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Pulse of Europe: Interview mit Helge Hyams, zur Zeit auf Lesbos

Interview mit Helge Hyams
Die Marburger-Mitstreiterin bei Pulse of Europe*, Elka Hedwig, hatte die Gelegenheit das folgende Interview mit Helge Hyams zu führen, die sich zur Zeit auf Lesbos aufhält. Hyams ist in Marburg als Gründerin (1979) des Kindheitsmuseums am Barfüßer Tor bekannt, das Jahrzehnte in Marburg bestand. Sie befindet sich aktuell seit Ende 2019 auf Lesbos als ehrenamtliche Helferin in der Flüchtlingshilfe. Über die aktuelle Situation und ihre persönlichen Erfahrungen in den vergangenen Monaten berichtet sie im Folgenden anschaulich:

Seit wann sind Sie auf der Insel Lesbos?
Ich bin seit Mitte Oktober 2019 durchgehend auf Lesbos. Ganz zu Anfang des Jahres war ich schon einmal dort, um mir ein Bild zu machen von dem, was mich dort erwartet. Dieser kurze Aufenthalt hat mich bestärkt in der Notwendigkeit, dorthin zu gehen. Ich war also gut vorbereitet.

Können Sie uns mitteilen, aus welchen Gründen Sie eine solche ungewöhnliche Reise unternommen haben?
So ungewöhnlich ist diese Reise gar nicht. Viele Menschen kommen hierher als Freiwillige, und als ich im Januar 2019 hier war, traf ich gleich am ersten Tag eine junge Marburgerin, die in der Asylberatung arbeitete. Ursprünglich war ich gekommen, um so viel wie möglich zu beobachten, dem Geschehen möglichst nahe zu sein – um danach irgendwann Zeugnis abzulegen von dem, was hier in Moria geschieht. Aber reines Beobachten geht gar nicht – man wird sofort innerlich verwickelt und findet seinen Auftrag. Ursprünglich hatte ich mich für sechs Wochen verpflichtet, nach 10 Tagen war mir klar, dass ich den Winter über bleiben müsste.

Wie sieht die Arbeit im Rahmen der Schweizer Hilfsorganisation aus?
Ich habe im Gemeinschaftszentrum “One happy Family” gearbeitet, eine Schweizer Gründung, die dort seit 2017 aktiv ist. Sie ist eine der größten NGOs , die für die Moria-Flüchtlinge arbeitet. OHF’s Devise war von Anfang an: “Nicht FÜR sie, sondern MIT ihnen”, das heißt ihr Ziel besteht nicht darin, die Flüchtlinge nur zu versorgen, sondern ihnen ein Höchstmaß an Eigeninitiative zu ermöglichen. Unser Arbeitsteam bestand deshalb nur etwa zu einem Viertel aus international zusammen gesetzten Freiwilligen, zu Dreiviertel aber aus Moria-Flüchtlingen selbst, die bei uns eingearbeitet wurden.
ONE HAPPY FAMILY ist breit angelegt: Im Mittelpunkt stand zweifellos das Essen und Trinken! Die Menschen vom Moria Camp kamen etwa eine Stunde zu Fuß zum Zentrum gewandert, vor allem vom Hunger getrieben. Um 14 Uhr gab es Mittag, mit endlosen Menschenschlangen – wir gaben durchschnittlich 1000 Essen, an guten Tagen bis zu 1300. In der großen Halle gab es ein Café, Barbershop, Medienraum, Kinderstube und sogar ein Kino, das aber meistens als Schlafraum benutzt wurde. Auf dem weitläufigen Außengelände waren andere, dem OHF assoziierte NGOs in eigenen Räume untergebracht, u. a.. die School of Peace, die Klinik und die Reparaturwerkstatt.
Was die tägliche Arbeit anbelangt, jeder musste alles machen, das heißt unterrichten, Kinder versorgen, Essen verteilen, abwaschen, Müll einsammeln, Klos putzen, im Café arbeiten – kurz alles. Dennoch zeigte sich natürlich schnell, wo die Stärken (und besonders Schwächen) der Einzelnen waren und automatisch wurde man dort eingesetzt, wo es besonders sinnvoll erschien. Ich selbst habe ziemlich schnell meinen Platz gefunden, den ich den ganzen Winter über behalten durfte: Ich habe mit den Frauen und Kindern gehäkelt – Dinge, die sie zu ihrem notdürftigen Leben brauchten – am meisten Waschlappen und Mützen. Hier war wirklich Zeit und Möglichkeit, nahe an den Menschen zu sein, so wie ich es gewollt hatte. Die anderen Arbeiten habe ich trotzdem gemacht, die wurden regelmäßig auf uns verteilt.

