Anzeige

Goethe und der Wein. Zur Diätetik und historischen Weinkunde beim Dichterfürsten

Joseph Stieler, 1828 (Foto: gemeinfrei nach Wikipedia Artikel Jpseph Karl Stieler)
Soll denn doch getrunken sein,
Trinke nur vom besten Wein.

Der Wein hat in Goethes Leben, in seiner Dichtung und seinem Denken immer eine zentrale Stelle eingenommen. Er war für ihn Gegenstand eines umfassenden Interesses und Symbol seiner ganzheitlichen Lebens- und Naturauffassung, insofern Weinstock, Boden und Wetter, botanisch-winzerlicher Sachverstand sowie vom Kellermeister gesteuerte chemische Reaktion bei der Gärung und Reifung auf je eigene Weise dazu beitragen mussten, damit ein guter Tropfen entstehen konnte. Hinzu kommt, dass Wein in Goethes Diätetik eine große Rolle spielte. Die dichterische Parole des „Diwan“:
Solang man nüchtern ist,
Gefällt das Schlechte;
Wie man getrunken hat,
Weiß man das Rechte;
Nur ist das Übermaß
Auch gleich zuhanden;
Hafis, o lehre mich,
Wie du´s verstanden!

präzisiert er gegenüber Eckermann: „Es liegen im Wein allerdings productivmachende Kräfte sehr bedeutender Art; aber es kommt dabei Alles auf Zustände und Zeit und Stunde an, und was dem Einen nützet, schadet dem Andern“ (11.3.1828). Goethe war davon überzeugt, dass dieses Getränk auf Körper und Geist, Gesundheit und geistige Lei¬stungsfähigkeit des Trinkers eine ganzheitliche Wirkung ausübt und er hat sie sein Leben lang durch viele Eigenversuche und Selbstbeobachtung sowie ständige Veränderung der Trinkgewohnheiten zu ergründen versucht.
Schenkt man der Überlieferung Glauben, so hat Goethe seine erste schwere Lebenskrise nur mit Hilfe des Weines überstanden: Er kam am 28. August 1749 wegen der Verzögerung der Blutzirkulation „schwarz und ohne Lebenszeigen” zur Welt. Man legte ihn deswegen „in einen sogenannten Fleischarden [kleiner Trog] mit Wein und wenig später erscholl der Ruf der Großmutter Textor: Räthin! er lebt!”. (Brief Bettina von Brentanos an Goethe, 4. 11.1810)
Auch in der Jugend kam Goethe immer wieder in Kontakt mit Wein: Die Familie besaß vor den Toren der Stadt einen Garten, in dem Wein wuchs. An den Arbeiten am Weinstock, der Weinlese, dem Keltern und der Überwachung des Gärvorgangs beteiligte sich die ganze Familie im Sinne einer “heiteren Beschäftigung” zwischen Sommer und Winter, wie es Goethe in “Dichtung und Wahrheit” selbst ausdrückt.
Der Wein war im Haus am Großen Hirschgraben aber noch auf andere sinnliche Weise stets allgegenwärtig. Die Keller bargen einen erstaunlichen Vorrat an Fässern insbesondere alten Weines, darunter die Jahrgänge 1706, 1719, 1726 und 1748, wodurch das ganze Gebäude mit einem angenehmen Weinduft durchschwängert war.
Goethe erinnert sich auch daran, dass er im elterlichen Weinkeller, der durch eine Mainüber¬schwemmung unter Wasser stand, zwischen den Weinfässern Schiffchen gefahren ist.
Anders als heutzutage fand man nichts dabei, wenn die Kinder früh schon vom Wein kosteten. Der Dichter erzählt selbst, dass beim Neujahrsempfang im Haus des Großvaters Textor neben dem Dessert der süße Wein den größten Reiz auf die Kinder ausgeübt habe und dieser ihnen auch sonst neben Zuckerwerk als Belohnung gereicht wurde. Goethe hat übrigens als Großvater ebenso nichts dabei gefunden, seine Enkelkinder - zum Missfallen der Schwiegertochter Ottilie - aus seinem Weinglas trinken zu lassen.
Es war Goethes Mutter, die den Kellerschlüssel hütete, die die “alten Herren”, wie sie die Weine im Keller nannte, regelmäßig pflegte. Musste doch fast täglich Wein für Einladungen abgezogen und der entstandene Leerraum in den Fässern zur Vermeidung der Oxidation mit Wein aus anderen Gebinden wieder aufgefüllt werden.
