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Der Marburger Tiergarten / Teil I: Allgemein

Die spuckenden Lamas. Siehe Teil I Tiergarten allgemein, viertletzter Absatz
Nur wenige ältere Marburger kennen noch den Marburger Tiergarten aus eigener Anschauung. Obwohl Marburg in den Vorkriegsjahren nur etwa halb so groß war, wie heute, gab es in Marburg einen Zoo, der als Tiergarten bezeichnet wurde. – Es war ein langgezogenes Terrain, das sich von der Jahnstraße bis zur kleinen Brücke über den Erlengraben am Ende der Weidenhäuser Straße erstreckte. Der Eingang war gegenüber den heutigen Gebäuden des Universitätsstadions gelegen. Zwischen dem wenig befahrenen Krummbogen (die Stadtautobahn gab es noch nicht) und dem Tiergarten lag eine Reihe von Gärten, so dass man die wenigen Autos vom Tiergarten aus nicht wahrnehmen konnte und sich dort eine Oase der Ruhe befand, die nur von den Tierlauten durchbrochen wurde.
Der Besitzer, Herr Löchel, war ein Idealist, dessen ganzes Bestreben darin bestand, den Besuchern so viele Tiere, wie möglich, zu präsentieren. Das hatte allerdings zur Folge, dass die einzelnen Gehege nach heutiger Ansicht sehr klein und dicht aneinandergereiht waren. Heute würde das die Tierschützer wegen nicht artgerechter Tierhaltung auf den Plan rufen. Aber damals hat sich niemand daran gestört und es gab keine diesbezüglichen Probleme.
Das Eintrittsgeld von 10 - bzw. später 20 - Reichspfen-nig reichte gerade für die Unterhaltungskosten und einen bescheidenen Lebensunterhalt der Familie. - Zuschüsse der Stadt gab es nicht und Tourismus war damals noch kein besonders ausgeprägtes Thema, das den damaligen Stadtvätern Kopfzerbrechen bereitet hätte. Immerhin sollen im Jahr 1935 etwa 100 000 Personen den Tiergarten besucht haben. Auf den ersten Blick erscheint diese Zahl hoch. Aber das ergibt bei einem Eintrittspreis von 10 Reichspfennig eine Jahreseinnahme von 10.000,-Reichsmark. Wenn man davon die Löhne für die Tierpfleger und die Unterhaltskosten für die Tiere und Anlagen abzog, blieb kein horrender Gewinn für den eigenen Unterhalt des Besitzers bzw. für seine Familie übrig. – Obwohl er in der Zeitung als „Gutsbesitzer Löchel“ benannt wurde, ist er immer bescheiden aufgetreten und hat sich auch nicht mit „Direktor“ anreden lassen.
Das Tiergartengelände wurde teilweise vom Weidenhäuser Erlengraben durchflossen, in dem im Sommer ein Krokodil lag, das sich nur selten bewegte, weil ihm auch unser Sommerklima vermutlich noch zu kühl war. – Der Gastwirt Hecht bewirtschaftete im Sommer (besonders an den Wochenenden) eine aus Holz errichtete Gastwirtschaft mit Terrasse, die teilweise überdacht war.
Am Eingang befand sich eine eingezäunte Wiese mit einem Damhirschrudel und afrikanischen Gazellen. Als nächstes begrüßte ein asiatischer Wasserbüffel mit seinen ausladenden Hörnern die Gäste. Auf diesen Büffel komme ich später noch einmal zurück. – Daneben standen zwei Eisbären auf einem Betonsockel vor ihrem Schwimmbecken und wiegten den Kopf hin und her. Ganz „Schlaue“ behaupteten, die Eisbären würden das deshalb machen, weil sie auf den Eisschollen im Polargebiet so das Gleichgewicht halten müssten. Dass das eher auf zu wenig Bewegung zurückzu-führen war, daran hat man nicht gedacht. - Nach dem Krieg – als es keinen Tiergarten mehr gab - wurde auf dem Sockel des Eisbärkäfigs ein Wohnhaus errichtet.
