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80 Jahre Tierschutz in Marburg

zwei Katzenkinder von einem unserer Pflegeplätze
 
eine Katzenfamilie auf einem unserer Pflegeplätze
Am Samstag, dem 4. Oktober 2008, war Welttierschutztag; vielleicht ein Anlaß, sich auch über den Tierschutz in Marburg einige Gedanken zu machen:

Vor nunmehr 80 Jahren, im Jahr 1928, zwischen den beiden Weltkriegen, wurde in Marburg von einigen Honoratioren der Tierschutzverein gegründet. Aktive Vereinsarbeit galt als kulturell wichtige Tat und sittliche Schulung im Sinne der Volks-Gemeinschaft. 1938 wurde der Verein in das Reichs-Vereinsregister eingetragen und so unter staatliche Kontrolle gestellt. Im Vordergrund stand, und das noch bis in die 60er Jahre hinein, die Durchsetzung optimaler Haltung von Nutztieren zur besseren Versorgung der Bevölkerung. Das Tier selbst als Individuum mit eigenen Bedürfnissen und Ansprüchen spielte noch keine Rolle.

Bereits 1884 war in Marburg die Hundesteuer eingeführt worden. Da Hunde als Nutzttiere - ähnlich wie Großvieh - angesehen wurden, bot sich die neue Steuer als zusätzliche Geldquelle für die Stadt an. Trotz der dadurch gegebenen Identifizierbarkeit angemeldeter Hunde, wurden fast täglich - noch bis 1950, als das erste Tierheim auf dem städtischen Bauhof eingerichtet, und unter die Verwaltung des Tierschutzvereins gestellt wurde - "Fundhunde" auf dem städtischen Polizeirevier abgegeben und in der Zeitung zur Abholung binnen zwei Tagen annonciert. Der Umgang mit Tieren war rauh damals - schlimmer als wir es uns heute vorstellen können. Kein Wunder also, daß 1953 zum 25. Jubiläum des Tierschutz-Vereins der damalige 1. Vorsitzende es noch als Fortschritt der Humanität feierte, daß die nicht abgeholten "Fundhunde", jetzt mit einer modernen elektrischen "Tiertötungsmaschine" schmerzloser und schneller umgebracht werden konnten; bis dahin wurden die Tiere nach Ablauf der Abholfrist noch kurzerhand mit Knüppeln erschlagen. Ebenso erging es den - wie man es damals sah - nur in der Landwirtschaft nützlichen Katzen, die zu alt waren um noch Mäuse zu fangen und die ebenfalls zu diesem Zweck auf dem Bauhof abgegeben werden konnten.

Diese Geschichten erscheinen uns heute barbarisch, aber es war tatsächlich ein erster Fortschritt in der menschlichen Sensibilisierung für das Tier. Die Zeiten als Tiere reines Nutzgut waren und Tierquälerei und -tötung als lapidare Sachbeschädigung galt sind zum Glück lange vorbei. 1972 fiel endlich das alte Tierhaltungs-Gesetz, das in seinen Grundzügen auf den Reichsgesetzen von 1871 fußte. 2002 wurde das neue Tierschutz-Gesetz nochmals bestätigt und in die deutsche Verfassung aufgenommen, was ihm mehr Gewicht verlieh und die Tiere zu uns beigeordneten Wesen machte, für die wir als Tierhalter Verantwortung übernehmen müssen.

Wer heute ein Tier in seinem Hause zu Gast hat weiß, welch ein wundervoller Freund und Begleiter ein Hund sein kann und was für eine großartige Gesellschafterin eine Katze ist - abgesehen von den zahlreichen Stubenvögeln, die uns durch Gesang und Clownerie erfreuen. Meerschweinchen und Kaninchen sind gute Spielgefährten und lehren die Kindern darüber hinaus Verantwortung zu übernehmen und Feingefühl zu entwickeln. Fische erfreuen mit ihrer Ruhe und Farbenpracht die Seele des Aquarianers. - So holen sich viele Menschen heute ein Stückchen Natur ins Haus; aber was tun wir aktiv für den Erhalt natürlicher Lebensräume der Tiere in unserer nächsten Umgebung ?

Man kann zum Beispiel im eigenen Garten anfangen: Warum eine dichtwachsende Thuja-Hecke pflanzen, in der keine Nistplätze anlegten werden können - eine Hainbuchenhecke, bietet Unterschlupf und die Vögel werden es mit Artenvielfalt und Gesang danken. Auch alte Obstbäume die nicht mehr so viel tragen sollte man stehen lassen und Nistkästen darin aufhängen. Wer eine Rasenfläche vor dem Haus hat, hat noch lange keinen Golfplatz mit spezieller Anforderung an die Grashöhe. Eine ausgesähte Wildblumen-Wiese zieht im Sommer zahlreiche Schmetterlingsarten an; aber man sollte beim Mähen mit dem Motormäher die höchste Schnittstufe einstellen um Eidechsen und Blindschleichen vor dem sonst fast sicheren Tod zu bewahren. Sie werden es Ihnen danken indem sie Schadinsekten fernhalten. - Der exotische Dschungel liegt - wenn man ihn sehen will - direkt vor unserer Haustüre; jeder kann hier aktiven Tierschutz betreiben.

Die Aufgabe des Tierschutzes als regionaler Marburger Verein besteht aber heutzutage darin, eine Umwelt, die durch jahrhundertelanges profitorientiertes Handeln aus den ökologischen Fugen geraten ist wenigstens zum Teil zu korrigieren. Wie wir Tiere behandeln, behandeln wir auch uns selbst. Tierschutz ist daher auch immer Menschenschutz und Mitmenschlichkeit eine Chance der Verbesserung der Welt für Alle. - Ein besonders trauriges und drängendes Thema für den hiesigen Tierschutzverein ist seit den achtziger Jahren die notwendige Geburtenkontrolle von verwilderten Katzen durch Kastration in Marburg und den umliegenden Gemeinden. Auch viele Halter von Hauskatzen sind leider immernoch der Ansicht, eine Katze könne erst kastriert werden, nachdem sie einmal geworfen habe; und auf den Dörfern hört man öfters das Märchen, kastrierte Katzen wären schlechtere Mäusefänger. Unkastrierte wild lebende Kätzinnen können bis zu drei Mal im Jahr Junge bekommen, welche dann einem grausamen Schicksal und einem kurzen, von Krankeiten gezeichneten Leben überlassen werden - ganz abgesehen davon, was eine Überhand nehmende Population verwilderter Katzen unter den heimischen Singvögeln anrichtet. Diese Katzen einzufangen, zu kastrieren und eventuell medizinisch zu versorgen gehört heute zu unseren Aufgaben.

Dazu kommen immer wieder Anzeigen über Fehlhaltungen von Tieren, denen wir ebenfalls nachgehen müssen, sowie die Betreuung und Arbeit auf unseren verschiedenen Tierpflegeplätzen. - Wir brauchen zur Bewältigung unserer ehrenamtlichen Tätigkeiten außer Geldspenden zur Finanzierung dieser Aufgaben im Tierschutz wieder mehr junge und junggebliebene Menschen, die bereit wären sich uns anzuschließen und für aktive Mitarbeit auch Zeit zu opfern. Besuchen Sie im Internet unsere neue Homepage www.tierschutz-marburg.de und machen Sie sich selbst ein Bild von unseren Aufgaben und Aktivitäten.

Siegrid Schmeer
2. Vorsitzende des Tierschutz-Vereins Marburg und Umgebung e.V.
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