Die Mutter hat den Sohn zu dieser Arbeit öfter mit in den Keller genommen, weshalb auch nicht verwunderlich ist, dass dessen literarisches Erstlingswerk, ein mit 7 Jahren verfasstes lateinisches Gespräch, mit den Worten beginnt: „Licetne tecum ire in cellam vinariam? Audio, quod vina replenda sint, cuius rei notionem veram habere cuperem”? In Übersetzung: “Darf ich mit dir in den Weinkeller gehen? Ich höre, dass die Weine aufgefüllt werden müssen, ein Verfahren, das ich genau kennenlernen möchte”. Der Knabe Wolfgang erhält also bereits erstaunliche Einblicke in die Weinbehandlung, er beherrscht auch die Kunst geistreich-gebildeten Weingesprächs, so wenn er z.B. die alte Weinbezeichnung COS benutzt, bei der die Anfangsbuchstaben im Sinne eines Anagramms Color (Farbe), Odor (Duft, Blume) und Sapor (Geschmack, Aroma) bedeuten.
Wein war zu Goethes Zeiten sehr teuer und konnte als Wertanlage verstanden werden. So erzielte Goethes Mutter 1795 für den Verkauf des prachtvollen Hauses am Großen Hirschgraben 22.000 Gulden, die Weine im Keller erbrachten bei der Versteigerung noch einmal ein Drittel des Gesamtwertes des Hauses.
Vor dem Verkauf des Weines hat Frau Rat als treu sorgende Mutter allerdings noch einige Flaschen der besten Lagen an den Sohn nach Weimar verschickt. Was 7.300 Gulden wert waren, lässt ein Kaufkraftvergleich erahnen: Ein Gulden war der Preis für 10 Pfund Schweinfleisch, sechs Pfund Butter, zwei Pfund Zucker oder ein Pfund Kaffee; ein Bauarbeiter musste für einen Gulden drei Tage arbeiten, konnte dies also in seinem Leben nicht verdienen; ein damaliger Lehrer hätte wohl das Gehalt von ca. 38 Dienstjahren dafür aufwenden müssen; Schiller erhielt 1790 bei seiner Berufung nach Jena z. B. ein Jahresgehalt von 400 Gulden.
Dass Goethe in seiner Studentenzeit dem Weine zugesprochen hat, dürfen wir annehmen. Schon bei der Begegnung mit der Jugendliebe Kätchen Schönkopf spielt der Wein eine große Rolle, da deren Eltern eine Gastwirtschaft besaßen und eine Weinhandlung in Leipzig; die beiden lernten sich sozusagen beim Wein kennen. Die Szene “Auerbachs Keller” im “Faust” ist wohl nicht nur Zerrspiegel studentischen Lebens, sind wir doch wohlunterrichtet, welch wildem, genialischem Leben und exzessivem Weingenuss sich noch in der ersten Weimarer Zeit Goethe und der Herzog hingaben.
Von einem Abend mit dem Prinzen Louis Ferdinand von Preußen und dem Herzog von Weimar etwa heißt es, dass “ungeheuer viel um die Wette” getrunken worden sei. “Goethe blieb nichts schuldig, er konnte fürchterlich trinken”. Der Dichter vertrug sehr viel, da er Wein täglich zu sich nahm. Er trank zum Frühstück lange Zeit ein Glas Madeira, zum Mittagessen eine Flasche Weißwein und als Abschluss des Mahles ein Glas Dessertwein. Eines der wenigen Zeugnisse, die von einem berauschten Goethe sprechen, stammt von Adele von Schopenhauer aus ihrem Tagebuch vom 2.4.1819: „Neulich habe ich einen Schmerz gehabt. Goethe kam von Berka, einige Gläser Punsch und die Frühlingsluft nahmen ihm alle Besinnung. Ich sah ihn in einem furchtbaren Zustande. Nie werde ich es vergessen”. Den vielen Anekdoten gegenüber, dass Goethe ständig große Mengen Weines getrunken habe, kann man aber nicht vorsichtig genug sein. Zwar konnte er in Gesellschaft hervorragenden Weinen aus seinen Lieblingslagen und aus Jahrhundert-Jahrgängen stark zusprechen, so am 5.9.1815 bei einem Mittagessen im Hause Brentano in Frankfurt, wo einer der Gäste beobachtete: “Sein Gesicht war von Tisch, wo er dem Johannisberger Eilfer gehörig zugesprochen hatte, ganz rot“. Aufs Ganze gesehen entsprach es aber eher seinem Naturell, auch hier, wie in allen anderen Angewohnheiten des täglichen Lebens, Maß zu halten. Nicht ganz glaubwürdig wirkt aber der überlieferte Ausspruch: „Wenn ich den Wein abschaffen könnte, wäre ich glücklich!“
Dass Goethe für sich mit einem Tagesbedarf von zwei Litern Wein rechnete, geht nicht nur aus seiner berühmten Disposition für den Kuraufenthalt in Karlsbad 1820 hervor, wo er ein Fass von ca. 60 Litern Tischwein für vier Wochen Aufenthalt bestellt hatte. Einer Rechnung über einen eintägigen Aufenthalt im Frankfurter Gasthaus „Zum weißen Schwanen“ am 29. Juli 1814 ist zu entnehmen, dass Goethe zum Mittag- und Abendessen jeweils eine Flasche des von ihm sehr geschätzten und noch heute als Spitzenwein geltenden Assmannshäuser Rotweines getrunken hat (Hinweis Carola Sedlacek, Weimar). Der Dichter versuchte Ärger gelegentlich auch einmal mit Wein hinunter zu schwemmen. Dies beweist die berühmte Anekdote vom angeblich vergessenen Geburtstag Goethes während seines Karlsbad-Aufenthaltes: Der treue Diener Goethes, Karl, erhielt von Goethe am 27. August früh Befehl, zwei Flaschen Rotwein nebst zwei Gläsern heraufzubringen und in den gegenüberliegenden Fenstern aufzustellen. Nachdem dies geschehen, begann Goethe seinen Rundgang im Zimmer, wobei er in angemessenen Zeiträumen an einem Fenster stehen blieb, dann am andern, um jedes Mal ein Glas zu leeren. Nach geraumer Weile trat Rehbein, Goethes Arzt, der ihn nach Karlsbad begleitet hatte, ein.

