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Fassenacht im Schatten des Doms – Ribanna fährt lieber Auto

Die fünfte Jahreszeit hat begonnen. Fast kommt sie mir wie der Dom, schon immer da gewesen, ein fester Pfeiler in meinem Leben.
Geändert hat sich das Drumherum: mehr Essen und Trinken, größeres Angebot, lauter – bunter – toller. Na ja! Früher gab es von allem weniger und es war trotzdem schön … Da fällt mir etwas ein: Fassenacht 1969.

Ihre Knie wackeln immer noch. Carolin fährt gerne Riesenrad, aber wenn es stoppt und man gerade ganz oben festhängt, über dem Rhein … also das ist schon irgendwie unheimlich. Und genau das ist passiert, als sie mit ihrem Papa gerade in der Gondel saß. Seitdem ist ihr ein bisschen schlecht.
Ungehalten ist sie auch, weil sie gerne mit der gelben Eisenbahn am Fischtorplatz gefahren wäre. Wenn das Bähnchen parallel zum Rhein entlangtuckert, kann man das Riesenrad gut betrachten und sich dabei ein bisschen gruseln …
Aber ihr Vater hat offensichtlich andere Pläne. Zielstrebig läuft er Richtung Dom. Als zwei kleine Cowboys knapp vor ihr über den Weg purzeln, dabei die Pistolen schwingen und „Peng, Peng!“ schreien, schwingt sie ihren Tomahawk. Dabei wirft sie den Bleichgesichtern einen bösen Blick zu.

Mit einem Mal fällt ihr etwas ein, was sie schon die ganze Zeit fragen wollte: „Wann war ich denn das erste Mal auf dem Rosenmontagszug?“ Carolin muss fast schreien, denn am Fastnachtsonntag ist auf der Mainzer Kerb natürlich einiges los.
Ihr Papa bleibt stehen, hält ihre Hand dabei ganz fest und überlegt. „Ich glaube, das war 1961. Du warst knapp ein Jahr alt. Da standen wir das erste Mal bei Krugs auf dem Balkon in der Kaiserstraße und guckten uns den Zug an.“ Er lacht und freut sich, dass ihm das eingefallen ist.
„Also, daran kann ich mich ja nicht erinnern.“ Aber, wenn ihr Papa das erzählt, wird es schon stimmen. Es kommt auch hin, denn seit Carolin denken kann, besuchen sie am Rosenmontag die Familie Krug, um vom Wohnzimmerfester aus den Zug zu betrachten. Das ist praktisch, denn man friert nicht und muss auch nicht die ganze Zeit glotzen. Morgen, am Rosenmontag wird sie Tante Gerda aber sicherheitshalber noch einmal fragen, ob das stimmt, was Papa gerade erzählt hat.

Sie gehen ein Stück weiter. Die Töne von Margit Sponheimers Gell, du hast mich gelle gern gehen in Heintjes Heidschi Bumbeidschi über. Ein weiblicher Clown mit roter Nase hält sich an einem Seemann fest und kichert. Eine kleine Prinzessin in Rosa heult, weil ihr Luftballon gerade davonfliegt. Carolin rümpft die Nase. Luftballons braucht sie nicht mehr, sie wird ja schon bald neun. Obwohl – so einer, der aussieht wie Micky Mouse …
Sie schlängeln sich an einer Reihe von Männern in geringelten Schlafanzügen vorbei, die schunkeln und dabei grölen: Am Rosenmontag bin ich gebo-o-ren … Jetzt ist die leichte Übelkeit verflogen. Carolin hat Lust auf eine Bratwurst, und danach was Süßes.

Mit vielen anderen Leuten zusammen überqueren sie und ihr Papa die Rheinstraße. Es wird gelacht, geschossen, gesungen … und es duftet …
Da gibt es doch bestimmt gleich wieder einen Stand mit Bratwurst, denkt sie sich. Ganz verdutzt ist Carolin, als ihr Vater vor dem „Ponyreiten“ stehen bleibt. Was soll denn das?
„Du bist ja eine Squaw“, sagt er gut gelaunt. „Die reiten doch über die Prärie.“
„Ich bin Ribanna“, erklärt Carolin kläglich. Das ist ihr wichtig, denn Winnetous große Liebe ist ihre Lieblingsindianerin. Deshalb hat sie auch ein Kostüm ausgesucht ohne so ein besticktes Oberteil. Dann könnte man sie nämlich für Nscho-tschi halten, Winnetous Schwester und Old Shatterhands große Liebe. Das will sie aber nicht.

