Der Marburger Tiergarten / Teil II Meine persönlichen Erlebnisse . Der Esel

Zum Marburger Tiergarten stand ich als Schuljunge in einem besonderen Verhältnis und habe dort einen nicht unerheb lichen Teil meiner Kindheit verbracht. Die Reinigungsfrauen in der Südschule mussten die Schulbrote, die von den Kindern oft nur angebissen und dann unter die Bank gelegt oder in den Papierkorb geworfen worden waren, extra sammeln und meine Aufgabe war es, diese in einem Kartoffelkorb auf einem Handwägelchen ca. zwei mal in der Woche im Tiergarten abzuliefern, was ich mit Freuden erledigte. Dort war ich deshalb ein gern gesehener Gast, der keinen Eintritt zahlen musste und kommen konnte, wann er wollte. Ich habe dann nicht nur die Brote abgeliefert, sondern mich anschließend oft längere Zeit bei den Tieren aufgehalten.
Zu meinen Freunden gehörte der Esel, dessen kräftige Stimme man weithin hören konnte. Sonntags wurde er für Rundfahrten der Kinder durch den Tiergarten in eine zweirädrige Eselkutsche eingespannt, auf der drei Kinder Platz nehmen konnten. Der Esel kannte keine Zügel und musste daher am Zaumzeug geführt werden. Wir Jungs haben uns öfters gestritten, wer den Esel führen durfte. Da ich immer gesammelte Schulbrote brachte, hatte ich dann bei Herrn Löchel , dem Tiergartenbesitzer, oft den Vorzug als „Eselführer bzw. Eseltreiber“. Eine Rundfahrt durch den Tiergarten kostete 10 (oder 20 ??) Reichspfennig, die ich dann einkassiert habe. Abends habe ich das in der Hosentasche gesammelte Geld bei Herrn Löchel abgeliefert. Da gab es keine nummerierten Fahrscheine, keine Buchführung oder ähnliche Kontrollmöglichkeiten. Diese „Geldgeschäfte“ liefen auf gegenseitigem Vertrauen und es wäre mir nie in den Sinn gekommen, dieses Vertrauen zu missbrauchen und mir etwas davon „als Lohn“ einzubehalten. Eseltreiber zu sein, war keine Beleidigung sondern eine „Ehre“, für die man keinen Lohn erwartete, obwohl man nicht aufsteigen konnte und neben dem Esel herlaufen musste, um ihn zu führen. Es sollten ja wegen der Einnahmen möglichst viele Kinder auf den Rundfahrten mitgenommen werden. Die Kinder hatten Spaß, so gemütlich an den Käfigen vorbeifahren zu können und sich die Tiere ohne eigene Anstrengungen anzusehen. Und wenn sie die Tiere noch nicht kannten, konnte ich ihnen einiges erklären bzw. Fragen beantworten. (s.Bild Nr. 2 /S. II/3).
Der Esel ließ sich leicht führen und machte mir keine Schwierigkeiten, was ich ab und zu mit einem von meiner Mutter erbetteltem Stück Würfelzucker belohnt habe. Darüber, dass das für seine Zähne nicht gut war, habe ich mir keine Gedanken gemacht. Letztlich haben Esel auch viel größere Zähne als Menschen. – Nur, wenn er nach zahlreichen Rundfahrten einige Kilometer gelaufen war, ließ er sich von mir ziehen. Dann haben wir beide Pause gemacht und es ging weiter. – Wer glaubt ein Esel sei dumm, der irrt sich; jedenfalls hat er Charakter. Wenn er nicht will oder man ihn schlecht be-handelt, bleibt er stehen wie ein Denkmal und lässt sich weder mit guten Worten, noch mit Schimpfen oder gar Stockschlägen bewegen, weiterzugehen. Daher kommt wohl auch der Ausdruck „störrischer Esel“. Aber wir waren Freunde geworden und ich brauchte ihn in aller Regel weder schimpfen noch schlagen. - Auch bei so simplen Tätigkeiten lernt man etwas dazu. Als ich Jahre später als Soldat in Kriegsgefangen schaft beim Torfstechen im Moor ein Pferd führen musste, das den gepressten Torf auf höher gelegenes, trockenes Gelände transportieren sollte, hatte ich schon ein wenig Erfahrung, wie man mit einem Tier gemeinsam arbeiten kann. Daher bin ich auch mit dem Pferd gut ausgekommen. obwohl ich da keinen Würfelzucker in der Tasche hatte.

