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„Was notwendig ist, wird gemacht, Luxus steht aber nicht auf der Tagesordnung“: Interview mit Meitingens Bürgermeister Dr. Michael Higl

Meitingens Bürgermeister Dr. Michael Higl
Viel los war in Meitingen in diesem Jahr! Im Interview berichtet Meitingens Oberbürgermeister Dr. Michael Higl unter anderem, wie es mit dem heißdiskutierten Windrad in Langenreichen aussieht, was für Senioren in der Gemeinde getan wird und welche Bauvorhaben im nächsten Jahr umgesetzt werden sollen.

mh bayern: Die Wohnungsbau GmbH Meitingen feierte dieses Jahr ihr 50-jähriges Jubiläum. Sie entstand aus einer Zeit, in der in Folge des Krieges Wohnraumknappheit herrschte. Warum ist aus Ihrer Sicht das Konzept der Wohnungsbau GmbH auch heute noch zeitgemäß?

Dr. Michael Higl: Auch heute noch fühlt sich die Wohnungsbau GmbH dem sozialen Gedanken verpflichtet. Seniorengerechte, barrierefreie und vor allem bezahlbare Wohnungen anbieten zu können, ist heute aktueller denn je. Viele, die auf dem freien Markt keinen erschwinglichen Wohnraum bekommen, finden bei der Wohnungsbau eine neue Heimat.

Ergänzend zu ihrer sozialen Rolle hat die Gesellschaft sich in den letzten Jahren zu einer den Ort gestaltenden Kraft entwickelt. Ich denke dabei an die Zentrumsbebauung wie auch den Wohnpark Laubenbach.

Ein wegweisendes Projekt nimmt die Wohnungsbau im Moment in Angriff. Am Rande des Fiakerparks entsteht eine Wohnanlage, in der neben seniorengerechten Einheiten ein Zentrum entsteht, in dem das breite Angebot für Senioren im Markt vermittelt und ergänzt werden soll. Darüber hinaus werden in Kooperation mit der SGL Group Wohneinheiten für Mitarbeiter angeboten, die sich zeitweise in Meitingen aufhalten.

mh bayern: Ob in Langenreichen ein Windrad errichtet wird oder nicht und der Protest der Anwohner war ein heißdiskutiertes Thema in diesem Jahr. Die Ereignisse in Fukushima haben die Diskussion um erneuerbare Energien nochmals deutlich angeheizt. Haben die Ereignisse auch in Meitingen hinsichtlich des Windrads in Langenreichen etwas bewirkt und wie wird es hier weitergehen?

Dr. Michael Higl: Die Diskussion ist weniger von der grundsätzlichen Bewertung von Windkraft als viel mehr von der konkreten Standortfrage geprägt. Kaum jemand spricht sich generell gegen die Nutzung von Windkraft aus, nur das „Wo“ wird sehr unterschiedlich bewertet.

Derzeit versucht der Markt, ein grundsätzliches Konzept zu erarbeiten. Dabei stehen wir auch mit den Kommunen Biberbach und Wertingen in engem Kontakt. Unser Ziel ist eine abgestimmte Planung nach einheitlichen Kriterien, ein Ziel, das die beiden Kommunen mittragen. Daher werden Flächen im Süden von Langenreichen nicht mehr von Biberbach in Erwägung gezogen.

Derzeit zeigt sich ein etwas kompliziertes Bild:

- Der vorliegende Bauantrag ist durch eine Veränderungssperre des Marktes Meitingen zurückgestellt.
- Die Kriterien für die abgestimmte Planungen zwischen den Kommunen sind aufgrund absehbarer Gesetzesänderungen des Freistaates von uns noch nicht sinnvoll fixierbar, beispielsweise sollen unsere Waldflächen nicht mehr generell tabu sein. Wir müssen den Winderlass aus München abwarten, der voraussichtlich große Veränderungen mit sich bringt.
- Es herrscht große Unklarheit, inwieweit die bestehenden Rahmen des Regionalplans noch gelten aufgrund verschiedener Gerichtsentscheidungen