Neben den Eisbären hatte ein Kragenbär sein Gehege, dessen Käfig nur unzureichend vor dem Zugang der Besucher geschützt war. Als ein Junge unter der Holzstange hindurch kletterte, um den Bär zu streicheln oder zu füttern, fasste der das als Angriff auf und schlug mit der Vorderpfote durch die Gitterstäbe. Er traf den Jungen an der Schulter und fügte ihm eine tiefe Kratzwunde zu, so dass er zum Arzt musste.
Um alle Tiere exakte einzeln aufzuzählen, reicht mein Gedächtnis nicht mehr aus. Ich erinnere mich aber an einen Waschbären, 3 Wölfe, 2 Hyänen, Schakale, Raubvögel, Schlangen und andere Kleintiere.
In der großen, runden Voliere in der Mitte des Tiergar-tens , tummelten sich Goldfasane, Rebhühner, Eichelhäher, Dohlen, ein Papagei und andere Vögel.
Hier standen oft viele Menschen und schauten sich das Treiben der Vögel an. - Der Goldfasan stolzierte mit seinen schillernden Federn so erhaben herum, als sei er ein kleiner König. Seine Hennen trugen dagegen nur ein
schlichtes graubraunes Federkleid. Bei den Menschen ist das bekanntlich umgekehrt. Da putzen sich die Frauen gern schön heraus und malen sich bunt an. – Während alle interessiert zuschauten, rief plötzlich eine krächzende Stimme: „Klara gaff nit so“. Eine Frau drehte sich schockiert um, weil sie vermutlich Klara hieß (der Name war damals nicht so selten, wie heute. Aber die Stimme kam nicht aus der gaffenden Menge, sondern es war der Papagei, der das von Zeit zu Zeit rief und die Leute zum Lachen brachte. Ich habe mich manchmal vor die Voliere gestellt und gewartet, bis der Papagei wieder seinen Spruch rief. Interessant war, dabei in die Gesichter der Zuschauer zu sehen, die das noch nicht kannten. Ich konnte dann raten, ob eine Frau mit dem Namen Klara dabei war.
Drei Lamas ästen auf der Wiese zum Ende der Weidenhäuser Straße. Ich machte unangenehme Bekannt-schaft mit ihnen, als ich als Schuljunge in jugendlichem Übermut den Weg entlang hüpfte und mit den Armen in der Luft herum fuchtelte. Das sahen die Lamas als einen persönlichen Angriff an und bespuckten mich, bevor sie die Flucht ergriffen. Danach bin ich immer schön sittsam und langsam am Zaun entlang gegangen, so dass ich keinen Regenschirm brauchte (s. Bild /S. ).
Die Hauptattraktion war die Löwengruppe, die vom Tierpfleger Schorsch dressiert worden war und ihr Können vorführte. Zeitweilig war auch ein Tiger mit abgebissenem Schwanz dabei. Den könnte Herr Löchel wegen seines Schönheitsfehlers wahrscheinlich zum Schnäppchenpreis gekauft haben. - Die Löwen waren im Winter in einem Stallgebäude des ehemaligen Gutshofes untergebracht und konnten sich im Sommer in einem damit verbundenen großen Drahtgeflechtgehege auf dem Gutshof im Freien bewegen. Aber auf den Tierpfleger Schorsch komme ich später noch einmal zurück.
Der Tiergarten wurde im Verlauf des 2. Weltkrieges aus den verschiedensten Gründen aufgelöst und nannte sich dann „Ernährungshilfswerk“, in dem Schweine gezüchtet bzw. gemästet wurde. Das war in diesen Zeiten der Lebensmittel-knappheit wichtiger.
Über meine persönlichen Erlebnisse im Marburger Tiergarten berichte ich in den demnächst folgenden Fortsetzungen.
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5 Kommentare
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Klaus Dieter Hotzenplotz aus Marburg | 16.01.2009 | 23:52  
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Walter Wormsbächer aus Marburg | 17.01.2009 | 03:41  
20.796
Hans-Rudolf König aus Marburg | 17.01.2009 | 14:15  
952
Walter Wormsbächer aus Marburg | 23.01.2009 | 19:23  
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Siegfried Kuhl (sk1941) aus Marburg | 04.05.2009 | 13:44  
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