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Filmbesprechung „Mord im Orient-Express“, USA/UK 2017

Die 30er Jahre. Glitter, Glamour, Mord und Totschlag: Der legendäre belgische Meisterdetektiv Hercule Poirot kehrt seit langer Zeit auf die große Leinwand zurück. Regisseur Kenneth Branagh, der zugleich den Poirot spielt, präsentiert eine sehenswerte neue Verfilmung des gleichnamigen Kriminalromans von Agatha Christie.

Poirot reist 1934 mitten im Winter im Luxuszug namens Orient-Express von Istanbul nach London. Zu den weiteren Fahrgästen zählen ein zwielichtiger Kunsthändler nebst fettleibigem Sekretär und ergrautem Butler, eine sehr mitteilungsbedürftige Witwe, eine uralte russische Prinzessin und ihre holländische Zofe, eine Missionarin, ein Arzt, ein junges ungarisches Grafenpaar und weitere illustre Gestalten. Auf dem Balkan kommt es zum wilden Schneetreiben, bis der Zug eines nachts steckenbleibt. Am nächsten Morgen findet Poirot den Kunsthändler tot in seinem Bett auf, abgestochen wie ein Schwein. Natürlich will keiner der Mitreisenden der Mörder gewesen sein. Poirots berühmte kleine graue Zellen arbeiten auf Hochtouren, während die hohe Gesellschaft im Zug eingepfercht ist, auf Hilfe wartet und eine makabre, durchschaubare Charade spielt.

Vergleiche scheinen unnütz, drängen sich aber auf. Sidney Lumet stellte 1974 eine Verfilmung des Orient-Express vor, die eine hübsch anzusehende Formel etablierte: Man mische ein paar Hollywood-(Alt-)Stars mit shakespeareschen Briten und lasse sie schön frisiert und adrett gekleidet in mondäner Umgebung umherwandeln, um spitzzüngige Bemerkungen auszutauschen, während der Detektiv beschäftigt ist, ihre Lügenkonstrukte zu entschlüsseln und einen von ihnen als Mörder eines anderen zu entlarven. Lumet gewann seinerzeit mit Lauren Bacall, Ingrid Bergman und Richard Widmark drei Botschafter und Vertreter des klassischen Hollywood für seinen Film. Gespenstisch – waren doch ausgerechnet diese drei Mimen zugleich Zeitzeugen jener Ära, in der Christies bekannte Romane handeln.

Vierzehn Jahre später hatte sich diese Formel merklich abgenutzt, als der inzwischen weißhaarige und schwerfällige Peter Ustinov in Michael Winners Rendezvous mit einer Leiche (1988) zum sechsten Mal den Poirot spielte. Immer schwächer wurden die Drehbücher, immer mittelmäßiger die Regisseure, immer kitschiger und flacher die Umsetzungen. Und im Gegensatz zu Albert Finneys akribischem, konzentriertem Porträt in Lumets Film von 1974 verwandelte Ustinov den Poirot durch sein ironisches, selbstreflexives Spiel mehr und mehr in eine Karikatur. Kenneth Branagh, der sich von der Filmgeschichte einfach nicht einschüchtern lässt, inszeniert und interpretiert den Poirot nun beinahe als Superhelden, der sich körperlich wehrt, Verdächtigen nachhetzt, Türschlösser zerschlägt und Fieslingen mit seinem Gehstock eins überhaut.

Ohnehin fällt in Branaghs Film alles irgendwie größer aus. Poirots berühmter Schnurrbart ist geradezu monströs angeschwollen. Die Kamerafahrten über das von goldenem Sonnenlicht durchflutete Istanbul, über die künstlichen Landschaften und die computeranimierte Zugfahrt im unbezähmbaren Schneegestöber, der hellblaue, magische, fluchbeladene Blitz, der nachts in einen Berg einschlägt und eine gewaltige Schneelawine auslöst – das sind imposante Kinobilder. Der Vorlauf, bis die eigentliche Geschichte beginnt, und Branaghs Versuch, Poirot mittels einer unerklärlichen Liebesgeschichte eine neue Tiefe zu geben, sind allerdings zuviel des Guten. Am Ende dann die Mordauflösung: Alle Reisenden sind wie zum letzten Abendmahl nebeneinander drapiert. Ganz schön kühn.

Auf der Figurenebene gelingt ausgerechnet zwei kleineren Nebendarstellern eine interessante Neuauslegung ihrer Charaktere. Es ist das junge, gräfliche ungarische Diplomatenpaar. Serhij Polunin steigert die Heißblütigkeit des Grafen, die 1974 Michael York sehr subtil durchscheinen ließ, zu einer sehr offensichtlichen physischen Gewaltbereitschaft, und Lucy Boynton zeichnet seine Gattin wesentlich dunkler, sinnlicher und zerrissener, als es damals der wunderschönen Jacqueline Bisset möglich war. Michelle Pfeiffer mag als redefreudige Amerikanerin unterhalten und am Ende einen wirklich bestechenden Auftritt haben, hinkt insgesamt aber ihren Möglichkeiten hinterher. Johnny Depp parodiert die Bösewichte meistens, anstatt sie ernsthaft auszuleben; sein Auftritt als schurkenhafter Kunsthändler ist umso sehenswerter. Freilich sind alle Darsteller überzeugend, aber nie mehr wird jemand einen so bissigen, unterhaltsamen Ensemblefilm zaubern wie Robert Altman 2001 mit Gosford Park, der sich doch stark dem Whodunit-Stil Agatha Christies annahm.

Wird es weitere Neuverfilmungen geben? Wenn wir der Presse glauben dürfen, ist der ehrgeizige Branagh stark interessiert, möchte aber das Publikum entscheiden lassen. Andere Frage: Brauchen wir weitere Neuverfilmungen? Wenn sie das Level dieses nach gefälliger Hollywood-Dramaturgie mit schönen Bildern und kurzen Spannungsmomenten gestrickten Blockbusters halten, warum nicht. So gelingt es, Agatha Christie einer neuen Generation zu erschließen. Für Freunde des kriminalistischen Puzzles, das man an einem verregneten Nachmittag lösen kann, wäre es ein Genuss.
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