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Gitter aus Glas: Die berufliche und soziale Situation von Flüchtlingen in Deutschland

   

Christian Schwarz-Schilling auf Fachtagung im Marburger Rathaus mit klaren Worten zu Versäumnissen auf staatlicher Ebene

Über Achtzig führende Akteure und Fachleute aus Politik, Behörden, Arbeitsmarkt, Nichtregierungsorganisationen und Sozialverbänden sowie interessierte Öffentlichkeit kamen am Montag im Marburger Rathaussaal im Rahmen der Fachtagung des vom Marburger Mittelhessischen Bildungsverband e.V. koordinierten ESF-Bleiberechtsnetzwerkes „Bleib in Hessen“ zusammen.

Unter dem Motto „Inklusion von Flüchtlingen in Arbeitsmarkt und Gesellschaft: Sensibilisieren – Öffnen – Potentiale einbeziehen“, stand die hochaktuelle Frage nach einer Bilanz, nach wesentlichen Hürden sowie ableitbaren zukünftigen politischen, institutionellen und zivilgesellschaftlichen Erfordernissen auf Akteursebene zur Schaffung einer echten Willkommenskultur und -struktur für die Zielgruppe Flüchtlinge zur Diskussion. „Nur sehr langsam gesellt sich offenbar zu den abschreckenden Strategien auch ein integrierender Ansatz im Bezug auf Flüchtlinge hierzulande“, konstatierte die Vorsitzende des Mittelhessischen Bildungsverbandes, Angelika Funk, in ihrem Grußwort. „Der Mittelhessische Bildungsverband widmet sich besonders auch dieser Zielgruppe, weil Inklusion aus unserer Sicht eine an uns alle gestellte Alltagsaufgabe ist.“

Auch Bezug nehmend auf die, sich gerade tags zuvor zum 68. Male jährende Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz hob Dr. Christian Schwarz-Schilling die, für die Zukunft unbedingt wahrzunehmende besondere gesellschaftliche Verantwortung für den Umgang mit Flüchtlingen und Minderheiten hervor. Der ausgewiesene Experte für Flüchtlingsfragen, der aus seinem Unverständnis für den damaligen Umgang der Bundesregierung mit dem Balkankonflikt heraus bereits von seinem früheren Amt des Hohen Repräsentanten für Bosnien Herzegowina zurücktrat und fortan vehement und oftmals gegen seine eigene Partei, die Christdemokraten, für die Belange von Flüchtlingen eintritt, äußerte zudem sein tiefes Unverständnis für den nach wie vor bestehenden Umgang von Politik und Verwaltung mit dieser gesellschaftlichen Gruppe. Besonders die offensichtliche Blindheit und oft schlichte Unwissenheit der zuständigen Behörden nahm er dabei ins Visier und stellte die Frage in den Raum, wie es sein könne, dass eine moderne Demokratie und ihre Organe so dermaßen ignorant und kurzsichtig mit Hintergründen und Belangen von Menschen umgingen, die aus Krisenregionen und schlimmsten Verhältnissen heraus geflohen, zu uns kämen. Arbeits- und Ausbildungsverbote etwa hätte die klare Funktion, dem befristet gedachten Charakter des Aufenthalts der Betroffen hierzulande Aus- und Nachdruck zu verleihen. In der weiteren Diskussion wurde aber auch betont, dass, trotz einer solchen staatlich verordneten „Abwehrgesetzgebung“, jedem Einzelnen auch in den Behörden der Ermessensspielraum bleibe, zu entscheiden wie er Menschen behandele.