Auf Basis dieser Unklarheiten wird deutlich, dass in eine sorgfältige Planung viele Aspekte mit einbezogen werden müssen. Schwierig gestaltet sich für uns dabei aber besonders, dass ein Windrad auf Kühlenthaler Flur entstehen soll, das starke Auswirkungen auf Langenreichen hat. Es kann sein, dass durch das forcierte Handeln des Kühlenthaler Gemeinderats Fakten geschaffen werden, die unseren Planungen entgegenstehen könnten.

mh bayern: Auch in Meitingen sorgt die demographische Entwicklung dafür, dass die Zahl der Senioren kontinuierlich zunimmt. Deswegen gab es in diesem Jahr eine Broschüre mit den wichtigsten Informationen und einen Workshop über Konzepte in der Seniorenbetreuung. Wie sieht das Meitinger Seniorenkonzept für die nächsten Jahre aus? Welche Wünsche und Vorschläge kamen aus der Bevölkerung?

Dr. Michael Higl: Schon beim Zusammentragen der Informationen für unsere Broschüre „60+“ zeigte sich, dass Meitingen im Seniorenbereich mit einem breit gefächerten Angebot aufwarten kann, sowohl im professionellen als auch im ehrenamtlichen Bereich. Der Demographie-Workshop, bei dem uns die Bertelsmann-Stiftung begleitete, verdeutlichte dies nochmals, zeigte aber auch, dass es an übergreifenden Informationen und Vernetzung fehlt. Als klares Anliegen wurde formuliert: In Meitingen soll eine zentrale Stelle geschaffen werden, wo alle Informationen zusammenlaufen und gebündelt werden. Die Überlegungen gehen dahin, diese Position im neuen Projekt der Wohnungsbau GmbH im Fiakerpark einzurichten. Unsere Idee ist es, zu einer ähnlichen Zusammenarbeit zu kommen, wie es im Kinder- und Familienbereich ganz ausgezeichnet mit der St.-Gregor-Jugendhilfe funktioniert. Einen Partner zu gewinnen, wird eine Aufgabe des nächsten Jahres sein.

mh bayern: Dass das Dach der Ballspielhalle saniert werden muss, ist klar. Unklar ist noch, wie die Halle generell attraktiver gemacht werden kann. Wird es dazu im nächsten Jahr einen Ideenwettbewerb geben, wie bereits vorgeschlagen wurde?

Dr. Michael Higl: Derzeit erfassen wir gemeinsam mit einem Planungsbüro den Sanierungsbedarf als Grundlage. Hier liegen bereits Studien vor, die zusammengefasst werden müssen. Nachdem aus aus dem Marktgemeinderat schon einige konkrete Ideen, Wünsche und Visionen vorliegen, gilt es in den nächsten Wochen diese konkret im Hinblick auf Umsetzbarkeit zu diskutieren. Am Ende des Plaungsschrittes sollen Möglichkeiten aufgezeigt werden und Kostenschätzungen vorliegen. Beispielsweise wird die Frage zubeantworten sein, ob die Sporthalle auch verstärkt als Veranstaltungshalle genutzt werden kann und sollte. Dann geht’s an die Umsetzung.

mh bayern: Um die Anwohner neben der Bahnlinie vor dem Lärm zu schützen, sollen Lärmschutz- und Schallschutzwände errichtet werden. Gibt es hierzu schon genauere Pläne?

Dr. Michael Higl: Trägerin der Maßnahme ist die Bahn. Sie hat uns ihre konkrete Planung vorgelegt. Da manches noch verbesserungswürdig erscheint, haben wir unsere Zusatzwünsche, die wir auch finanzieren würden, formuliert. Im Einzelnen geht es darum, einen Lückenschluss der Schallschutzwände im Bereich des Innerortes zu erhalten.
Außerdem sollen auf einem Streckenabschnitt die Wände nähr an die Gleise herangerückt werden, um einen optimalen Schallschutz zu erzielen. Wir hoffen nun, dass das Verfahren zügig weiter geht und wir zu einer guten Zusammenarbeit mit der Bahn kommen.

mh bayern: Die Langenreichener Straße soll auf alle Fälle saniert werden. Die Anwohner wünschen sich zudem eine Verkehrsberuhigung und für die Autofahrer ist das „Hennenloch“, die Kreuzung vor der Bahnunterführung in der Peter-Dörfler-Straße, ein Ärgernis. Findet 2012 die Sanierung statt und können alle Wünsch erfüllt werden?