„Sieh nur, die Ponys werden geführt.“
„Ach!“ Mit einem Schlag wird Carolin nervös. Auch das noch. Pferde, Pony, Reiten … Das ist so gar nicht ihr Ding. Die Fastnachtstage sind eh schon so aufregend. Und gestern, am Samstag hat ihre Klasse am Jugendmaskenzug teilgenommen. Gemäß dem Motto des Zuges Määnzer Sprüch´ un Ausdrück lief sie mit ihren Klassenkameraden Helau rufend und winkend durch die Stadt, um den Hals ein Plakat mit der Aufschrift Weck, Worscht unn Woi.
Vor lauter Aufregung vor dem großen Tag hatte sie in der Nacht zum Samstag kaum geschlafen. Und weil sie nach dem Umzug noch komplett unter Strom stand, war die letzte Nacht kaum besser gewesen.
„Ja“, erklärte ihre Oma am Morgen beim Fleischwurst-Frühstück: „So was bleibd nidd in die Kleidä schdegge …Do sinn die Kinnä mied…“
Ganz gegen ihre Gewohnheit bekam Carolin kaum etwas runter. Dazu der Kommentar ihrer Oma: „Ess fä de Hungä, der kimmd …“

Jetzt steht sie hier und soll eine Runde auf einem Pony reiten, das von einem alten Mann im Kreis geführt wird. Bei dem Gedanken macht sie sich fast in die Hose. Reiten! Nee! Sie sieht sich um und entdeckt etwas: Gegenüber können Kinder Auto fahren. Die Autos laufen lustigerweise in solchen Spuren wir die kleinen Wagen der Carrera-Rennbahn von ihrem Freund Heinz. Mit ihm spielt sie ganz oft Autorennen. Carolin nimmt immer den Jaguar, weil sie den am besten erkennt, an der Form. Sie deutet zu den Autos: „Ich will aber das da fahren.“
„Das machen wir danach.“ Fröhlich schleppt ihr Papa sie zum Schalter.
Ruckzuck ist ein Ticket gekauft. Carolin wird auf ein Pony gehievt. Das stinkt. Ein alter Mann mit Kappe nickt ihr zu und los geht es. Sie wackelt auf dem Tier hin und her, versucht, Haltung zu bewahren, traut sich nicht, die Zügel loszulassen, um sich an der Stirn zu kratzen. Die Perücke sieht zwar toll aus, juckt aber unerträglich.
Am Rosenmontag bin ich geboren … schallt es – und ein paar Pony Schritte weiter: Mathilda, Mathilda … Als sie endlich von dem Pony heruntergehoben wird, ist sie den Tränen nahe.

Erschrocken sieht ihr Vater sie an. „Hat dir das keinen Spaß gemacht?“
„Nicht so richtig.“ Sie schnieft und wirft ihm diesen ganz besonderen Blick zu. Aus Erfahrung weiß sie, dass es geschickt ist, so zu gucken. Bei ihrer Mama wirkt es nicht so gut, bei ihrem Papa sehr wohl.
Ratzfatz kriegt Carolin ihre Bratwurst und eine Bluna. Danach gibt es noch eine Tüte Süßigkeiten. In einem blauen Mercedes-Cabrio fährt sie schließlich in dieser Spur so wie die Autos auf der Rennbahn von Heinz. Drafi Deutscher schmettert: Marmor, Stein und Eisen bricht … Lässig legt sie sich in die Kurve.

(Foto: Ausschnitt aus einer Postkarte von 1961, Privatsammlung Meikel Dachs)

© Carolin Olivares. Lektorat Carolin Olivares, Paula Dreyser
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