Nadia Qani, erfolgreiche Unternehmerin im Bereich kultursensibler Altenpflege, Buchautorin und Bundesverdienstkreuzträgerin aus Frankfurt weiß genau davon zu berichten: In Ihrer kurzen Lesung und Erzählung aus ihrer Biographie, die eine ergreifende Flucht- und Erfolgsgeschichte auf ihrem Weg von Afghanistan nach Deutschland gleichermaßen ist, beschrieb sie immer wieder, wie entscheidend an den verschiedenen Stationen und Weichen in ihrem Leben die Menschen, gerade auch aus Behörden, für ihr weiteres Glück gewesen sind - weil sie eben diese menschlichen Impulse gezeigt und Spielräume genutzt hätten. Dr. Frank Bölts, Verfasser der aktuellen, noch unveröffentlichten Studie des Vereines für Bildung und Beratung e.V. aus Marburg zur Situation und Erfahrung von Flüchtlingen im Kontext beruflicher und sozialer Inklusion, die den inhaltlichen Impuls für die Organisation der Tagung gegeben hatte, veranschaulichte jedoch, dass zumindest die Tendenzen der begleitenden Forschung von „BLEIB in Hessen“ nicht gerade für die Häufigkeit solcher menschlicher Regungen sprechen. Seine nachdenklich stimmende Bilanz verwies dabei auf große Defizite im Umgang mit der Zielgruppe, zeigte damit zugleich aber auch den Bedarf an neuen zukunftsorientierten Handlungsansätzen: 75 Prozent der Flüchtlinge haben somit zumindest teilweise das Gefühl, von Behörden und im öffentlichen Diskurs als Schmarotzer wahrgenommen zu werden. Ebenso viele rechnen sich aufgrund ihres Hintergrundes geringere oder sogar keine Erfolgmöglichkeiten bei der Jobsuche aus. Eine eindeutige Mehrheit der Befragten vertritt die bedenkliche Meinung, man habe ohne die Unterstützung von Flüchtlingsorganisationen sehr wenige Chancen, hierzulande überhaupt Fuß fassen zu können. Die Folgen, so verdeutlichten intensivere Interviews mit den Betroffen, seien vielfach ernste Depressionen, permanente Existenzängste und das Erleben eines permanenten gesellschaftlichen Schattendaseins, das einer der Interviewten aus dem Iran treffend mit dem Satz quittierte: „Wir leben hinter Gittern aus Glas…“

Die geforderten Handlungsansätze und etliche Beispiele für Best-Practice wurden dann am Nachmittag vorgestellt: Besonders Nevroz Duman, Sprecherin der „Jugendendlichen ohne Grenzen (JOG)“, vermochte den interessierten Gästen ein Bild davon zu vermitteln, wie aus zivilgesellschaftlichem Eigenengagement betroffener jugendlicher Flüchtlinge heraus seit Jahren nicht nur ein tragfähiges Konzept zur Selbsthilfe für sich und ihre Familien, sondern darüber hinaus für eine bundesweit wirksame und effektive Öffentlichkeits- und Vernetzungsarbeit zwischen dem Projekt und Institutionen entstanden ist. Optimistisch stimmte auch die Präsentation des städtischen Konzepts der „Modellregion Integration Offenbach“ durch deren Koordinatorin Ana-Violeta Sacaliuc sowie die Ausführungen von Susanne Geissler, die für den Jobcenter Köln – als Behörde – das dortige ESF-Bleiberechtsnetzwerk „Chance Bleiberecht am Rhein“ leitet und verdeutlichte, wie sehr eine solch fortschrittliche Entscheidung und Entwicklung von der dortigen Leitung des Jobcenters deren Zutun abhing. Olaf Löhmer vom „Hessischen Flüchtlingsrat“ und Teilprojekt von „BLEIB in Hessen“ verdeutlichte mit seiner sehr plastischen fallorientierten Bilanz die erfolgreiche berufliche und soziale Beratungs- und Vermittlungsarbeit des breit vernetzten hessischen ESF-Bleiberechtsnetzwerkes, dem es in den vergangenen Jahren gelungen ist, immerhin 36 Prozent seiner Klienten mit Flüchtlingshintergrund und sehr prekären multiplen Vermittlungs-hemmnissen in Arbeit und stabile Verhältnisse zu bringen. Nicht zuletzt veranschaulichte Andreas Merx von der Fachstelle Diversity Management des Netwerkes „Integration durch Qualifizierung (IQ)“ recht anschaulich und für den Transfer in die Praxis tauglich den, auf eine echte „Wir-Kultur“ und einen konstruktiven Umgang mit Vielfalt ausgerichteten Diversity-Begriff als Denkmodell. IQ agiert bundesweit im Rahmen einer Prozesskette und hat mittlerweile seit Ende letzten Jahres mit dem großen Bildungsträger Arbeit und Bildung e.V., der als Teilprojektträger „Diversity-Management“ mit einem tragfähigen Konzept zur Stärkung von Migrantenorganisationen und interkulturellen Sensibilisierung von Arbeitsmarktakteuren aktiv ist, auch eine Vertretung in Marburg und im nord-, ost- und mittelhessischen Raum gefunden.
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