Dr. Michael Higl: Die Sanierung der Langenreichener Straße steht für 2012 auf dem Programm; die öffentlichen Zuschüsse dafür sind beantragt. Vorgesehen ist ein Kreisverkehr im Einmündungsbereich der Peter-Dörfler-Straße, der zwar flüssigen aber doch tempo-reduzierten Verkehr gewährleisten soll. Die Straßenbreite von 5,75 m stellt einen Kompromiss dar zwischen flüssigem Verkehr und Bremswirkung.

mh bayern: In einigen Bereichen Meitingens wurde u.a. auf Anraten der Polizei das Tempolimit von 50 aufgehoben, die Eigenverantwortlichkeit der Autofahrer soll so gestärkt werden. Sie äußerten dazu Ihre Bedenken. Wie hat sich die Verkehrssituation in den letzten Monaten entwickelt?

Dr. Michael Higl: Um die Verkehrssituation in ihrer Gesamtheit zu beleuchten und viele kleine Diskussionspunkte in großer Runde zu erläutern, haben wir im Frühjahrzu einer großen Verkehrsschau eingeladen. Dabei wurde durch die Polizeiinspektion Augsburg ein Überblick über die Unfallentwicklung im Bereich des Marktes Meitingen abgegeben sowie verschiedene Ortseinsichten durchgeführt. Zielsetzung dieser Besichtigungen, die keine großen Auffälligkeiten ergaben, war die Umsetzung der rechtlichen Vorgaben nach der Straßenverkehrsordnung, weshalb mancherorts das Tempolimit von 50 km/h im Außerortsbereich abgebaut wurde. Die große Verkehrsschau ergab auch, dass wir uns grundsätzlichen Fragen der Verkehrsleitung stellen müssen. So haben sich die Verkehrsströme in Meitingen innerorts seit Bestehen der Umfahrung Meitingens grundlegend geändert. War zu Zeiten der alten B 2 der Verkehr in Nord-Süd Richtung dominant, werden nun die Verkehrsverbindungen in Ost-West-Richtung zur neuen B2-Umfahrung stärker frequentiert. Daher haben wir ein Planungsbüro beauftragt, die aktuellen Verkehrsströme im Bereich des Marktes Meitingen zu erfassen und zu bewerten. Mitte November sind dazu Messungen und Zählungen erfolgt. Das Ergebnis dieser Verkehrsuntersuchung wird uns Anfang 2012 vorliegen und anschließend dem gemeindlichen Gremium und der Öffentlichkeit präsentiert und diskutiert.

mh bayern: Im September wurde eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden. Ob noch weitere unter der Oberfläche schlummern, ist ungewiss. Nach dem Fund sagten Sie, dass Sie einen Experten finden wollen, der mehr dazu sagen könne. Wie ist der derzeitige Stand der Dinge?

Dr. Michael Higl: Wir wissen sicher, dass es sich bei dem Flugzeug, das die Bomben am Montag, den 16. April 1945 über Meitingen abgeworfen hat, um eine amerikanische Maschine des Typs Consolidated B-24 „Liberator“ gehandelt hat. Dieser Maschinentyp war standardmäßig mit zehn Bomben bestückt. Das Flugzeug, das als Angriffsziel den Verschiebebahnhof Landshut hatte, wurde von den Flakbatterien Langweid, Täfertingen und Achsheim beschossen und ist um 15.57 Uhr in der Nähe des Gablinger Flugplatzes abgestürzt. Dabei kamen sieben der neun Besatzungsmitglieder ums Leben. Diese Erkenntnis haben wir aus einem Absturzbericht aus den amerikanischen Archiven. Vor dem Absturz wurde durch die Besatzung noch ein Notabwurf der Bombenladung durchgeführt, wovon auch welche im Innerortsbereich von Meitingen niedergegangen sind. Durch diesen Abwurf kamen in Meitingen zwei Frauen ums Leben.