Goethe: Ihr seid mir ein schöner Freund! Was für einen Tag haben wir heute und welches Datum?
Rehbein: Den 27. August, Exzellenz.
Goethe: Nein, es ist der 28. und mein Geburtstag.
Rehbein: Ach was, den vergesse ich nicht; wir haben den 27.
Goethe: Das ist nicht wahr! Wir haben den 28.
Rehbein: (mit Nachdruck): Den 27.!
Goethe: (klingelt, der Diener Karl tritt ein): Was für ein Datum haben wir heute?
Karl: den 27., Exzellenz.
Goethe: Dass dich - Kalender her! (Karl bringt den Kalender).
Goethe: (nach langer Pause) Donnerwetter! Da habe ich mich ja umsonst besoffen!”
(E. Genast, Aus dem Tagebuche eines alten Schauspielers)

Goethe hat seinen Weingenuss unter dem Einfluss der Frau von Stein und immer wiederkehrender lebensgefährlicher Krankheiten gemäßigt, doch fand er in Christiane eine lebenslustige Partnerin und ebenbürtige Mittrinkerin. Der beiderseitige Briefwechsel belegt, wie wichtig dem Ehepaar der Wein war, gerade wenn die beiden durch Goethes Reisen oder die Arbeitsaufenthalte des Dichters in Jena getrennt waren. “Schicke mir ein paar Pfund Chocolade, denn von dieser und vom Weine lebe ich jetzt vorzüglich [= vor allem]”, lautet eine der vielen bezeichnenden Briefstellen (12.9.1809).
Christiane musste regelmäßig, wenn Goethe sich zum ungestörten Arbeiten nach Jena zurückgezogen hatte, Flaschen dorthin zur Expedition bringen, wobei sie nicht versäumte, darauf hinweisen, dass der Vorrat im Keller sich dem Ende zuneigt. Lediglich in Zeiten, in denen Goethe sich nicht wohlfühlte, verzichtete er auf Wein: “Ich habe bisher wegen des Katarrhs keinen Wein getrunken, Du brauchst mir also nichts zu schicken” (7.3.1795).
Christiane wiederum kann in den Briefen einen jämmerlichen Ton anschlagen, wenn der Wein ausgeht: “Wenn nur etwas Wein käme, sonst werde ich doch ein bißchen unglücklich, denn den Wertheimer [ein wohl trockener Tischwein aus dem Grenzbereich der Anbaugebiete Baden/Franken] liebe ich mir [!] nicht, und mir [!] haben auch nicht viel; und auf deinen Geburtstag da müssen doch auch etliche Bouteillen aufgehn, denn da werden [in Goethes Abwesenheit] meine guten Freunde, jung und alt, eingeladen. Wenn ich nur ein paar Fläschchen Malaga hätte! Was recht übel war, dass mir [!] in Frankfurt keine Flasche Champagner getrunken haben. Das betrübt mich ordentlich” (13.8.1797). Wie der Dichter den Beginn des neuen Jahrhunderts 1800 mit diesem Getränk feierte, schildert uns der Naturforscher H. Steffens: „Nach Mitternacht zogen Goethe, Schiller und Schelling sich in ein Nebenkabinett zurück. [...] Einige Bouteillen Champagner standen auf dem Tisch, und die Unterhaltung ward immer lebhafter. Da fiel mir [...] die Veränderung auf, die mit zwei so bedeutenden Persönlichkeiten vor sich ging. Goethe war unbefangen lustig, ja übermütig, während Schiller immer ernsthafter ward und sich in breiten doktrinären ästhetischen Explikationen erging; [...] und er ließ sich nicht stören, wenn Goethe ihn durch irgendeinen geistreichen Einwurf in seinem Vortrage zu verwirren suchte. Schelling behielt fortdauernd seine ruhige Haltung, ich konnte ihm kaum eine Veränderung anmerken“ (H. Steffens, Was ich erlebte. In: Goethes Gespräche, Biedermannsche Ausgabe, Bd.I, München 1998, S. 759.). Goethes jährliche Weinbestellungen waren beträchtlich. 1806 liefert u.a. Ramann monatlich etwa 60 l; 1816 allein 900 l fränkischen Escherndorfer; zugleich kamen vom Weinhändler Keller noch vierteljährlich etwa 60 l an deutschen Rot- und Weißweinen, Lieferungen, die sich 1821 fast verdreifachten.
