sehr die Personen angreifen würden, sondern es vor allem auf die Umstände abgesehen hätten, die die Menschen dazu treiben, etwas zu tun. Um welche Umstände handelt es sich denn?
Hildebrandt: Die Wiederwahl. Oder besser gesagt die drohende Nicht-Wiederwahl. Da spielen aber auch Gruppen, die Druck ausüben, eine Rolle. Jeder, der in einer gehobenen Position ist und sich zu etwas äußert, ist gezwungen das zu sagen, was er seinen Parteifreunden vorher versprochen hat. Schauen Sie sich doch nur die Talkshows an. Die Leute setzen sich hin und man merkt schon nach kurzer Zeit, was sie als Programm haben und sagen wollen. Das ist etwas, das sie vorher schon besprochen und fixiert haben. Deshalb wird es nie so sein, dass die eigene Meinung in dieser Runde zurückgenommen und evtl. zuzugeben wird, dass ein anderer Recht hat. Das geht gar nicht. Sie sind gezwungen vor der Wahl ein paar Dinge gut zu finden, die sie vielleicht gar nicht selbst so gut finden, aber vorher mit ihren Parteikollegen abgesprochen haben. Sie müssen ja wiedergewählt werden, weil sie von Beruf Politiker sind. Es sind keine Leute wie Cincinnatus, der hingegangen ist und gesagt hat, dass er es besser kann, geherrscht hat und dann nach drei Jahren gesagt hat, es ist genug und wieder auf seinen Bauernhof gegangen ist. So etwas gibt es nicht mehr.
Es ist also einmal der Umstand, dass es Berufspolitiker sind und dann der Einfluss von verschiedenen Gruppen. Wer wird denn dann heute noch Politiker, wenn man in seinen Handlungsmöglichkeiten eingeschränkt ist?
Hildebrandt: Es gibt natürlich noch Ausnahmen. Es gibt positive Beispiele von Menschen, die vielleicht unter normalen Umständen nie Politiker geworden wären, wenn man sie nicht wirklich gebraucht hätte.
Zum Beispiel?
Hildebrandt: Nach 1945 waren gebildete Menschen, die das Unrecht im Dritten Reich erfahren haben und im Nationalsozialismus verfolgt worden sind, bitter nötig, um die Verfassung auszuarbeiten. Das waren Menschen wie Carlo Schmitt. Das waren Historiker, Ärzte, Architekten und Künstler. Diese Leute wurden gebraucht. Ich erinnere mich, dass wir in München mal einen Oberbürgermeister brauchten und da gab es einen exzellenten Juristen. Und der wurde dann auch gewählt, obwohl er bei der SPD war. Er bekam 67% der Stimmen und sein Name war Hans-Jochen Vogel. Es gibt also auch Politiker, die durchaus fähig sind ihre Meinung einmal zu ändern.
Fällt Ihnen da heute ein Politiker ein?
Hildebrandt:
Schauen Sie sich Heiner Geißler an. Es ist erstaunlich wie ein Mensch plötzlich einsieht woran es liegt, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander geht und dass Globalisierung eine ganz faule Angelegenheit ist, die nur die Reichen reicher macht und die Armen noch ärmer. Der sieht das ein und ist konsequent und tritt bei Attac ein. Solche Leute gibt es auch. Aber es gibt auch Leute, die beispielsweise Ministerpräsident waren und von denen ich behaupte, – und da meine ich jetzt ausnahmsweise nicht den Stoiber – dass sie in hohe Positionen gekommen sind, obwohl sie keinen Funken Charakter haben. Und dass, obwohl sie ein hohes Maß an Können, Erfahrung und Bildung haben und Akademiker von höchsten Graden sind. Wie diese Menschen in hohe Positionen kommen und Karriere machen, obwohl sie keinen Funken Charakter haben, das ist erstaunlich. Das geht bei uns auch. Auf der einen sowie auf der anderen Seite.
Ist der Sinneswandel bei Heiner Geißler glaubwürdig?
Hildebrandt: Ich nehme ihm das auf alle Fälle ab. Die Menschen, die ihn kennen, nehmen ihm das gewiss auch ab. Das ist eine sehr ehrliche Sache gewesen, die er da gesagt hat. Das war spontan. Inzwischen hat er ja längst schon begriffen wo es lang geht. Das hat er eigentlich vor zehn Jahren schon gemacht. Da hat er seine Meinung gegenüber der Politik der CDU schon völlig geändert gehabt. In der CDU ist er heute immer noch Mitglied. So ist es nicht. Nur ist es jetzt unmöglich, dass dieser Mann noch mal eine führende Position in der Partei bekommt. Der ist ausgemustert. So einfach ist das.
Weil diese Parteizwänge nicht mehr so sehr für ihn gelten, kann er jetzt auch bei Attac eintreten?
