Der Fasching kommt - ein Interview mit einem Luftschlagen- und Konfetti-Fabrikanten

„Herr Meier-Tolk, Sie sind Geschäftsführer der Firma „Alau & Helaf“, der letzten konfettiproduzierenden Fabr….“

„Verzeihung – Konfetti und Luftschlangen…!“

„Nun gut – Konfetti und Luftschlangen produzierenden Fabrik unseres Landes. Wodurch erklären Sie sich dieses nun beinahe völlige Verschwinden dieser Branche?“

„Nun – alle Marktanalysen und Verbraucherstudien der letzten Zeit haben eindeutig ergeben, dass es heutzutage einfach nicht mehr so viel zu feiern gibt wie früher.“

„Und, wodurch blieb aber dann gerade ihre Firma markt- und überlebensfähig?“

„Dies hat vielerlei Gründe; vor allem hängt es aber damit zusammen, dass wir rechtzeitig innovativ waren und auf andere, völlig neue Produktionsverfahren umstellten. So haben wir beispielsweise auf völlig neuartige Scheren umgestellt, die es einerseits ermöglichen, Konfettis in jeder beliebigen Form auszuschneiden, so dass wir auf jeden Trend unmittelbar reagieren können.
Andererseits machten wir uns aber auch die Erkenntnisse der Toilettenpapierherstellung nutzbar, führten ebenfalls ein dreilagiges Herstellungsverfahren ein und konnten so die Herstellung bei gleichem Aufwand um zwei Drittel erhöhen.“

„Und – mit welchem Ergebnis?“

„Nun – dadurch konnte die letzte Lohnerhöhung bei gleichzeitiger Arbeitszeitverkürzung aufgefangen und kompensiert werden, denn über das Preisniveau war da einfach nichts mehr zu holen.“

„Und – da konnte Ihre Konkurrenz nicht mithalten?“

„ Diese Frage kann man so nicht stellen. Der Umsatz unserer Mitbewerber entstammte seinerzeit hauptsächlich aus Staatsaufträgen. Die daraus resultierende jahrelange Auftragssicherheit hinderte unsere Mitbewerber aber eher, selbst innovativ zu werden und als aber die Staatsaufträge aus Berlin dann ausblieben…“

„Weshalb? Ist dort nun kein Bedarf mehr an Konfettis und Luftschlangen?“

„Nun, dazu kann ich im Moment wenig sagen, denn wir haben uns diesmal nach der Wahl nicht mehr an der Versendung von Musterkollektionen an die einzelnen Fraktionen beteiligt. Wir haben nun mit unserem neuartigen Umweltkonfetti, sowie unserem völlig neu entwickelten Konfetti für Faschingsmuffel eine völlig andere Zielgruppe im Auge.“

„Demnach wird also in Berlin auch nicht mehr so viel gefeiert, wie seinerzeit in Bonn?“

„Wir wissen nur soviel, dass diesmal kein einziger Regierungsauftrag vergeben wurde und alle Mustersendungen an die Konkurrenz zurückgingen. Der einen Fraktion war die Mischung zu bunt, die andere hat, wie sie mitteilte, in den kommenden Jahren eh nichts zu feiern, ja…, und eine Sendung kam gar als unzustellbar zurück. Dies alles zeigt, dass unser Konzept stimmt und wir auf das richtige Pferd gesetzt haben.“

„Eben erwähnten Sie ein neuartiges Umweltkonfetti, sowie eine Neuentwicklung für Faschingsmuffel. Können Sie hierzu noch Näheres erläutern?“

„Nun – bei der Marktneuheit für Faschingsmuffel handelt es sich um ein einzelnes Spezialkonfetti, welches im netten Etui angeboten wird, aus dem es dann beim Öffnen durch einen Federmechanismus von selbst heraus springt – vom Muffel selbst also nicht mehr geworfen werden muss.
Das Konfetti springt dann bis zu drei Meter hoch, kann dann in die Schachtel wieder zurückgelegt werden und in den kommenden Jahren jeweils erneut zur stimmungsvollen Anwendung gebracht werden.“

„Aha, sehr interessant! Und das Umweltkonfetti?“

„Dieses Konfetti besteht – wie übrigens alle Produkte aus unserem Hause – aus hundertprozentigem Recyclingpapier und wir waren die Ersten, die hierfür sogar ein Mehrwegverfahren einführten.
Im Übrigen denkt die Regierung zudem über die Einführung eines Konfettipfandes nach!“

„Hieße dies, Herr Meier-Tolk, dass dieses Konfetti der Wiederverwendung zugeführt wird und wie würde dies dann mit dem Rücklauf aussehen?“

„Nun, hier sind, wie wir im letzten Fasching und bei anderen Festen feststellen mussten, die Ergebnisse noch nicht so zufrieden stellend, wie wir uns dies wünschen würden.“

„Und weshalb…?“

„…solange die Konfettis dort liegen bleiben, wo sie hingeworfen werden, ist ein Rücklauf zu hundert Prozent sicher gestellt. Leider werden aber noch zu viele Konfettis zweckentfremdet als Verhütungsmittel benützt und gehen somit einer zweckbestimmten Wiederverwendung verloren.“

„Als Verhütungsmittel…? Das müssen Sie mir erklären:“

„Sehen Sie, viele Mädchen, die auf einen Faschingsball gehen wollen, bekommen von ihren Müttern oder Großmüttern den wohlmeinenden und vermeintlich tugend- und schwangerschaftsbewahrenden Rat mit auf den Weg, den ganzen Abend über ein Konfetti mit den Knien fest zu halten und nicht los zu lassen. Dies mag in früheren Zeiten durchaus funktioniert haben. Aber wenn Sie sich heutzutage mal am Morgen nach einer Ballnacht die U- und S-Bahnen, die Hauseingänge oder Innenräume von Autos ansehen – um nur einige Beispiele zu nennen – dann können Sie sehr leicht feststellen, wie wirkungslos diese Methode geworden ist und wie wenig sich die Mädchen heutzutage an derlei Dinge halten, das heißt, wo sie überall die Beine breit machen und Konfettis fallen lassen.“

„Und, wie glauben Sie nun, auch diese Konfettis dem Recycling zuführen zu können?“

„Wir sind gerade dabei, eine umfassende Aufklärungskampagne zu starten und können nur hoffen, dass in der kommenden Faschingssaison endlich andere Verhütungsmittel Anwendung finden werden.“

„Und Sie glauben, dass dann ein annähernd hundertprozentiger Konfettirücklauf gewährleistet wäre?“

„Ob uns das gelingt, werden Sie dann nach den Fachingsveranstaltungen jeweils selbst in öffentlichen Verkehrsmitteln, in Fahrzeugen, Hauseingängen und andernorts leicht feststellen können.“

„Herr Meier-Tolk, wir danken Ihnen für das aufschlussreiche Gespräch!“

Wolfgang Kreiner © 2001
aus: „kein Grund lauthals zu singen“
Gryphon Verlag München
ISBN 978-3-935192-25-5

Bürgerreporter:in:

Wolfgang Kreiner aus München

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