Haben Sie Gewaltanwendungen gegen die Einrichtungen von Hilfsorganisationen erlebt – und hat es tatsächlich dazu geführt, dass Hilfsorganisationen ihre Angebote eingeschränkt haben oder sogar beendet haben?
Ja, sehr deutlich: Am Abend des 7. März ist ONE HAPPY FAMILY abgebrannt! Inzwischen haben wir klare Beweise, dass es Brandstiftung war, drei Täter haben zunächst die School of Peace in Brand gesetzt, von dort aus ist das Feuer auf uns übergeschwappt, weite Teile wurden zerstört: die gelagerten Bestände vernichtet (auch die viele Wolle, die Marburger Freunde gesandt hatten). Wir kennen noch nicht die genauen Motive der Täter, aber dieser Angriff reiht sich ein in mehrere größere und kleinere Angriffe auf NOGs überall im Umfeld von Moria (zwei weitere NGO-Räume wurden niedergebrannt, einer noch in diesen Tagen).
OHF musste sofort schließen - kurz danach schränkten dann auch andere NGOs ihre Arbeit ein – es folgte dann ein Gemisch aus diesen gezielten Aggressionen und dem Aufkommen der Corona-Gefahr. Ein gefährliches Gemisch natürlich, weil damit eine ursächlicher Zusammenhang unterstellt wird. Seit etwa Mitte März haben die meisten NOGs ihre Arbeit eingestellt und ihre Mitarbeiter nach Hause geschickt, um deren Sicherheit zu gewährleisten. Nur einige wenige, besonders mutige arbeiten aber auch weiter vor Ort.

Können Sie etwas zur gesundheitlichen Lage der Menschen im Lager sagen –ggf. wie groß ist die Gefahr der Corona-Ausbreitung?
Man muss nicht Arzt sein, um ein vernichtendes Urteil über die gesundheitliche Versorgung im Lager Moria zu fallen. Der Winter war schon krass: ALLE husteten. Alle prusteten Erkältungsviren durch die Gegend - wir nannten es den Moria-Husten – damals ahnten wir noch nichts von Corona. Natürlich ist das Immunsystem bei den allermeisten Menschen geschwächt, viele leiden an Vorerkrankungen oder chronischen Leiden. Die viel zu wenigen Toiletten und Wascheinrichtungen sind ekelerregend, und die Menschen leben extrem dicht gedrängt. Es gibt minimale medizinische Einrichtungen, die Zahl der Ärzte und Krankenschwestern schwankt von Tag zu Tag, derzeit beträgt sie etwa 15 und dies für die rund 20.000 Menschen! Ganze Familien hocken nach den polizeilich verfügten Ausgehverboten nur noch im Zelt, ohne Strom , ohne Heizung, die Nächte sind auch jetzt noch kalt und windig in Griechenland. Husten, Halskratzen und Fieber wird eher unterdrückt als irgendwo gemeldet.
Bis heute gibt es auf der Insel Lesbos 6 bestätigte Corona-Fälle. Alle wissen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, dass sich der Virus im Lager verbreitet. Nicht nur bei den Lagerbewohnern geht deshalb die Angst um, sondern auch bei der griechischen Bevölkerung, was weiterhin zur verschärften Ausschließung der Flüchtlinge beiträgt. Es ist ein Teufelskreis.

Was bedeutet dies für die aktuelle Lebenslage der geflüchteten Kinder?
Sie können es sich selbst ausmalen: Hyper-Stress! Schon die deutschen Familien fühlen sich anscheinend überlastet, wenn sie ihre Kinder ein paar Tage zu Hause einsperren müssen. Aber sperren Sie mal drei, vier, sieben Kinder in einem Zelt ein, oft gemeinsam mit Oma, ohne Spielzeug, hungrig, mit Krätze, mit Durchfall, mit dieser diffusen, omnipräsenten Angst. Ich habe den ganzen Winter über Kinder beobachtet: Manche reagierten auf Stress-Situationen mit einer Art Totstell-Reflex. Sie rühren sich nicht, sie sprechen nicht, reagieren nicht. Vielleicht überleben sie ganz ähnlich so in ihren Zelten. Wir wissen es nicht.
Daneben gibt es die hohe Zahl der Kinder und Jugendlichen, die ohne Eltern auf der Flucht sind, die minors, um deren Überführung nach Deutschland derzeit so gerungen wird. Diese Kinder werden natürlich nicht in Zelten gehalten, sie streunen weiter, nun mehr oder weniger polizeilich eingeschränkt, in den Olivenhainen herum. Auch hier ist die Zahl der Betreuer inzwischen auf ein Minimum geschrumpft. Wenn ich an sie denke, dann fällt mir sofort die geschichtliche Parallele ein: Damals 1939, vor Ausbruch des 2. Weltkriegs, gelang es den Engländern innerhalb kürzester Zeit 10.000 von jüdischen Kindern im Zuge der Kindertransporte nach England zu holen. Alles lässt sich machen, wenn man nur will. Es gibt nicht nur 1600 Jugendliche, es gibt mehrere Tausende, die jetzt sofort in Sicherheit gebracht werden müssten.