Goethe zahlte nicht pünktlich, wie die Kontobücher belegen: Er hatte um 1800 bei Ramann 1433 Thaler Weinschulden. Ramann ließ gleichwohl Goethe als gutem Kunden, der ihm Renommee brachte, wie ein Brief Christianes belegt, mitteilen: „Mit der Zahlung müsse es nicht gleich sein. Und wenn du alle halb Jahr oder alle Jahre bezahlest, darauf käm es gar nicht an, aber die Bestellung müsse bald geschehn, denn in 3 Wochen könnte er vielleicht alle sein“ (1.10.1800). Teilweise wurden auch die Autorenhonorare Goethes vom Verleger direkt zur Begleichung von Weinrechnungen an den Weinhändler gesandt.
Der Wein hat in allen Abschnitten von Goethes Leben eine bedeutende Rolle gespielt. Mehr als bei jedem anderen Dichter oder Zeitgenossen haben wir sogar Kenntnisse über die Herkunft der von ihm getrunkenen Weine, die Jahrgänge und die Gelegenheiten, bei denen die Weine getrunken wurden. Goethe führte vollständige Aufzeichnungen über seine Ein- und Ausgaben und ein eigenes Kellerbuch. Allein in den Jahren 1776-1832 wurden in seinem Haushalt 28.000 Belege über Ein- und Ausgaben gesammelt, die sich heute im Nationalarchiv in Weimar befinden. Aus den Tagebuchaufzeichnungen sind die Teilnehmer an den jeweiligen Essen bekannt und aus dem Kellerbuch die zu den Essen verwendeten Weine. Diesem können wir entnehmen, dass der Bestand am 4. Mai 1816 folgende Weine umfasste:

105 Flaschen Burgunder
42 Flaschen Frankfurter Rheinwein
3 Flaschen Elsässer
10 Flaschen Frankfurter Eilfer
6 Flaschen Würzburger
6 Flaschen Lunel
26 Flaschen Würzburger Stein.

Diese Kellerbuchaufgliederung lässt zwei Besonderheiten erkennen, die weinhistorisch von Bedeutung sind: In der damaligen Zeit trank man „Burgunder“, „Elsässer“, „Rheinwein“ oder „Moselwein“. Nur große Weine wurden näher bezeichnet, etwa der Niersteiner oder der Würzburger. Lediglich in ganz wenigen Fällen war es schon damals üblich, die eigentliche Lage noch einmal gesondert als Qualitätsmerkmal herauszustellen, weil die Weine aus einem speziellen Gebiet schon einen hohen Bekanntheitsgrad hatten und entsprechend kostbar waren. Goethe hatte also nicht nur den sehr bekannten Würzburger in seinem Keller, sondern auch die Rarität „Würzburger Stein“. Die andere Besonderheit war offensichtlich der Jahrgang 1811, der eine so große Rarität und Besonderheit war, dass er in einer eigenen Kategorie des Kellerbuches geführt wurde. Bei einem Essen am 5. Mai des gleichen Jahres, an dem drei Personen teilnahmen, wurden drei Flaschen Burgunder, eine Flasche Elsässer, zwei Flaschen Würzburger und - besonders erwähnt - eine Flasche "Würzburger Stein" getrunken. Der Eintrag über Entnahmen im Mai 1816 gibt uns einen Anhaltspunkt, welche Mengen an Wein an Goethes Tafel bei Einladungen getrunken wurden. Im Schnitt kann man auch hier pro Person mit ca. 2 Flaschen Wein rechnen.