Augenzeugenberichte haben uns leider über Anzahl der Bombeneinschläge bzw. der genauen Bombeneinschlagorte nicht weiter gebracht. Die Zeitzeugen waren sich jedoch einig, dass alles sehr schnell vor sich ging.

Wir haben deshalb noch versucht, über Luftbilder, die wir beim Bayerischen Landesamt für Vermessung und Geoinfomation angefordert haben, genauere Erkenntnisse zu gewinnen. Nachdem in unserem Bereich jedoch keine Frontlinie verlaufen ist, gibt es aus dieser Zeit auch keine Detailaufnahmen von Meitingen. Uns liegt lediglich ein Luftbild vom 10. Juli 1945 vor, aus dem jedoch leider auch keine weiteren Erkenntnisse geworden werden konnten, zumal in Meitingen in den letzten Kriegstagen auch Granaten, die von deutschen Soldaten vom Gemeindegebiet Thierhaupten abgefeuert wurden, eingeschlagen sind. Nach den Aussagen der Fachleute ist es jedoch gar nicht sicher, dass sich alle Bomben aus dem Flugzeug gelöst haben bzw. dass alle Bomben auf unserem Gemeindegebiet niedergegangen sind.

mh bayern: Aufgrund der unsicheren wirtschaftlichen Lage sind die Prognosen für die Gewerbesteuereinnahmen 2012 verhalten. Mit 3,5 Mio. Euro wird gerechnet, jedoch sind laut Investitionsprogramm 2012 bereits Ausgaben in Höhe von 4,2 Mio. vorgesehen. Im Marktgemeinderat soll darüber beraten werden, welche Projekte Priorität haben. Können Sie schon sagen, welche Investitionen auf jeden Fall getätigt werden?

Dr. Michael Higl: Die kontinuierliche Linie der letzten Jahre führen wir fort, was notwendig ist, wird gemacht, Luxus steht aber nicht auf der Tagesordnung. Unser Sanierungsprogramm sieht vor, mindestens eine Straße pro Jahr instandzusetzen. 2012 wird das - wie schon erwähnt - die Langenreicher Straße sein. Weitere Projekte sind bereits in Planung.

Im Bereich der Schulen arbeiten wir stetig daran, den Bestand zu erhalten, zu modernisieren und zu verbessern. Besonderes Augenmerk legen wir dabei auf Maßnahmen, die sich energiesparend auswirken. So erhalten in der Grundschule Meitingen Klassenzimmer und Turnhalle eine Wärmedämmung, die Grundschule Herbertshofen wird mit neuen Fenstern und 2013 einem Wärmedämmverbundsystem ausgestattet. Investieren wollen wir auch im Bereich unserer Kindergärten und bei den Spielplätzen. Insbesondere soll der Bolzplatz in der Nordfeldsiedlung neu gestaltet und dadurch für Jugendliche attraktiver werden.

Weitere wichtige Maßnahmen werden wir Ver- und Entsorgungsbereich angehen. Wir legen großen Wert auf die Versorgungssicherheit und Qualität unseres Wassers und werden unser Netz stärken und erneuern. In der Kläranlage steht der rund 40 Jahre alte Faulturm zur Sanierung an. Hier werden wir mit einem Blockheizkraftwerk künftig zusätzliche Energie gewinnen. Wir rechnen hier mit Stromeinspeisemengen, die vergleichbar sind mit der Produktion unserer 1.800 qm großen kommunalen Photovoltaikanlagen.

Zur Finanzierung unserer Maßnahmen wir neben den laufenden Einnahmen Rücklagen einsetzen, die durch das gut verlaufende Jahr 2011 gebildet werden. Schulden werden wir aufgrund der attaktiven Zinsen in Höhe der planmäßigen Tilgung aufnehmen, so dass auch Ende des Jahres 2012 planmäßig 5 Mio. Euro Schulden 11,5 Mio. Euro Rücklagen gegenüberstehen.

mh bayern: Herzlichen Dank für das Interview, Herr Dr. Higl.
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Weiterveröffentlichungen:

myheimat-Regionalmagazin meitinger | Erschienen am 02.01.2012
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