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Beruf: Traumjob Moderator – Viele Promis, lange Nächte und mehr arbeiten, als die anderen

   
The Boss Hoss
 
Nickelback
„Jetzt lernsch erscht mal was G’scheits und dann kansch des immer no mach’n!“ Wer von Euch hat diesen Satz noch nicht von Euren Eltern gehört? An dieser Stelle sei gesagt: Recht haben sie! Auch ich habe zuerst etwas „Anständiges“ gelernt – nämlich Speditionskaufmann. Eigentlich wollte ich immer schon zum Fernsehen oder Radio. Aus diesem Grund habe ich im Alter von 16 Jahren – ohne jedwede Sprachausbildung in feinstem Augsburg-Land-Dialekt, und eher schlecht als recht, Nachrichten aus der Zeitung gesprochen, aufgenommen und diese dann an lokale und bayernweite Radiosender geschickt, in der Hoffnung dort mit Handkuss genommen zu werden. Die Quittung kam postwendend in Form von Absagen. Mal 0-8-15, mal mit dem Tipp es erstmal bei einem kleineren Sender zu versuchen und eine Ausbildung zu machen. So startet man in 90 % der Fälle als Quereinsteiger die „Karriere“. Ich lernte: Moderator kann man nicht einfach so werden. Man muss als Redakteur beginnen.

Durch eine kleine Anzeige bin ich auf das Augsburger Internetradio „Frozen Radio“ (heute ansässig in Lechhausen) aufmerksam geworden. Da stand „…suchen wir ab sofort ehrenamtliche Moderatoren…“. Zusammen mit einer Mappe mit Logos für meine selbst konzipierte Sendung „X-Act“, die die Lokalbands, die sonst keine Plattform haben, herausheben sollte, erhielt ich dort einmal die Woche abends zwei Stunden Sendezeit…. immer noch mit Dialekt.

Als es mich mit meiner damaligen „Hauptarbeit“ nach Frankfurt verschlug, dort aber nach einem Jahr Schluss war, kam ich über einen Moderationscoach aus Augsburg nach Aschaffenburg in’s Funkhaus. Zwei Monate unbezahltes Praktikum waren Pflicht. In dieser Zeit war ich mir für nichts, aber auch gar nichts zu schade. So putzte ich beispielsweise als Showpraktikant bei Radio Galaxy im Sommer und im Bikini meiner Schwester auf der meist befahrenen Strasse Aschaffenburgs die Windschutzscheiben der vorbeifahrenden Autos an einer Ampelanlage.

Durch schicksalsträchtige Umstände und dem Tipp des damaligen Programmchefs „Wenn Sie mir versprechen, sich Ihren Dialekt abzugewöhnen… herzlich willkommen!“, erhielt ich im Anschluss ein so genanntes Volontariat (= Ausbildung ausschließlich im praktischen Bereich, da staatlich nicht anerkannt auch deswegen keine Schulpflicht). Der Vorteil im Funkhaus Aschaffenburg war und ist, dass dieses sowohl zwei Radiosender (Radio Galaxy für die jungen Wilden und Radio Primavera für die etwas ältere Zuhörerschaft) als auch eine Wochen- und eine Jugendzeitung beherbergte. Das bedeutete also zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Denn zwei Jahre Volontariat rechnet man normalerweise je Medium.

Kaum angefangen, gab es bereits nach drei Monaten die Übergabe vom vormaligen Moderator von Radio Galaxy an mich. Zwei Jahre lang moderierte ich dort von 15 – 19 Uhr die Nachmittagsschiene mit allem was so dazugehört. Und all denjenigen, die mich fragten, was ich denn sonst noch so machte, denn mit vier Stunden täglicher Moderation kann’s das ja alleine wohl nicht gewesen sein, sei an dieser Stelle ein kurzer Überblick eines ganz „normalen“ Tages gegeben:

04:00 Uhr Aufstehen
05:00 Uhr Zuarbeiten an den Morningshow-Moderator von Radio
Primavera mit Themen und O-Tönen (Originalstimmen von
Befragten), die von einer Zentrale in München bereitgestellt
werden und bei Bedarf (!) gesendet werden können. So der
Morningshow-Moderator will, sind die O-Töne auch noch zu
schneiden, weil vermutlich mal wieder zu lange.
06:00 Uhr Start der Morningshow
06:30 Uhr Lokale Wetter- und Verkehrsdurchsagen auf Radio Galaxy
06:35 Uhr Umschreiben von Wetter- und Verkehrsmeldungen für Radio
Primavera
06:55 Uhr Als „Wetter-Wolfi“ Verlesen der eben umgeschriebenen
Meldungen (und das jede Stunde auf’s Neue)

Das Ganze wiederholt sich bis 10.00 Uhr, bis die wichtigste Show für einen Radiosender zu Ende ist. Zwischendurch ist für 08:00 Uhr noch die allmorgendliche Redaktionssitzung aller vier Medien, zu der jeder der Redakteure mindestens drei lokale Themen parat haben muss – täglich !!!

Nach 10 Uhr ist man damit beschäftigt sich die Themen für seine eigene Show zu überlegen, zu recherchieren (80% der Arbeit und das Wichtigste! Gute Recherche ist alles!), vorzubereiten, eventuell noch Umfragen zu machen, die Moderationen zu schreiben.