Der Wein war in Goethes Haus Bestandteil des (Mittags-) Mahles und jeweils sorgfältig auf die Speisen abgestimmt, wobei der Madeira zur Suppe, die Würz-burger und Elsässer zu den Vorspeisen und zum Fisch, Burgunder, Bordeaux und Languedoc-Weine wohl zu den Hauptgängen getrunken wurden. Seltener und nur bei wenigen Personen wurde der Kometenjahrgang 1811 serviert bzw. Wein aus dem Rheingau. Der Süßwein Lunel wurde ebenso wie der Tokajer zum Dessert, wohl aber auch als Aperitif gereicht.
Man kann den großen Weinbedarf Goethes nur verstehen, wenn man weiß, dass Wein nicht nur als Fasswein für den Eigenbedarf, sondern auch für repräsentative Zwecke eine große Rolle spielte. Goethe hat in den letzten 20 Jahren seines Lebens ein “großes Haus” mit hoher Ess- und Trinkkultur geführt, das zu einem Treffpunkt von Künstlern, Wissenschaftlern, Dichtern und Repräsentanten der Gesellschaft geworden war. Neben der großen Menge schlug insbesondere der Wein in Bouteillen, was die damals übliche Bezeichnung für Flaschen war, bei den Ausgaben in nahezu unglaublicher Weise zu Buche, da dies Wein von besonderer Herkunft und aus den besten Jahrgängen war. So gab Goethe z. B. 1829 für den Haushalt 3070 Thaler aus, für Wein aber zusätzlich (!) noch 2184 Thaler, also 41 % der Gesamtausgaben. Dies zeigt, welch hohes Selbstwertgefühl der Dichter hatte und welchen Aufwand er bei der Bewirtung ihm werter Freunde und hoher Staatsgäste trieb, zu denen nicht zuletzt König Ludwig I. von Bayern und Mitglieder des preußischen Königshauses zählten.
“Wie jedem kennerhaft Wein trinkenden Menschen bot auch Goethe eine gewisse Abwechslung in den Weinsorten den größten Genuss, er hat nie auf sehr lange Zeit hin die gleiche Sorte Wein getrunken, er fand mit vollem Recht, dass nur ein Wein, der schmeckt, auch gut bekommt” (Friedrich von Bassermann-Jordan, Goethe und der Wein).
Sehr geschätzt hat Goethe den Würzburger Steinwein: “[...] sende mir noch einige Würzburger; denn kein anderer Wein will mir schmecken, und ich bin verdrüßlich, wenn mir mein gewohnter Lieblingstrank abgeht” (17.6.1806).
Bei den Rotweinen liebte Goethe neben dem Assmannshäuser und dem Oberin-gelheimer die französischen sehr und bevorzugte davon die aus Burgund, dem Bordelais, dem Elsass und der Languedoc. Aber auch den roten Ofener und Erlauer aus Ungarn hat er bezogen.
Während der Teilnahme an der “Campagne in Frankreich” 1792 und auf seinen “Reisen am Rhein, Main und Neckar” 1814/15 interessierte er sich sehr für die deutschen Weinanbaugebiete, lernte viele Weine vor Ort kennen und als eine Frucht des Zusammenwirkens von Boden, Klima und winzerlichem Engagement begreifen: so den Erbacher Marcobrunn, den Hochheimer, den Johannisberger und den Rüdesheimer (Rheingau) sowie den Monzinger (Nahe). Goethes Begegnung mit Letzterem zeigt, welch lustvolles Verhältnis er zum Wein hatte: “Nun rühmte dagegen die Gesellschaft von der Nahe einen in ihrer Gegend wachsenden Wein, der Monzinger genannt. Er soll sich leicht und angenehm wegtrinken, aber doch, ehe man sichs versieht, zu Kopfe steigen. Man lud uns darauf ein. Er war zu schön empfohlen, als dass wir nicht gewünscht hätten, in so guter Gesellschaft, und wäre es mit einiger Gefahr, ihn zu kosten und uns an ihm zu prüfen” (Sankt Rochus-Fest zu Bingen).
Goethe liebte schwere und säuregeprägte Weine nicht: Auf der ersten Schweizerreise nahm er keinen Anstoß, einem ihm nicht zusagenden lombardischen Wein „erst mit Wasser nach[zu]helfen und mit vielem Zucker das Ingrediens zu ersetzen [... ], was die Natur in der Traube auszukochen versagt hatte“ (Dichtung und Wahrheit IV,18). Ähnlich äußert er sich von Italien aus gegenüber der Frau von Stein: „Ich lebe hier sehr mäßig, den roten Wein der Gegend, schon von Tirol her, kann ich nicht vertragen; ich trinke ihn mit viel Wasser, wie der heilige Ludwig, nur schade, dass ich zum Heiligen zu alt bin“ (21.9.1786).
