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Nicht in der OP Marburg veröffentlichter Leserbrief zu den Auseinandersetzungen um die Oberbürgermeister Bleek und Voß

Karl Theodor Bleek
Marburg: Rathaus | Derzeit läuft eine Diskussion um die heutige Einschätzung der Rolle der beiden Marburger Oberbürgermeister Bleek und Voß in der Nazizeit. Eine von der Stadt Marburg beauftragte Studie hat mehr als 150 Mandatsträger untersucht und viele ehemalige NSDAP-Mitglieder ausgemacht.

Es stimmt schon: Was soll dies alles nach über 60 Jahren? Wie die einzelnen Personen wirklich gehandelt haben, ist nicht mehr aufzuklären. Eine Anklage wäre kaum mit Wahrheitsgehalt zu erstellen.

Doch es gibt zwei Ausnahmen: Einmal ist es Karl Theodor Bleek. Dieser hatte gelogen. Und das ist erst nach vielen Jahren herausgekommen. Seine Karriere ist auf Falschaussage aufgebaut. Er hatte seine Parteimitgliedschaft in der NSDAP verschwiegen. Seine Ehrungen in Marburg sollten überdacht werden (Straßenbenennung usw.).

Zum anderen ist es Walter Voß. Dieser war eindeutig für die Nazis aktiv - bis zu den Deportationen der Juden, die er veranlasst hatte. Aber er erhielt den Status des "Retters von Marburg" - fälschlich, wie ich ausführlich darstellen konnte. >Im Gesamtzusammenhang nachzulesen in meinem Buch über die Oberbürgermeister.

http://www.myheimat.de/marburg/politik/die-legende...

Die Diskussionen darüber stocken derzeit. Aber es wird noch Auseinandersetzungen in der Stadtverordnetenversammlung geben, Anträge liegen vor.

Leider wurde ein Leserbrief - aktuell dazu - in der Oberhessischen Presse nicht gebracht. Deshalb hier die Ausführungen:

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Leserbrief

Der am Dienstag, 22. November 2016, von einer Historikergruppe vorgelegten Studie über die NS-Vergangenheit Marburger Kommunalpolitiker, von der Stadt auf Antrag der Grünen verfasst, muss ein großes Lob gezollt werden. Hierzu glaube ich befähigt zu sein, da ich seit zwei Jahren in Teilen am gleichen Thema zur Erstellung meines neuen Buches „Die Marburger Oberbürgermeister“ geforscht habe. Das Buch liegt seit Anfang Dezember im Handel.

Die Studie ist ausgewogen, nicht fordernd gestaltet oder gar auf Angriffe angelegt, aber klar in der Aussage. Der Anteil von Akteuren mit NS-Vergangenheit in der Marburger Nachkriegszeit war in den Jahren bis nach 1970 mit bis zu 40 % sehr hoch. Die Angaben der relativen Werte besitzen jedoch nur zu den größeren Parteien SPD, CDU und anfangs LDP/FDP eine Aussagekraft. Für die kleinen Parteien wären die Werte für die gesamten Mitglieder von Interesse. Dies war jedoch in der Studie nicht zu untersuchen. So fällt aus der Untersuchung insgesamt die KPD mangels Abgeordneten heraus, da diese es 1946 wegen der hohen Hürde von 15 % nicht in das Parlament schaffte und später verboten war.

Konsequenzen wird die Studie für keinen der Betroffenen mehr haben. Diese sind längst verstorben. Bis in die heutige Zeit reicht jedoch die Betroffenheit der beiden Oberbürgermeister Walter Voß und Karl Theodor Bleek, zumindest durch die Ehrungen durch Straßenbenennungen. Die Parteizugehörigkeit von Bleek war Historikern seit 1996 bekannt. In Marburg blieb dies verborgen.

Bei meinen Recherchen habe ich im Bundesamt Berlin-Lichterfelde die Akten von Bleek auf seine Parteizugehörigkeit und seine Aktivitäten hin überprüft hatte (die Historikergruppe handelte ähnlich). Anschließend hatte ich sowohl das Innenministerium als auch das Bundespräsidialamt angeschrieben und um Auskunft gebeten, ob dort die Parteimitgliedschaft des ehemaligen Staatssekretärs Bleek bekannt sei. Die Antwort war gleich lautend: „Nicht bekannt bisher“. Marburg braucht sich demnach nicht zu schämen. Aber welche Konsequenzen in Marburg zu ziehen sind, muss abgewartet werden.

Für Walter Voß bringt die Studie nichts Neues. Jedem Marburger war nach Kriegsende bekannt, für welche Taten, angeordnet von der Partei (dessen Mitglied er war), Voß verantwortlich war – bis hin zur Geschäfts- und Grundstücksenteignung und Deportation der Marburger Juden. Doch Voß erhielt, hierfür war Hermann Bauer verantwortlich, den Status des „Retters von Marburg“.

Dies ist eine Legende. Die Begründung für diese falsche Legendenbildung – Voß hat auch nicht ansatzweise etwas mit der Rettung von Marburg zu tun – habe ich ausführlich in meinem Buch über die Oberbürgermeister von Marburg im Kapitel zu Voß dargestellt. Befreit von dem Status des „Retters“ bleibt für Voß ausschließlich nur noch die Rolle des Vollstreckers und willfährigen Beamten im Rathaus von 1933 bis 1945. Voß hat die Politik der NSDAP umgesetzt und hat sie mitzuverantworten. Die Stadtverordneten sind aufgerufen, befreit von einer Rücksichtnahme für einen “Retter“, für Voß Konsequenzen zu ziehen.
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