14:00 Uhr Die Werbepläne kommen aus der Werbedispo. Diese Mädels
planen die Werbung in bestimmten Blöcken je Stunde. Auch
achten sie darauf, dass zum Beispiel nicht zweimal
hintereinander ein Automobilhersteller über den Äther läuft.
Ja, auf solche Dinge muss man Acht geben. Schließlich zahlt
der Kunde viel Geld dafür, dass er im Radio herausgehoben
wird! Also: Die Werbung noch entsprechend zwischen die
vorbereiteten Songs, die man NICHT selbst entscheiden darf,
sondern vom Musikchef je nach Zielgruppe des Senders
täglich neu vorgelegt bekommt, die so genannten „Betten“
(=Musik, die als Unterstreichung unter den Moderationen
läuft, damit’s nicht so trocken klingt und man nur die Stimme
hört) schon mal an die richtige Position im Musikprogramm
setzen und schon kann’s losgehen.

15-19 Uhr Jetzt kommt das, was alle anderen „draußen“
mitbekommen: „Nur“ vier Stunden moderieren! Denkt daran,
Ihr seid heute Morgen um 04:00 Uhr aufgestanden!

ab 19 Uhr Wenn Ihr Euch jetzt beim Nachhausegehen erwischen lasst…
Pech gehabt! Der Nachrichtensprecher des Nachmittags ist
auf Eure Hilfe angewiesen. Ihr solltet ihm helfen noch ein
paar aktuelle Meldungen für den Nachrichtensprecher des
nächsten Morgens zu finden und zu schreiben.

21:00 Uhr Vielleicht seid Ihr schon zuhause ?!

Ich konnte mir auch meinen Traum von der eigenen Sendung im kommerziellen Radio erfüllen. Die „ROCKBAR“ moderierte ich mit meinem Kollegen Benni, immer sonntags von 20-24 Uhr (am nächsten morgen um 04:00 Uhr aufstehen – der reguläre Dienst ruft!).

Das geht zwei Jahre lang, nicht zu schweigen vom turnusmäßigen Wochenenddiensten für die beiden Zeitungen, an dem Termine von morgens 08:00 Uhr bis abends oder nachts 00:00 Uhr sein können (in der Regel wechselt man sich auch ab).

Dann erst habt Ihr’s geschafft. Ihr dürft Euch offiziell „Redakteur für Rundfunk- und Printmedien“ nennen.

Versteht mich nicht falsch, ich möchte das alles in keinem Fall missen. Ich will nur, dass Ihr Euch bewusst seid, dass dieser Job das Beste sein kann, was Ihr Euch vorstellt, andererseits aber auch ein Privatleben oft zurückstehen muss und Ihr eine gesunde Portion Idealismus mitbringen müsst.

Meine Tipps an Euch:

• Probiert es aus, solange Ihr jung seid, da habt Ihr noch die Power.

• Jeder ist ersetzbar und von heute auf morgen auszutauschen

• Geld… verdient nur, wer kontinuierlich hart an sich und im Team
arbeiten kann, sich so hocharbeitet und zu einem großen Sender
wechseln kann.

• Viel lernen und von Anfang an Verantwortung übernehmt Ihr zu 99,9 %
bei einem kleinen lokalen Sender! Tobt Euch hier aus und nutzt die
vielen Gelegenheiten. Das fängt schon im Praktikum an, wenn auch
noch andere Praktikanten mit Euch angefangen haben.

• Seid Euch für nichts zu schade! Etepetete is nich!

• Seid flexibel. Verlasst Ihr heute einen Sender, egal ob Radio oder TV,
müsst Ihr meist umziehen, denn Sender gibt’s ja nicht wie Sand am
Meer. Ich bin insgesamt acht Mal umgezogen!

• Stellt Euch darauf ein auch wochenends zu arbeiten. Schließlich hört
Ihr doch auch Radio und schaut Fernsehen am Wochenende, oder?

• Die Liebe zur deutschen Sprache solltet Ihr auf jeden Fall haben!

Abgesehen von viel Arbeit und wenig Geld – zumindest am Anfang - wird man aber auch durch andere Tätigkeiten belohnt. Hier meine Highlights, die ich erleben durfte:

• WOK WM 2004 & 2005
• RTL Promiboxen 2004
• Starcup 2003 & 2004
• Arschbomben WM 2005 (als Vorspringer und Eröffnung)
• Hoteleinweihung Schloss Gymnich (Schloss der Kelly Family)
• Reihenweise Promis, die genau so sind wie Du und ich
• Professionelles Sprachtraining mit Logopäden und ehemaligen ZDF-
Nachrichtensprechern
• Mod-Coaching von jahrelangen No.1 Moderatoren aus der Berliner
und australischen Szene
• Hallensprecher bei den White Wings Hanau (1. Regionalliga Basketball)
• Viele liebe Teamkollegen und Prominente mit denen der Kontakt noch
immer besteht
• zahlreiche Empfänge, Afterparties, etc.

Was ich heute mache? Nach meiner Zeit bei bigFM in Stuttgart als Redaktionsleiter bei einem lokalen Fernsehsender in Aschaffenburg und zwei Praktika bei RTL und SAT.1, arbeite ich heute wieder in der Spedition, baue mir aber auch gerade mein eigenes Studio zum Fotografieren, Video-Cut und für meine Sprachaufnahmen. Noch heute spreche ich für Hörspiele, PC-Games, Radio- und TV-Spots, fotografiere und schreibe Werbetexte für die Industrie, Artikel für die lokalen Zeitungen und natürlich für myheimat.de.

Ergo: Was G’scheites g’lernt, und trotzdem auch noch das was Spaß macht!
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Weiterveröffentlichungen:

Unser "Plus" kennzeichnet alle Beiträge, die durch den Abdruck bei unseren Partnerverlagen noch mehr Aufmerksamkeit bekommen.myheimat-Ratgebermagazin | Erschienen am 20.03.2012
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