Hildebrandt: Ja natürlich. Er ist jetzt frei. Das war er vorher nicht. Aber das gibt er ja auch zu. Freiheit hat aber immer auch den Haken, dass man mit ihr umgehen können muss. Man hat sie, aber man muss an ihr auch arbeiten. Die Unabhängigkeit muss man immer wieder verteidigen können. Man wird immer gezwungen sie noch einmal zu überdenken. Bei jeder Entscheidung muss man sich überlegen, ob man jetzt wieder einem Druck gewichen ist. Das ergibt dann teilweise Unmut und Streitigkeiten. Man kann von Veranstaltungen ausgeladen werden. In der Politik wird dann vielleicht ein Amt mit jemand anderen besetzt oder man wird für bestimmte Dinge nicht mehr zu Rate gezogen.
Sie meinten bei Johannes B. Kerner auch, dass die Studenten heutzutage so lahmarschig seien. Wie ist es ihrer Meinung nach dazu gekommen?
Hildebrandt: Der Aufstand der 68er, den man nicht unterschätzen sollte und der dazu beigetragen hat, dass sich in dieser verstaubten Republik wenigstens eine bisschen etwas verändert hat, war aber insofern eine Revolte, die schief ging, weil sie vornehmlich auf die Akademiker bezogen war und die anderen nicht mitnahm.
Und was ist mit der Arbeiterbewegung?
Hildebrandt: Die so genannte Arbeiterbewegung gibt es heute immer noch. Sie heißt nur nicht mehr so. Und sie ist kaum sichtbar, weil die Menschen inzwischen eine zu große Angst davor haben ihren Job zu verlieren. Außerdem sind sie viel zu sehr abhängig von denjenigen, die ihnen die Arbeitsplätze geben. Von denen werden sie demnächst wohl auch noch eingezäunt werden. Erhard Eppler hat mal ein Zukunftsbild gemalt, das ich ganz zutreffend fand. Er hat gesagt, dass es die so genannten „gated communities“, frei übersetzt „Gemeinschaften hinter Toren“, geben wird. Schauen sie sich doch Wolfsburg an. Da gibt es die Volkswagenstadt. Da müssen sie durch ein Eingangstor gehen und einen Chip haben, sonst kommen sie da nicht rein. Das habe ich in vielen anderen Städten auch schon gesehen. Die Großindustrie zäunt sich scheinbar ein. Sie schützt sich genau wie es die G8 in diesem jämmerlichen Stammheim, äh, Heiligendamm, tut.
Wie hätten Studenten damals reagiert?
Hildebrandt: Studenten damals hätten sich zusammengerottet und Steine geschmissen. Die hätten sich das nicht gefallen lassen. Die Studenten sind damals wie heute in einer ähnlichen Situation. Sie haben heute auch die Angst, dass sie keine Zukunft und Perspektiven haben. Es ist auch an den Universitäten heute ähnlich wie ich es erlebt habe, als ich 1950 studiert habe. Da musste man auch seine Scheine machen und auch seine Haupt- und Proseminare absolvieren. Da musste man auch bei Professoren sitzen, die so lahmarschig waren, dass man nach 5 Minuten einschlief. Man musste aber nachweisen können, dass man diesen Schwachsinn gehört hatte. So ist es inzwischen wieder geworden. Die Universitäten sind wahrlich keine Leuchttürme des Widerstandes, der Bildung und des Wissens.
Wenn man die Studenten verteidigen würde, dann könnte man fragen gegen was sie eigentlich sein sollten.
Hildebrandt: Ich wüsste schon was ich als Student machen würde und gegen was ich wäre. Man müsste die Universität darauf aufmerksam machen, dass die Betreuung der Studenten absolut bedauernswert ist. Ein Professor hat ja das Recht einfach nicht zu kommen, weil er vielleicht gerade ein Buch schreibt. Sie gehen als Student vielleicht in die Vorlesung und er ist gar nicht da! Manchmal einen Monat nicht! Ich habe einen guten Bekannten, der Kunstprofessor ist. Der macht einfach mal ein Jahr Pause. Und warum? Weil er sich künstlerisch weiterentwickeln muss. Das alles ist an den Universitäten zugelassen und kein Arsch sagt was! Wahrscheinlich hätten sich Studenten das früher nicht so einfach gefallen lassen. Das nehme ich mal an. Aber ich gehörte dieser Bewegung nicht so sehr an, deshalb kann ich da nicht so genau Auskunft geben.
Wenn Sie im Studentenalter wären. Würden Sie dann nach Heiligendamm fahren?
Hildebrandt: Ja, ich würde wahrscheinlich da hin fahren. Das könnte sein. Eins würde ich aber mit Sicherheit die ganze Zeit machen. Ich würde stänkern. So oft es geht. Ununterbrochen. Aber alleine hat das natürlich keinen Sinn. Da braucht es eine gewisse Solidarität und die muss man sich erdiskutieren. Dazu muss man natürlich auch was wissen, sonst wird man abgemeiert. Ich kann mich noch erinnern wie Helmut Schmidt mal seine Jusos abgemeiert hat, weil die sich nicht vorbereitet hatten. Der hat ihnen mit ein paar Argumenten den Schneid abgekauft und die sind dann wie begossene Pudel nachhause geschlichen. So was darf natürlich nicht passieren.

Interview u. Bilder: Leo Maier und Sven Mesch
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Ursula Schriemer aus Greifenberg | 04.01.2008 | 17:51  
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