Auf den Weinrechnungen der späten Jahre finden wir außer den schon genannten deutschen Lagen noch den Brauneberger Juffer (Mosel), den Laubenheimer, den Niersteiner (Rheinhessen, damals kurpfälzisch), einen Kallstädter (Rheinpfalz) sowie eine Liebfrauenmilch des von Goethe so sehr geschätzten Jahrgangs 1822. Die Tatsache, dass Goethe sich diesen Spitzenwein der kleinen Lage an der Liebfrauenkirche zu Worms mit der näheren Angabe „1. Qualität, eigenes Gewächs“ vom Weinhändler in einer plombierten Kiste zuschicken ließ, beweist erneut, dass sich zu Goethes Zeiten bei guten und raren Weinen ein Lagenbewusstsein herausgebildet hatte, aber auch dass der berühmte Name dieses Weines bereits damals für minderwertige Verschnitte missbraucht wurde.
Zeitgenossen registrierten bewundernd als Gäste im Haus am Frauenplan den wohlgedeckten Tisch, genossen den ausgezeichneten Wein. Diese Gastlichkeit forderte von Goethe Phantasie, Großzügigkeit, Geduld und vorbereitende Auf-merksamkeit. Nach vielen Seiten hin pflegte er Verbindungen, die mancherlei Delikatessen und exzellente Weine zusätzlich ins Haus brachten; er überwachte selbst den Speisezettel und spornte durch Lob und Tadel die Küche zu besonderen Leistungen an. Das Resultat dieser vielseitigen Bemühung war eine Geselligkeit, die in ihren besten Augenblicken die Lebensfülle und Ausgewogenheit eines Kunstwerks besaß. Der Dichter Karl Eduard von Holtei schildert solche Einladungen:
„ ... zierlich geschriebene und von ihm eigenhändig unterzeichnete Einladungskarten riefen im Durchschnitt wöchentlich einmal, auch wohl öfter, zu Goethes Mittagstisch, wo acht bis zehn Personen versammelt wurden, bisweilen um einen unvermeidlichen Fremden abtöten zu helfen, gewöhnlich aber um bei einem wohlbereiteten, schlichten Mahle und sehr gutem Wein ein paar Stunden frei und heiter zu verleben. Er war ein sehr angenehmer, aufmerksamer Wirt, er hielt sogar gern im Gedächtnis, was dieser und jener vorzüglich zu essen liebte und trieb dann durch bedeutsame Augenwinke die Diener an, jene beliebte Schüssel noch einmal an den passenden Platz zu tragen. Zum Trinken nötigte der hohe Geist selten mit Worten, wohl aber durch Tat und Beispiel, denn er trank wie ein Alter, und mich hat es immer in meinem Herzen mitgelabt, wenn ich ihn seinen Würzburger voll Andacht schlürfen sah. Ein Fläschchen Champagner beim Dessert verschmähte er auch nicht. Der Genuss des Weines belebte sichtlich seine Sprechlust und steigerte die Fülle seines Ausdrucks.“ (Karl von Holtei, Vierzig Jahre. In: Goethe aus der Nähe, S. 308).
Geradezu sammlerische Leidenschaft legte Goethe deshalb bei besonderen Jahrgängen an den Tag und besaß wenig Skrupel, wenn es darum ging, seinen Weinkeller damit zu bereichern: Bei einem der häufigen Besuche beim befreun-deten Ehepaar Jacob und Marianne Willemer in Frankfurt äußert er den Wunsch, ein Dutzend Flaschen 1811er, von dem er dort getrunken, mitzunehmen. Willemer entschuldigt sich bei Goethe: “Ich musste verstummen, dann [!] was ich in der Art bescheiden vorgesetzt, war geliehenes Gut. Selbst lüstern nach dem Göttertrank, habe ich mich seitdem nicht fruchtlos bemüht, einer kleinen Portion echter Sorte habhaft zu werden, und bitte Sie davon etwas anzunehmen... ” (12.12.1814). Goethe erhält zu Weihnachten 1814 und von da an fast jährlich und in regelmäßigen Abständen von diesem Jahrgang eine Kiste mit “zwölf Aposteln” (wie die Flaschen wegen der Erlesenheit und der Zahlensymbolik genannt wurden). Willemer scheint alles, was er an 1811er Rheingauwein auftreiben konnte, gekauft zu haben, um dem Dichter eine Freude machen zu können. Noch 1824 bedankt sich Goethe launig bei dem Spender: “Die willkommenen Missionarien [gemeint sind die Weinflaschen] sind abermals glücklich angekommen und haben sich gefreut, von ihren Vorfahren noch manche in gutem Wohlbefinden und als in besonderer Achtung stehende Personen hier anzutreffen” (24.8.1824).

