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Erzähle mir vom Malspiel vom Ausdrucksmalen

Marburg: Atelier für Kunsttherapie und Ausdrucksmalen | Arno Stern ist der Urvater des Ausdrucksmalens. Er entwickelte Ende der 40er Jahre in Paris eine erstaunliche Einrichtung : den Malort. Wände, die mit Packpapier verkleidet sind, die über und über mit Farbspuren überzogen sind, mit den Spuren der Pinselstriche, die über den Blattrand hinaus gemalt sind, der übrige Raum ist leer.
Menschen kommen in diesen Raum, unterschiedlicher Herkunft, Alter, Geschlecht und Bildung. Sie legen ab, was sie begleitete und treten ein in eine andere Welt. Einmal in der Woche für 90 Minuten, ereignet sich so, weit ab von Pflichten, ein Ritual von großer Einfachheit - man malt.

Im Ausdrucksmalen geht es um das erfüllende Spiel mit Pinsel und Farbe, um das Tun. Dieses Malen ist jedem zugänglich. Für Arno Stern gibt es im Malort weder begabte noch unbegabt malende Menschen. Mit einem ersten Strich, mit dem Berühren der Fläche und mit der Spur beginnt ein Spiel. Ein Spiel der Selbstentdeckung und des Wagnis. Ein Moment der Unsicherheit, dann überwiegt die Geborgenheit. Dies ist meine Spur, dieses Bild hat vorher noch niemand so gemalt. Die Spur gab es vorher noch nicht, das Bild gab es vorher so noch nicht . Jetzt gibt es sie.

Das Gekritzel, die erste Äußerung eines Kindes, wird von den Eltern noch gelassen und verständigt betrachtet. Aber schon bald wollen Eltern mehr sehen, vor allen Dingen soll das weitere Gekritzel eine Bedeutung haben, es muss geklärt werden, es muss für die Eltern benannt werden. Eltern warten auf die Mitteilungen ihres Kindes.

Ein Kind steht am Fenster und zeichnet mit den Fingern auf die beschlagene Seite. Der Moment dauert oder er ist schnell vorbei. Immer aber ist er unvermeidlich. Menschen hinterlassen eine Spur und sie spielen damit. Das Spiel bereitet Freude und Genuss. Es ist ein Spiel, dem niemand entgeht. Mache ich das? Bin ich das? Ist es meine Spur?
Und wenn keiner zuschaut, beginnt auf dem weißen Blatt eine Eroberung. Ein Abenteuer nimmt seinen Lauf, der eigene Ausdruck geschieht. Und eine Erfahrung stellt sich ein: ICH BIN. Diese Erfahrung ist unschätzbar. Sie ist so notwendig wie Licht, Luft, Nahrung und Liebe.
ICH BIN ICH. Aus dieser Erkenntnis und aus dieser Sicht wächst eine unabhängige Persönlichkeit.

Und was passiert, wenn einer zuschaut?
Wenn einer schaut, was ich da mache, dann beginnt die Rechtfertigung. Dann beginnt die Diplomatie, das Lauschen auf die Erwartung anderer und die Anpassung an sie. Dann beginnen Zweifel, Unsicherheit und Misstrauen. Kann es für ein Kind anders sein? Wenn das Kind gelobt wird, wird es auf das Loben warten, hungrig nach Anerkennung.
Lob und Kritik machen abhängig. Das Kind malt nicht für sich, es spielt nicht mehr.
Im Malort beim Ausdrucksmalen speilt der Kommentar keine Rolle. Kein Malender ist auf das Urteil der Anderen angewiesen. Bilder, die im Malort entstehen, sind nicht zur Kommunikation gedacht. Sie sind nicht die Mitteilung, auf die Eltern und Lehrer warten.
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