Teil II / Seite 2
Der Clown auf dem Esel:
Die Idee auf dem von Herrn Löchel geliehenen Esel als Clown im Faschingszug mitzureiten, war eine fixe und wenig durchdachte Idee.
Meine Schwester Hilde hatte mir in der Nähschule ein Clownskostüm genäht (das musste ja nicht so genau passen). Da ich sonst nicht viel damit anfangen konnte, kam ich auf die Idee, auf dem Esel reitend am Faschingszug teilzunehmen. Mein kindlicher Verstand reichte nicht soweit, dass man sich dazu bei den Veranstaltern des Faschingszuges anmelden musste. Ich dachte, ich schließe mich an und reite einfach mit.
Meinen Vater habe ich nicht in dieses Vorhaben eingeweiht, weil der mit einiger Sicherheit Bedenken gehabt hätte (diesmal sogar zu Recht). Gegen sein ausdrückliches Verbot hätte ich es nicht gewagt, meinen Plan durchzuführen. Nur meine Schwester Gretel habe ich eingeweiht, denn ich brauchte einen Eselführer weil der Esel keine Zügel kannte. Wir haben zu hause nur gesagt, dass wir in den Tiergarten gehen. Dort haben wir Herrn Löchel gebeten, uns den Esel für den Faschingszug zu leihen. Der hat sich erst einmal am Kopf gekratzt und überlegt. Da ich ihm laufend die gesammelten Schulbrote brachte, wollte er mir diese Bitte wohl nicht abschlagen, wie er das sicherlich bei anderen Jungen getan hätte. Also bekam der Esel sein Halfter an und eine Decke auf den Rücken, die mit einem Lederriemen um den Leib festgehalten wurde. Das war die gesamte Reitausrüstung (ohne Zügel und ohne Steigbügel). Ich hatte nie gesehen, dass der Esel jemals geritten worden war. Trotzdem duldete er, dass ich mich vom Boden aus direkt auf seinen Rücken schwang. Nun führte meine Schwester den Esel durch Weidenhausen in Richtung Afföller, wo der Zug aufgestellt wurde. - Wir und wohl auch Herr Löchel hatten nicht bedacht, dass der Esel sein Leben lang nur im Tiergarten war. Dort ging er ohne Scheu an den Käfigen vorbei und ließ sich weder vom Brummen der Eisbären, noch von dem Gebrüll der Löwen aus der Fassung bringen, weil er das ja gewohnt war. – Durch Weidenhausen ging er durch eine ihm völlig unbekannte Gegend, die ihn an sich schon nervös machte. Als jetzt die Kinder laut „Helau“ brüllten und Böller abschossen, sowie mit Holzrasseln völlig ungewohnte Geräusche machten, ergriff den Esel, der sich sonst nicht vor Löwen fürchtete, die Panik. Es begann zu galoppieren, um dieser „Hölle“(!) zu entfliehen. Ich saß hilflos auf seinem Rücken und hatte ohne Zügel keinerlei Einfluss auf ihn. Ich traute mich auch nicht, im Eselsgalopp abzuspringen, zumal ich nie Gelegenheit gehabt hatte mich als Reiter zu üben. - Ich rief meiner Schwester zu: „Halt ihn doch fest!“, worauf diese in weinerlichem Ton antwortete: „Ich kann ja nicht; der zieht mich doch mit“. So gaben wir beide ein ziemlich jämmerliches Bild ab, über das die Leute im bzw. am Faschingszug sicher gelacht hätten. (s. Bild Nr.…1 /S. II/3 ).
Gott sei Dank kam ein Bekannter meines Vaters vorbei, der den Esel beruhigte und ihn wieder in eine normale Gangart brachte. Vom Faschingszug hatten wir die Nase voll und waren dankbar, dass er den Esel samt Clown wenigstens auf den Schulhof der Südschule führte.
Ich hatte jetzt ein Donnerwetter meines Vaters erwartet. Aber da kam nichts; vielleicht war er innerlich auch stolz darauf, dass sein sonst zu braver Sohn sich etwas zugetraut hatte; auch wenn es in die Hose gegangen war. Jedenfalls hat mein Vater dann den Esel abends – als die Knallerei vorbei war – zurück in den Tiergarten geführt.
So hat der „Eselritt“ sein trauriges Ende gefunden.

Da keine Fotos zum Thema vorhanden sind, werde ich nachstehende Handzeichnungen einfügen, die an sich nicht druckreif sind, aber doch einen gewissen Eindruck vermitteln. Die Bilder erheben keinen Anspruch auf künstlerischen Wert.
(Bis jetzt ist es noch nicht gelungen!)

Bürgerreporter:in:

Walter Wormsbächer aus Marburg

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