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Über die Grenze: Betrachtung eines soziologischen Vortrags

Darf ich einen wissenschaftlichen Vortrag als ein theatrales Ereignis ansehen und demzufolge als ein solches rezensieren? Ich wage zu behaupten: ja. Eben noch am Schreibtisch die eigene Power-Point-Präsentation ordnend, sieht sich die Görlitzer Soziologin Dr. Julia Gabler plötzlich in der Pflicht, ihre Erkenntnisse als Rednerin zu offenbaren. Wir sind insgesamt zwölf Teilnehmer (plus diejenige eine Referentin), die sich in der Novalisstraße 13 in der kleinen Mittelstadt Weißenfels an der Saale im Süden Sachsen-Anhalts zusammengefunden haben. Diese Adresse markiert den Sitz des interdisziplinären Kunst- und Kulturprojektes Brand-Sanierung e.V., das von der ortsansässigen Lithographin und Pädagogin Christina Simon geleitet, organisiert, belebt – und gelebt – wird.

Es ist der 8. September 2017, ein Freitagabend, genauer um 19 Uhr 30. Der Vortrag hätte eigentlich gut einen Monat früher stattfinden sollen, wurde also auf diesen Tag verschoben. Thematisch stellt er zur aktuellen Ausstellung „Grenzen überschreiten – GRENZENLOS“, die sich aus außerordentlichen Schülerarbeiten der benachbarten Neustadtschule zusammensetzt, durchaus einen Bezug her. Einst war die Novalisstraße 13 ein Wohnhaus, ein Überbleibsel aus Zeiten der Industrialisierung und Post-Industrialisierung. Seit dem Wegfall der Schuhindustrie ist Weißenfels von Abwanderung, Arbeitslosigkeit, Alterung geprägt. Christina Simon hat dieses Haus zum geistig-kulturellen Fixpunkt in einem abgeschriebenen, benachteiligten Stadtviertel emporgehoben, in dem Ausstellungen zur zeitgenössischen bildenden Kunst immer durch theatrale Ereignisse – darunter auch Vorträge – bereichert werden. Weißenfels versucht verzweifelt, jungen Leuten Identifikationsmöglichkeiten zu bieten. Es gelingt nur teilweise, in kleinen Schritten, es ist nicht von Dauer – und es setzt Grenzüberschreitung voraus. Das wird auch anhand des Referats deutlich, das den sehr langen Titel Ich kann zwar woanders mehr Geld verdienen, aber das eigentliche Leben findet leider immer noch hier statt. Wie gelingt Anwesenheit nach der Industrie? trägt.

Gabler hat in Jena mittels ethnographischer Studien promoviert, die sich auf die beiden ehemaligen Schuhproduktionsorte Weißenfels und Pirmasens konzentrieren. Mehr eine erzählerische, essayistische Beschreibung von Begegnungen mit hiesigen Persönlichkeiten, führt Gabler an diesem Freitagabend einen nicht zu verachtenden Unterhaltungswert herbei, teilweise unbeabsichtigt und unbewusst. Kaltes weißes Licht strahlt von der Deckenlampe auf sie herab. Sie sitzt auf einem Stuhl und rezitiert ihre Beschreibungen, während an der Wand hinter ihr eine schiefe Präsentation flimmert. Neben der Herrin des Hauses, Christina Simon, haben sich allerlei prominente Vertreter der Stadtbevölkerung eingefunden, darunter ein ehemaliger Oberbürgermeister, ehemalige Mitarbeiter der Schuhindustrie, ehemalige Schüler Simons – eine ganze Reihe Ehemaliger also, abwesende Anwesende und anwesende Abwesende. Ich zähle zu den Letzteren. Jetzige Akteure der hiesigen Kulturszene, wenn ich von einem der anwesenden Gästeführer absehe, vermisse ich unter der Zuschauerschar, aber es beruhigt mich, wenigstens einen lokalen Pressevertreter anzutreffen.

Prompt werden Rollen verteilt. Der durchschnittliche Weißenfelser ist kein Theaterbesucher, er nimmt diese Verteilung ohne jegliche künstlerische Ambition vor. Die Rednerin verwandelt sich im Laufe ihrer Ausführungen in die Imitatorin ihrer Gesprächspartner, mit bewusst konkreter Wiedergabe grammatischer Auffälligkeiten – Satzbau, Syntax, Zeitformen – und unbewusst zum Teil verstellter Stimme. In ihrer Rolle spielt sie Rollen. Die anschließende Diskussion ist hochinteressant. Sie führt zu nichts, ist jedoch ungeheuerlich wichtig und regt zur genauen Beobachtung an. Der ehemalige Oberbürgermeister ist mittig platziert, ganz ein geselliger Menschenfreund und Kumpel. In dieser Position, in dieser Rolle, die er sich selbst zuschreibt, fühlt er sich sichtbar wohl. Er ist dann auch derjenige, der seine Stimme am lautesten unter allen erheben kann – er verschafft sich Gehör, selbst in den Momenten, als seine Worte nicht der Rede wert sind.

Es geht nicht um ein konstruktives Gespräch, sondern vielmehr um die Darlegung eigener privater Erlebnisse. Es sind kleine Zeitzeugen-Miniaturen, die diesen Vortrag abrunden und die Rollenverteilung und somit das Kräfteverhältnis innerhalb Teilnehmerschaft rapide ändert. Plötzlich ergreifen die Zuhörer das Wort und entziehen der Referentin schrittweise, aber ziemlich forsch die Autorität. Diese bahnt sich ihren Weg zur Gastgeberin Christina Simon, die schließlich einzelne Wortbeiträge auffängt, als Moderatorin bündelt und sie an die Rednerin zurücksendet, bevor sie in einem Schwall des Sich-nicht-ausreden-lassens unterzugehen drohen. Hier will nämlich einer den anderen übertönen, während der Reporter der Mitteldeutschen Zeitung heimlich, still und leise seine Notizen macht. Simon beweist sich in dieser Situation als kontrollierendes Zentrum des Geschehens, von den Anwesenden verehrt, von der Rednerin bedankt.

Dieser Vortrag hat das bewirkt, was er wollte: für einen kurzen Augenblick die Gemüter einer überwiegend älteren Zuhörerschaft, die sich mit ihren eigenen Anekdoten bedrohlich im Kreise dreht, aufzuschrecken, zu erschüttern. Die eine große deutsche Grenze ist weg, ja, die Grenze in den Köpfen der alten Generationen existiert aber noch. Man vergleicht Dinge, die sich nicht vergleichen lassen. Man lebt in seinem eigenen kleinen Refugium, von vergangenen Taten genährt, nur vage hinausblinzelnd in das Licht des Nachwuchses, der Neues bringt, aufwühlt, aufwirbelt, für den das Wort Grenze nur noch eine Metapher ist.
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