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Warum das entfernt liegende Marburg ?

Der Ort der Tagung: Marburg a. d. Lahn
 
Zeitungsartikel vom Freitag, 26. Oktober 1945
 
Bei der ersten freien Pressekonferenz der deutschen Zeitungsverleger sprach Oberbürgermeister Eugen Siebecke. (Quelle: Oberhessische Presse vom 24.04.1995 "Denn Marburg stand vor anarchistischen Zuständen", Bericht von Günther Koch, OP-Chronik zwischen Krieg und Frieden
Marburg: Rathaus | 

Am Freitag, d. 26. Oktober 1945, berichtete die Süddeutsche Zeitung über die erste Tagung der lizenzierten deutschen Journalisten. Nach zwölf Jahren der Presseknebelung berieten etwa 45 Herausgeber, Verleger und Redakteure der neuen deutschen Presse der amerikanischen Zone in der Universitätsstadt Marburg/Lahn.

Bei einem Scheunenflohmarkt fand ich das Heft: "Süddeutsche Zeitung Oktober - Dezember 1945 Faksimile". Veröffentlicht wurde es vom Süddeutschen Verlag, München, im Jahre 1985 mit Erläuterungen von Frau Erika J. Fischer und Herrn Heinz-D. Fischer. Der Artikel über die "Erste Tagung der freien Presse" stellt für mich persönlich ein interessantes Stück Zeitgeschichte dar und aus diesem Grunde veröffentliche ich den nachstehenden Bericht.

Die in der Überschrift aufgeworfene Frage stellten sich die Teilnehmer aus München auf Grund der "...weiten und heutzutage (1945) doch beschwerlichen Reise...", wie es in dem Artikel der Süddeutschen Zeitung heisst. Die Antwort liest sich in dem Artikel so: "...Marburgs Altstadt mit ihren winkeligen Gassen, ihren mittelalterlichen Häusern, mit prachtvollen Holzfassaden, ist vollkommen unbeschädigt erhalten. Nach der Fahrt durch die Ruinen von Frankfurt, Gießen und anderen Städten löste dieser Anblick eine besondere Freude aus..."

Über die Situation der Presseleute nach zwölf Jahren der Naziherrschaft heißt es in drei bewegenden Sätzen:
"...erst seit dem Einzug der Besatzungstruppen genießen viele wieder ihre persönliche Freiheit, nachdem sie manche Jahre ... in Gefängnissen und Konzentrationslagern zugebracht hatten. Einer der Kollegen, ... aus Kassel, feierte während der Tagung seinen Geburtstag, zum erstenmal nach zehn Jahren Konzentrationslager wieder in Freiheit. Man muß sich vorstellen, was das im Leben des einzelnen und seiner Familie besagen will. ..."

Die Konferenz hatte der Distriktsleiter der amerikanischen Nachrichtenkontrollabteilung, Herr Oberstleutnant Stanley, einberufen und neben ihm nahmen auch noch weitere "Herren, die zur Zeit noch Uniform tragen..." teil. Über die Motivation der Amerikaner teilt uns der Verfasser in seinem Artikel mit: "...in der Mehrzahl sind sie selbst Journalisten und Pressefachleute ... und das sie sich mit Leib und Seele an dem Wiedererstehen einer freien deutschen Presse beteiligen ..."

Zu Beginn einer Konferenz stehen Begrüßungsansprachen, die auch hier in Marburg nicht fehlten und so wendeten sich u.a. an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer:
- Marburgs Oberbürgermeister Eugen Siebecke
- Oberstleutnant John B. Stanley (Distriktsleiter der amerikanischen Nachrichtenkontrollabteilung)
- Mr. Luther Conant (Leiter der Presseabteilung im Nachrichtenkontrollamt)
- Dr. Julius Ebbinghaus (Rektor der Universität Marburg).

