Tabakpfeifen, Pfeifenköpfe, Pfeifenstummel aus Porzellan, Porzellanpfeifen; porcelain pipe; Alt-Haldensleben (1826-1847)

Nathusius Althaldensleben, Pfeifenstummel aus Porzellan in bauchiger Fersenform, „Venus und Amor“ nach dem Gemälde von Antonio da Correggio; H. 16cm
 
Nathusius Althaldensleben, Pfeifenstummel aus Porzellan in bauchiger Fersenform, „Die Perle des Harems“ nach C.J.Brochart (1816-1899), H. 14,7cm
 
Nathusius Althaldensleben, Pfeifenstummel aus Porzellan in bauchiger Fersenform, „Verlorene Jungfräulichkeit“, nach Jean-Baptiste Greuze 1765 H. 16cm
(9. Überarbeitung/Ergänzung; 07.07.2015) Es werden die allgemeinen Kenntnisse über das Wirken des Gottlob Nathusius (1760 – 1835) vorausgeschickt und es wird nur kurz auf einige Sachverhalte eingegangen, die im Zusammenhang mit der Person und dem Thema, den Porzellan-Tabakpfeifen, stehen:

- mit wirtschaftlich großem Erfolg ist G.N. Besitzer einer Tabakfabrik in
Magdeburg (1786 gegründet, 1801 sind 300 Personen beschäftigt),
- in dieser Zeit ist er beinahe alleiniger Lieferant von Schnupftabak in
Preußen,
- kurzzeitig ist er Generaldirektor der preußischen Tabakfabriken und
- er ist erster privater Produzent von Porzellan in Preußen durch
Errichtung einer Porzellanfabrik in Althaldensleben (1826 bis 1847).

Mit dem erstmals 1710 von Meissen hergestellten „Tabaks-Pfeiffen-Kopf“ aus „weißem durchsichtigen Porcellain“ begannen fast alle europäischen Porzellanmanufakturen mit der Produktion solcher edlen Erzeugnisse, die zunächst dem hohen Adel vorbehalten waren. Im Biedermeier finden sie dann durch die Gründung privater Manufakturen und durch die Einrichtung von Rauchzirkeln auch beim Bürgertum Eingang. Obwohl die Rauchkultur mit Porzellanpfeifen um 1900 weitestgehend beendet ist, gibt es für diese kleinen „Kunstwerke“ aus unvergänglichem Porzellan bei Sammlern eine große Nachfrage. Sie erzielen auf Auktionen hohe Preise. Es stellt sich deshalb die Frage, ob G.N. dem Zeitgeschmack folgend auch Pfeifenköpfe aus Porzellan hergestellt hat und ob noch einige davon überliefert sind?

Folgende Literaturquellen geben Auskunft:

1) Die Reise des schwedischen Wissenschaftlers Magnus von Pontin 1832 über die Städte Berlin, Hamburg und Kopenhagen führte ihn auch über Althaldensleben. Vom Besuch in der Porzellanfabrik berichtet er u.a.: „Die Arbeit, welche sich am besten lohnt, und grösstentheils die deutschen Porzellan-Fabriken unterhält, ist die – der Pfeiffenköpfe. Jeder erwachsene Deutsche raucht, und vorzugsweise aus dieser Art Pfeiffen.“1)

2) Einem Bericht der Enkelin Elsbeth von Nathusius über die Porzellanfabrik mit 200 bis 300 Beschäftigten ist zu entnehmen:
„Der letzte neu eingeführte Zweig des Betriebes waren Pfeifenköpfe, zu denen die Deckel und Beschläge in einer besonderen Werkstätte verfertigt wurden. Sie gingen zu Tausenden von Dutzenden ab.“

