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Begegnung am Kriegerdenkmal

Die Geschichte von Paula Dreysers neuem Roman beginnt im deutsch-amerikanischen Milieu im Mainz der Siebzigerjahre und erstreckt sich über mehrere Jahrzehnte bis in die Gegenwart.

Leseprobe aus "Woodstock ist nicht alles"

April 1977, Mainz-Bretzenheim
Das Denkmal des knienden Soldaten, der mit dem Stahlhelm in den gefalteten Händen in die Ferne blickte, glänzte in der Sonne.
»Das sind die Inschriften mit den Namen der im Ersten Weltkrieg gefallenen Dorfbewohner, nicht wahr?« Peter schien kurz davor, zu salutieren.
»Ja, der Gefallenen, der Vermissten und derjenigen, die nach dem Krieg an ihren Verletzungen gestorben sind.« Olivia betrachtete ihn.
Mit gefurchter Stirn las er die eingravierten Namen. Schließlich stockte er, runzelte die Stirn. „Würdest du mir ein Blatt Papier geben?“
„Ja, natürlich.“ Ziemlich verdutzt zog sie ihren Block hervor, riss ein Blatt heraus und reichte es ihm. Was hatte er nur vor?
Er nahm das Papier, trennte einen schmalen Streifen davon ab, zerknüllte das größere Stück und steckte es in die Jackentasche.
„Kriege ich auch einen Bleistift?“, fragte er, ohne seinen Blick von den Namen abzuwenden.
Sie gab ihm einen Bleistift, ließ ihn nicht aus den Augen. Ihr dämmerte, was er vorhatte. Jetzt beugte er sich nach vorn, legte den Streifen über einen Namen und fuhr mit der breiten Seite der Bleistiftspitze darüber.
Er schraffiert etwas. Für einen Moment befanden sie sich außerhalb von Zeit und Raum in einer Zwischenwelt, wo alles miteinander verbunden war und die Dinge einen Sinn ergaben. Hinter dem Denkmal trat die Keltin hervor. Sie nickte Olivia zu, hob grüßend die Hand, bevor sie wieder verblasste. Die Magie verflüchtigte sich. Alles war wie immer.
Peter zeigte ihr das Papier. In der grauen Fläche waren die Buchstaben eines Namens weiß geblieben: Sandmann, Georg. Fragend blickte Olivia zu ihm auf.
»Sandman, der Mädchenname meiner Mutter«, sagte er schlicht.
»Oh!« Sie spürte, warum er das getan hatte, hätte es aber nicht in Worte fassen können.
»Sie ist Engländerin. Eine Kriegsbraut. Emigrierte in die Staaten.« Wieder militärisch knapp.
»Wie alt bist du?«
»Neunundzwanzig.«
Sie erschrak. Als ihr klar wurde, warum der Zeitpunkt, an dem er in die Armee eingetreten war, ihr ein so ungutes Gefühl vermittelt hatte, stürzte etwas in ihr ein. Graue Wolken schoben sich vor die Sonne.
»Warst du in Vietnam?« Tonlos klang ihre Stimme.
»Ja!« Kurz und sachlich. »War mein erster Einsatz.«
Das ist nicht fair, dachte sie. Wie kann das sein? Er ist so – wunderbar.
Über Peters Gesicht legte sich ein Schatten. Um den Mund zuckte es, ein Anflug von Panik flatterte ganz kurz auf in seinem Blick. Ein Gesicht wie aus Asche. Was hatte er gesehen? Was hatte er erlebt?
Als die Wolken die Sonne freigaben, war sein Ausdruck wieder verwandelt: das gewohnte Glitzern in den Augen, das Lächeln … »Möchtest du noch zeichnen?«, fragte er.
»Ich würde gern schnell eine Skizze von dem Denkmal anfertigen«, stammelte sie. Das musste sie tun, um sich zu beruhigen.
»Okay, ich laufe die Straße hier ein bisschen auf und ab.« Wieder zwinkerte er.
»Die Straße ist ja nur ein Sträßchen. Da kannst du mir nicht weglaufen.« Während sie redete, war sie erstaunt über sich selbst. Dieser vertraute Umgang.
»Yes, Baby.«
Sie stand in Flammen. Baby! Jedem anderen hätte sie verboten, sie so anzureden, aber aus seinem Mund klang es richtig. Atemberaubend.
Spielerisch deutete er einen militärischen Gruß an, zog die Augenbrauen hoch, drehte sich auf dem Absatz um, wandte sich der Straße zu und schlenderte davon.
Olivia fühlte sich wieder heiß. Hoffentlich sind meine Wangen nicht rot. Hastig zog sie den Block hervor, stellte sich etwas weiter weg von dem Denkmal, atmete tief durch und glitt für eine Weile in diesen Zustand tiefster Ruhe und zugleich höchster Konzentration. Als sie ihre Umgebung erneut wahrnahm, hatte sie die Umrisse des steinernen Soldaten auf das Blatt gebannt. Zufrieden steckte sie ihren Block ein.
Peter! Sie wollte jetzt mit ihm reden, bei ihm sein, sich von ihm berühren lassen. Als sie sich umdrehte, stand er nur ein paar Meter von ihr entfernt am Straßenrand, die Kamera im Anschlag.
»Ich habe nur darauf gewartet, dass du dich umdrehst.« Er hielt die Nikon F vor sein Gesicht und knipste.
So fotoscheu sie normalerweise war, so sehr gefiel es ihr, dass er ein Foto von ihr haben würde.

Mehr zum Buch bei Paula Dreyser, auf Facebook und auf YouTube
Am 6. Juni findet eine Lesung mit gemischtem Zeitreiseprogramm im Weinhaus Michel statt. Mehr dazu finden Sie hier.
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3 Kommentare
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Gerd Szallies aus Laatzen | 26.04.2018 | 17:35  
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Andrea von der Leine aus Laatzen | 29.04.2018 | 21:33  
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Gerd Szallies aus Laatzen | 01.05.2018 | 10:24  
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