Auffällig ist, dass sehr oft auf den Weinrechnungen - teilweise in relativ großen Mengen - Portwein, Madeira, Muskateller, Muscadet und Tokajer auftauchen. Dies geht nicht nur auf die Vorliebe des Paares für die Dessert- und Aperitif-Weine zurück, sondern hängt damit zusammen, dass Goethe bestimmten Weinen im Sinne von Krankenweinen Heilkraft zusprach, wie folgende Passage aus einem Brief an Schiller belegt: “Hätte er [Meyer] sich, statt Pyrmonter Wasser hier teuer in der Apotheke zu bezahlen, ein Kistchen Portwein, zur rechten Zeit, von Bremen verschrieben, so sollte es wohl anders mit ihm aussehen” (5.7.1802).
Diese Anschauung belegt auch ein Brief des Arztes Nikolaus Meyer, der zu den engeren Freunden des Hauses zählte und vor allem mit Christiane in einem dauernden Briefwechsel stand. Das Geschenk eines “Kistchens Krankenwein” an den Dichter kommentiert er im April 1803 mit dem Briefzusatz: „... da ich nicht das Glück habe ihr Arzt zu sein, habe ich mir die Freiheit genommen ihr Apotheker zu sein”. 1805 verehrt er Goethe zum Geburtstag “ein Dutzend kleiner Bouteillen, des ältesten Malaga, der vielleicht noch zu finden ist (40 Jahre alt). Hoffe, dass meine Arznei der des Hofrath Stark vorgezogen zu sein verdient.”
So wundert es auch nicht, dass Kanzler Müller auf Vermittlung dieses Nicolaus Meyer, eines geborenen Bremers, zu Goethes Genesung von einem im Februar 1823 erlittenen Herzinfarkt und zum 74. Geburtstag beim Bremer Rat eine Weinspende aus dem berühmten Rose-Keller des Bremer Rathauses beantragt. Dieser enthielt einen Schatz kostbarster Rheinweine, von welchen die älteste Sorte den Namen Rosewein führte; die daneben liegenden Fässer wurden nach ihrer Güte mit den Namen der Apostel bezeichnet. Meyer schrieb am 14.8.1823 an Kanzler von Müller: “Was nun mein gut gemeintes Angebinde anbetrifft, so muss die Qualität den Mangel an Quantität ersetzen und kann dies, da dieser Nektar wirklich nur tropfenweise verabreicht wird. Dieser Wein, in dem merkwürdigen Normaljahr [d.h. ein Jahr ohne Krieg] 1624 zum Andenken desselben gelagert, gehört nicht allein unstreitig zu den ältesten, welche man noch besitzt, sondern er zeichnet sich auch durch seine seltene Güte aus”. Es handelte sich um 12 Flaschen dieses 192 Jahre alten noch trinkbaren Weines, von denen eine zu öffnen Goethe lange Zeit zögerte. Er trank die erste, als ihn ein altgeliebter Freund, der Graf Reinhard, Französischer Gesandter am Bundestag zu Frankfurt am Main, am 6. Oktober 1823 besuchte.
Goethes Interesse für den Wein bezog sich nicht nur auf das fertige Getränk, sondern auch auf die Morphologie der Weinrebe. Als er sich nach dem Tod der Großherzogs Karl August 1828 in den Sommermonaten nach Dornburg zurückzog, um in naturwissenschaftlichen Studien Ablenkung zu finden, beschäftigte er sich angesichts der Dornburger Weinterrassen insbesondere mit Fragen des Rebschnitts und der Ertragsvermehrung: „Bei trockenem Morgen und leidlichem Südwest einige Stunden im Garten. [...] Vorzüglich mit näherer Betrachtung des Weinstocks beschäftigt. Mehrere Knoten gezeichnet, um sich von der eigentlichen Beschaffenheit des Wachstums zu unterrichten...“ (Tagebucheintrag 4. August 1828). Ergebnis war eine Schrift über den Weinbau, deren Erkenntnisse Goethe später an einem Weinstock im eigenen Garten überprüfte.
Die Neigung, den Dingen auf den Grund zu gehen und Details nachzuspüren, trug sicher neben dem lebenslangen genussvollen Umgang mit dem Wein dazu bei, dass Goethe über einen beachtlichen Weinverstand verfügte. Diesen demonstrierte er bei der vielleicht ersten, von J. Schwabe bezeugten Blindverkostung:

Goethe "... schätzte die edle Gottesgabe, von welcher er die feinsten Sorten bei besonderen Gelegenheiten auf seine Tafel bringen ließ und mit seinen Gästen probte und genoss, nach ihrem vollen Wert, und war im Punkte des Weinverstandes ein ungewöhnlich feiner Kenner.