3) Dieskau berichtet:
„Eine Spezialität derselben (gemeint Porzellanfabrik D.D.) war die Fabrikation von Pfeifenköpfen, die in ungezählten Tausenden in die Welt gingen. Im Brennofen standen die noch rohen Köpfe auf talergroßen Porzellantellerchen. Später, als bald nach Nathusius Tode die Fabrik einging, besserte man mit diesen Talern, so nannten wir Kinder die runden Scheiben, im Verein mit Geschirrscherben die Dorfstraßen und Feldwege. Das gab ein willkommenes Spielzeug und ein vorzügliches Material zum Werfen, zum Fliddern, wie wir es nannten. So kamen die Porzellantaler auch in Hausgärten, und da findet man sie beim Graben noch heute. Wer ihren geschichtlichen Ursprung nicht kennt, dem sind sie rätselhafte Funde.“

4) Das Preisverzeichnis IV der Fabrik von 1828 hat einen Lieferumfang eingeteilt in 6 Kategorien:
A. Weiße Pfeifen in drei Größen, für Zigaretten glatt, als Figur oder Mädchen, Sparköpfe mit festem Abzuge und in holländischer Form.
B. Bemalte Pfeifen mit grünen, blauen und schwarzen Verzierungen.
C. Bedruckte Pfeifen mit Figuren und Landschaften, mit Goldrand, Namen.
D. Pfeifen mit Schmelzmalerei in allen erdenklichen Varianten mit dem Hinweis: „Die Pfeifenköpfe werden in Berliner und Meissner Form angefertigt. Auch werden Bestellungen auf Malerei nach einzusendenden Zeichnungen angenommen“
E. Weiße und bemalte Abzüge.
F. Beschläge, einfach und vergoldet.

Diese Mitteilungen vermitteln den Eindruck einer umfangreichen und anspruchsvollen Pfeifenproduktion. Es ist eine hohe Qualität zu vermuten, weil G.N. erhebliche finanzielle Mittel einsetzte, die Produktion mehr aus Liebhaberei betrieb und Porzellan seiner Fabrik an viele Persönlichkeiten verschenkte.

Da G.N. seine Porzellanprodukte oft nicht mit Marken versehen oder nur einen Strich aufgetragen hat, ist eine heutige Zuordnung sehr problematisch. Beispielhaft dafür ist die Sammlungsauflösung Haegeli im Jahr 2000. Es kamen 597 Objekte zum Verkauf. Unter diesen befanden sich 60 Porzellanpfeifen aus dem Produktionszeitraum der Fabrik in Althaldensleben. Interessant ist die Beurteilung der Experten:
Nur 32Pfeifen wurden konkreten Manufakturen zugeordnet. Darunter fallen drei Pfeifen gleicher Form („mit festem Abzuge“) auf den Hersteller G.N. (Siehe Abbildungen 2 und 3)
Für die restlichen 28Pfeifen gibt es nur vage Vermutungen über den Produzenten. In solchen Fällen wird dann u.a. bezeichnet „deutsch“, Berlin, sächsisch u.a.m.
Sicher ist, dass einige dieser bisher nicht identifizierten Pfeifen, sogar einige der zugeschriebenen kleinen Kunstwerke, Produkte der Fabrik in Althaldensleben sind. Vielleicht kann eine zukünftige Aufarbeitung der Porzellanfabrik eine Identifizierung verbessern und es würde unter den Beschreibungen auf Auktionen oder in Museen stehen: Althaldensleben!

Vom 16.Mai bis 24.Oktober 2010 fand anlässlich des 250. Geburtstages von Johann Gottlob Nathusius eine Sonderausstellung im Museum Haldensleben www.museumhaldensleben.de statt, in der auch Gesteckpfeifen mit Pfeifenköpfen aus Porzellan gezeigt wurden.

Unter den Exponaten befanden sich auch die Pfeifenstummel in Bild 1 bis 3.


Weitere Informationen und Kontakt unter http://vergangene-schaetze.de/

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1) Magnus von Pontin, Bemerkungen über Nutur, Kunst und Wissenschaft,
J.A.Meissner, Hamburg 1832
2) Elsbeth von Nathusius, Johann Gottlob Nathusius, Ein Pionier deutscher
Industrie, Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart und Berlin 1915
3) Dieskau, Aus Althaldenslebens Vergangenheit, Neuhaldensleben
C.A.Eyrand 1918
4) Preisverzeichnis der Porcellan-Fabrik zu Althaldensleben 1828,
Museum Haldensleben
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