Deutlich wurde dabei, dass die deutschen Presseleute "vor großen Aufgaben stehen" und sie die "Brücke aus der Tradition in die Zukunft " schlagen sollen, da sie mit ihrer Arbeit "für eine Gesellschaft kämpfen, in der der Mensch wieder frei lebt...". Der Chef des Nachrichtendienstes, Major Shepard Stone, betonte, dass die grosse Aufgabe der neuen deutschen Presse darin bestehe "...dem deutschen Volk die Wahrheit zu sagen, auch wenn sie sich nicht angenehm anhört ..., daß aber trotz alledem ein neues Leben und neue Hoffnungen möglich sind." Aus seiner journalistischen Sicht bezog Major Stone aber auch Stellung zur aktuellen Situation der derzeit erscheinenden Zeitungen in Deutschland: "...Mit Rücksicht auf die Papierknappheit ...wird während der nächsten Monate in jeder Stadt nur eine Zeitung erscheinen können ...Allein in der westlichen amerikanisch besetzten Zone erscheinen jetzt zweimal wöchentlich sieben Zeitungen; eine achte Zeitung wird in den nächsten Tagen in Fulda herauskommen. Alle Zeitungen zusammen ergeben bei jeder Ausgabe 1 750 000 Exemplare."

Der Redakteur der Frankfurter Rundschau, Herr Wilhelm Karl Gerst, lenkte die Verhandlungen auf einen "allgemeinen Ehrfahrungsaustausch", in dessen Verlauf u.a. die technischen Probleme, die Fragen der Nachrichtenübermittlung und die Problematik der Ausbildung junger Journalisten diskutiert wurden.

Die Arbeitstagung in Marburg endete für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit der Gewißheit, das noch eine vielzahl von Aufgaben vor ihnen liegen und auch noch zahlreiche Probleme zu bewältigen sind. Zum Abschluss wurde deutlich, alle wollen sich der Aufgabe stellen einer freien Presse in Deutschland nun endlich den Weg zu ebnen !

Soweit meine Zusammenfassung des Artikels aus der Süddeutschen Zeitung vom 26. Oktober 1945.

Nachstehend noch einige Erläuterungen, die ich Wikipedia entnommen habe:

In Deutschland ist die Pressefreiheit in Art. 5 Abs. 1 S. 2 Var. 1 GG geregelt:

„(1) […] Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.
(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.
(3) […]“

Der Begriff der Presse umfasst dabei alle zur Verbreitung an die Öffentlichkeit geeigneten Druckerzeugnisse, unabhängig von Auflage oder Umfang.

Im Deutschen trat der Begriff Pressefreiheit erstmals 1774 als Perzeption der britischen Pressepraxis auf.  Doch schon 1819 erfolgte im Rahmen der Karlsbader Beschlüsse eine Wiedereinführung der Zensur. Bei der Revolution von 1848/49 in Deutschland forderte man erneut die Freiheit der Presse. Nach schweren Erschütterungen der Pressefreiheit in der Weimarer Republik,  kam sie durch die nationalsozialistische Politik der Gleichschaltung vollständig zum Erliegen.

Eine Lizenzzeitung war eine Zeitung, die über die in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg notwendige Erscheinungsgenehmigung (Lizenz) der Militärverwaltung verfügte.

Es wurden Lizenzzeitungen erstmals nach dem Krieg wieder von Deutschen verantwortet und herausgegeben. Diese Blätter markieren damit den Wiederbeginn deutscher Pressetätigkeit. Zeitungen ohne Lizenz blieben jedoch bis zur Gewährung der Pressefreiheit 1949 verboten.

Erste Lizenzerteilungen in der Amerikanische Besatzungszone:
- 1. August 1945 die Frankfurter Rundschau,
-  5. September die Rhein-Neckar-Zeitung in Heidelberg,
- 18. September die Stuttgarter Zeitung,
- 19. September der Weser-Kurier. Mit Lizenznr. 1 (der Nachrichtenkontrolle der Militärregierung Ost) versehen, erschien die Süddeutsche Zeitung in München erstmals am 6. Oktober 1945.

Mit einem Geleitwort der Militär-Regierung erschien die Marburger Presse erstmals nach dem 2. Weltkrieg am Freitag, den 14. September 1945.
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