Lichtbalken

Früher
Marburg: Amöneburg-Marburger Land | Ein Morgen wie jeder andere. Für viele vielleicht, jedoch nicht für mich. Ein seichtes Kribbeln, die ersten Vorboten meiner Nervosität, der Puls begann zu steigen. Meine Blicke huschten fortwährend zur Uhr, deren Zeiger mir den Eindruck vermittelten, mal schneller und mal langsamer über das Ziffernblatt zu laufen. Ich versuchte, mich mit anderen Dingen zu beschäftigen, meine Bedenken für das, was kommen mochte, zu unterbinden. Doch das gelang mir nur in den Phasen, in denen ich das Gefühl hatte, die Zeit rase mit mir davon. In den Momenten, in denen sie für mich im Schneckentempo verlief, wollte ich mich vorbereiten. Was sage ich? Wie gehe ich auf die Menschen zu? Habe ich überhaupt die Kraft dazu, oder blamiere ich mich nur? Fragen, die meine Nervosität steigerten. Aus dem Kribbeln wurde Zittern. Ich bebte am ganzen Körper und mein Puls raste. Mein Ziel war es an jenem Morgen, mich mit Gleichgesinnten zu treffen, die genau wie ich, als Bürgerreporter mit dem Fotoapparat für my heimat unterwegs waren. Ihnen wollte ich meine Anliegen vortragen, mich austauschen und eventuell von ihnen etwas lernen. Aber welche Fragen ich letztlich ansprechen würde, wusste ich nicht. Auch nicht, ob ich Gelegenheit bekommen würde, überhaupt nur eines meiner Bilder vorstellen zu können. Die Zeit und meine Gedanken, ein nicht enden wollender Weg an jenem für mich nicht normalen Morgen.
Am Ort meiner Wünsche angekommen, sondierte ich erst einmal die Lage, und schaute mich um. Noch fand ich keinen geeigneten Weg, mich dem Szenario am Treffpunkt und den Menschen, die sich dort befanden, zu nähern. Zu groß war meine Angst, alles, worin meine Hoffnung lag, zu verlieren. Ich musste mich sammeln, mich mit meinen Befürchtungen auseinandersetzen. Vorher wären alle Versuche ein fataler Fehler, dachte ich. Aufgeben und wegrennen, auch dieser Gedanke drängte sich mir auf. Doch wären nicht gerade dann alle Pläne des Morgens, in jenem Augenblick zunichte? Ich saß auf einer Bank, etwas Abseits des Geschehens, und schaute fortwährend hinüber, bis ich diese Leere in meinem Kopf verspürte. Sie fühlte sich an, wie die abendliche Trägheit, wenn ich mich zu Bett begebe und das Licht lösche. Die dann vorherrschende Dunkelheit, nur durchbrochen von einigen Lichtbalken, der draußen vorbeifahrenden Fahrzeuge, deren Scheinwerfer kurzzeitig das Haus erhellen, lässt mich vieles vergessen. In mir steigen Ruhe und innere Zufriedenheit auf, die mich schon kurz darauf in einen tiefen Schlaf fallen lassen, in dem ich mein Traumland betrete. So könnte es passiert sein, dass diese Leere in meiner Gedankenwelt mich auch an jenem Morgen fesselte, und ich mich weder aus dem Haus, noch auf den Weg begab, sondern in meinem Zimmer am Tisch sitzen blieb. Somit waren alle Pläne und Erwartungen, die mich an dem Morgen beherrschten und mich mit Angst erfüllten, zum Schluss doch nur Träumereien.
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Weiterveröffentlichungen:

Oberhessische Presse | Erschienen am 08.06.2013
3 Kommentare
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Volker Beilborn aus Marburg | 04.06.2013 | 15:41  
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Martin Stumpf aus Schwalmstadt | 04.06.2013 | 15:56  
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K. R. aus Edertal | 18.07.2013 | 13:11  
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