Was müsste geschehen, damit die Hilfsorganisationen ihre Angebote wieder in vollem Umfang aufnehmen können?
Im Moment ist ganz Lesbos, wie Griechenland selbst und die ganze Welt, absolut gelähmt. Wegen der Bewegungs- und Kontaktverbote sind natürlich auch die NGOs blockiert. Sie können erst wieder zum Zuge kommen und ihre Arbeit aufnehmen mit der Auflösung der staatlichen Restriktionen. Aber wir wissen nicht, wann dies sein wird, und wir wissen vor allem nicht, wie sich Corona im Zusammenhang mit dem Flüchtlingslager entwickelt. Alle ärztlichen Organisationen, allen voran Ärzte ohne Grenzen, gehen davon aus, dass es, wenn es im Moria Camp zum Ausbruch von Corona kommen sollte, dies explosionsartig sein wird. Deshalb der dringende Appell nach Brüssel, nach Athen, an die europäischen Länder, die Menschen aus den Lagern zu evakuieren - und zwar schnell. Jeder Tag zählt, und die Möglichkeit dazu gibt es.

Wie konnte es dazu kommen, dass es Demonstration, Blockaden, gegenüber den geflüchteten Menschen gab?
Dies ist eine sehr schwierige und komplexe Frage. Erinnern wir uns: die Griechen, auch hier auf Lesbos, leben seit jeher vom Fremdenverkehr! Sie sind vertraut mit Fremden, mit dem Fremden und sie waren damals 2015 die ersten, die über lange Zeit intensiv die an den Stränden gelandeten Flüchtlinge versorgten – noch bevor die NGOs kamen. Sie waren so hilfsbereit und opferbereit, dass einige von ihnen, stellvertretend für viele, 2016 für den Friedens-Nobelpreis nominiert wurden. Und viele Griechen sind auch heute noch dabei.
Aber in den vergangenen Wintermonaten ist die Stimmung umgeschlagen. Die Frustrationen der Menschen hier haben viele Gründe: allen voran die seit Jahren schleppende Wirtschaftskrise und das damit bedingte Ausbleiben von Touristen; vor allem aber das ausgeprägte Gefühl, mit dem Moria Camp von Europa in Stich gelassen zu sein. Viele fühlen sich schlichtweg überfordert, und der Slogan “Wir wollen unsere Insel wieder haben”, unter dem sich im Februar mehrere tausende Menschen in Mythilini zusammenfanden, ist nur ein hilfloser Schrei angesichts dieser scheinbar ausweglosen Situation. Die Lager tun nicht nur den Flüchtlingen, sondern auch den Griechen Gewalt an und Lesbos erlebt derzeit – wie lange nicht in seiner Geschichte – Passionszeit in einem tiefen Sinn.

Wir bedanken uns bei Frau Hyams für dieses ausführliche Interview und wünschen ihr bei ihrem Einsatz für die Geflüchteten viel Kraft.(Das Interview wurde am 04.04.2020 geführt)


*Pulse of Europe Marburg streitet seit Jahren für die Weiterentwicklung der Europäischen Union, wozu an vorderster Stelle auch die Solidarität gehört. Die unerträgliche Lage der Flüchtlinge auf den griechischen Inseln wird wegen der Corona-Pandemie immer explosiver und sollte sofort zu lösen sein. Die noch nicht eingelöste Zusage der Aufnahme von kranken Kindern und ihren Familien aus den Lagern der griechischen Inseln – einige EU-Staaten hatten sich verpflichtet 1.600 Geflüchtete aufzunehmen - ist immer noch nicht umgesetzt. Auch wenn aktuell 50 Kinder in Deutschland aufgenommen wurden, so ist das für unser großes Land und der anhaltenden Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung eine viel zu geringe Anzahl! Schließlich hat die Marburger Stadtgesellschaft sich erklärt 200 Geflüchtete sofort aufzunehmen!
Die Solidarität soll aber auch den Menschen in Italien, Spanien und Griechenland gelten, die unter der Corona-Pandemie besonders leiden.
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