Eine glänzende Probe hiervon legte er bei einem Dinner ab, zu welchem der Großherzog Carl August einen kleinen Kreis um sich versammelt hatte. Beim Nachtisch, nachdem schon mehrere gute Sorten geprüft worden waren, bat der Hofmarschall von Spiegel den Großherzog um die Erlaubnis, einen Wein ohne Namen auftragen zu lassen. Ein Rotwein wurde herumgereicht, gekostet und recht gut befunden. Mehrere der Herren von der Tafelrunde erklärten ihn für Burgunder, nur war man über die spezielle Sorte dieses edlen Gewächses nicht einig. Da aber bewährte Weinzungen, darunter die des Großherzoges, die Diagnose auf Burgunder gestellt hatten, so wurde dieselbe einstimmig angenommen. Nur Goethe kostete, und kostete wieder, schüttelte das Haupt und setzte das geleerte Glas nachdenklich auf den Tisch. „Exzellenz scheinen anderer Ansicht zu sein“, sagte der Hofmarschall; „darf ich fragen, welchen Namen Sie dem Weine geben?“ „Der Wein ist mir durchaus unbekannt“, erwiderte Goethe. „Aber für Burgunder halte ich ihn nicht. Eher sollte ich meinen, es sei ein gut gelesener Jenenser, der eine Zeitlang auf einem Madeirafass gelegen hat.“ - „Und so ist es in der Tat!“, bestätigte der Hofmarschall“ (Goethe aus der Nähe, S. 309).

Goethe trank Weine seines Weinkellers immer unvermischt. Gäste, die sich nicht dran hielten, konnte er recht unsanft anfahren, wie W. von Zahn von einer Einladung bei Goethe berichtet: “Ich fand die Speisen waren äußerst wohlschmeckend und den Wein mindestens ebenso gut. Vor jedem Gaste stand eine Flasche Rot- oder Weißwein. Ich wollte mir einen klaren Kopf für den Nachtisch erhalten, weshalb ich Wasser unter meinen Wein goß. Goethe bemerkte es und äußerte tadelnd: Wo haben Sie denn diese üble Sitte gelernt?! [...] Goethe hatte eine ganze Flasche geleert und schenkte sich noch aus einer zweiten ein Glas ein, während man uns schon Kaffee reichte” (Goethe aus der Nähe, S. 299f.).
Eine weitere uns etwas seltsam anmutende Gewohnheit Goethes überliefert Friedrich Förster: “Am liebenswürdigsten und heiter-geselligsten war Goethe am Mittagstische, wo jedoch die Eingeladenen nie die Zahl der Musen überschritten. Vor ihm stand eine Flasche alten Rheinweins, welche er ganz alleine zu leeren pflegte, wir anderen hatten uns aus den vor uns aufgestellten Flaschen nach Belieben zu versorgen” (24.7.1821). Wir werden allerdings in Unklarem darüber gelassen werden, welcher Wein sich in diesen Flaschen befand.
Goethe legte großen Wert auf edle, passende Gläser, in denen der Geschmack des Weines sich stärkt: „Doch wähl´ ich dir voraus den lieblichsten Pokal: / Ein blank venedisch Glas, worin Behagen lauschet, / Des Weins Geschmack sich stärkt und nimmermehr berauschet.“ (Faust II, 4. Akt, Vers 10920-22). Am liebsten trank er ihn aus alten Römergläsern, die er in „Hermann und Dorothea“ als die „ächten Becher des Rheinweines“ bezeichnet.
Er selbst ist nie den Verlockungen des übertriebenen Alkoholgenusses erlegen, konnte aber nicht verhindern, dass sein Sohn August seine Gesundheit durch zu starken Weingenuss gefährdete. Goethe hat den Wein zur Steigerung des Lebensgenusses und zur Würze der Mahlzeiten gebraucht, aber niemals seine Freiheit an ihn verloren.
Ein literarisches Denkmal hat er dem Wein im berühmten „Schenkenbuch“ des „Westöstlichen Diwan“ gesetzt:

Trunken müssen wir alle sein!
Jugend ist Trunkenheit ohne Wein;
Trinkt sich das Alter wieder zu Jugend,
So ist es wundervolle Tugend.
Für Sorgen sorgt das liebe Leben,
Und Sorgenbrecher sind die Reben.
(Das Schenkenbuch, West-östlicher Divan, Goethe, Werke (Hamburger Ausgabe), Bd. 2, München 1981, S. 90.)
0
3 Kommentare
1.643
Wolfgang Kreiner aus München | 02.02.2011 | 12:03  
26
Max Bucher aus München | 02.02.2011 | 13:18  
22.119
Brigitte Obermaier aus Ismaning | 28.03.2011 | 18:15  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.