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Die neue soziale Kälte 28.01.2017

Die neue soziale Kälte
Die Zahl der Obdachlosen wächst rasant. Trotz Schnee und Eis leben 40.000 Menschen in Deutschland auf der Straße. Die Städte reagieren mit Notprogrammen.
Von Nadine Oberhuber
Obdachlose im Winter: Ein Helfer des Roten Kreuzes bringt in Berlin einen Obdachlosen in eine wärmende Unterkunft.
Ein Helfer des Roten Kreuzes bringt in Berlin einen Obdachlosen in eine wärmende Unterkunft. © Sean Gallup/Getty Images
Wer an Bernd und seinen Nachbarn vorbeigeht oder vorbeiradelt, der hat es in diesen Tagen eilig. Ziemlich eilig sogar, denn sobald es dunkel wird, zeigt das Thermometer in München zweistellige Minusgrade an, auf dem Weg entlang der Isar liegt eine dicke Schneedecke. Eigentlich viel zu kalt, um lange im Freien zu bleiben. Aber Bernd hält es hier aus, Tag und Nacht. Der Platz unter den Bögen der Wittelsbacherbrücke ist sein Zuhause. Es besteht aus nicht viel mehr als einem Matratzenlager, das er sich mit anderen Obdachlosen teilt. Wirklichen Schutz gegen die Kälte bieten auch ihre Decken und Schlafsäcke nicht.
Wie viele Menschen es insgesamt gibt, die in München versuchen, den Winter irgendwie im Freien zu überstehen, weiß niemand. Die Stadtverwaltung kann es nur schätzen, sie geht von 550 bis 600 Obdachlosen aus. "Wir befürchten aber, dass die tatsächliche Zahl viel höher liegt", sagen mehrere Vereine, freiwillige Helfer und soziale Einrichtungen, die sich um Obdachlose kümmern.

Wer nachts durch München streift, glaubt das sofort. Dort liegen neuerdings in vielen Ecken Menschen in aufgeplusterten Schlafsäcken. Manchmal sogar in Geschäftseingängen abgelegener Einkaufsstraßen. Früher hat man höchstens mal auf den Lüftungsschlitzen vorm Bahnhofskaufhaus einen von ihnen übernachten sehen. Die Innenstadt mit der Fußgängerzone und den Haupteinkaufsstraßen ist für Obdachlose tabu, niemand soll das Elend sehen. Aber schon ein paar Straßen weiter schlafen sie in der Kälte.

Die Stadt hat schon seit Jahren nicht mehr genau nachgezählt, wie hoch die Zahl der Obdachlosen ist, so wie viele andere deutsche Großstädte auch nicht. München will immerhin im laufenden Jahr eine Erhebung durchführen. Dringend nötig wäre so eine Statistik, denn die jüngsten Zahlen des Sozialreferats lassen Schlimmes befürchten: Rund 6.000 Wohnungslose gibt es demnach aktuell in der bayerischen Hauptstadt, also Menschen ohne festen Wohnsitz. Vor vier Jahren waren es erst 3800. Einige von ihnen haben zwar ein Dach über dem Kopf: Viele kommen zeitweise bei Verwandten oder Freunden unter, leben in Gartenlauben oder Heimen oder sind in städtischen Wohnungen untergebracht. Immerhin jeder Zehnte von ihnen lebt aber wohl tatsächlich auf der Straße.
Auch in den anderen Großstädten sind die Obdachlosenzahlen sprunghaft gestiegen, vor allem in Berlin. Eine Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe schätzte die Zahl der Wohnsitzlosen hierzulande für 2015 auf 335.000. Für 2016 prognostizierte sie bereits rund 400.000 Wohnungslose bundesweit. Das wären gut 60 Prozent mehr als noch 2010.

Von diesen Wohnsitzlosen sind nach Schätzungen des Verbandes etwa 40.000 Menschen obdachlos, leben also auf der Straße. 2010 waren es 22.000 Menschen, also etwa die Hälfte. Rund 2.000 Obdachlose gibt es derzeit vermutlich in Hamburg, etwa 4.000 in Berlin. Und die Zahlen steigen weiter, sagt die Wohnungslosenhilfe: Bis 2018 erwartet sie bereits über eine halbe Million Menschen ohne Wohnung. Das würde rund 50.000 Obdachlose bedeuten.

Fragt man bei den Einrichtungen, die sich um die Betroffenen kümmern, nach den Gründen für den rasanten Anstieg, bekommt man zumeist die gleiche Antwort: "Es ist der Mangel an bezahlbarem Wohnraum, weswegen heute doppelt so viele Menschen in Notunterkünften leben wie noch vor fünf Jahren", sagt Christof Lochner vom evangelischen Hilfswerk München. "Es gibt viel zu wenige günstige Wohnungen und schon jetzt kommt der Neubau nicht wirklich hinterher. Das Problem wird sich daher weiter verschärfen." Das Sozialreferat bestätigt das: "Die Wohnungskapazität wächst langsamer, als die Wohnungslosigkeit zunimmt." Und das gilt nicht nur für die bayerische Landeshauptstadt, die allerdings als härtester Wohnungsmarkt hierzulande gilt.

2014 verloren 86.000 Bundesbürger laut Statistik ihre Wohnung und damit ihren Wohnsitz. Viele, weil sie die Miete nicht mehr bezahlen konnten. Oder weil sie sich von ihren Partnern trennten, die Miete allein aber nicht mehr tragen konnten.
86.000 Bundesbürger verloren 2014 ihre Wohnung

Oft kommen noch andere Probleme hinzu: Arbeitslosigkeit, Finanzprobleme, Trennungen, häusliche Gewalt, Krankheit, Mieterhöhungen, Gentrifizierung, psychische Probleme oder der Tod naher Angehöriger: Das sind nach Angaben des Wohnungslosenverbandes die häufigsten Risikofaktoren, die Menschen in die Obdachlosigkeit treiben. Etwa jeder Zehnte findet nicht mehr die Kraft, dann auch noch seine Wohnungsprobleme zu bewältigen.

Auch Bernd geriet nach dem Tod seiner Freundin in Mietrückstand. Thomas, der jeden Abend ebenfalls seinen Schlafsack ausrollt, verlor den Job, das warf den Ingenieur aus der Bahn. Ben ist eher der Glaube an die Welt und die Gerechtigkeit abhanden gekommen, er nennt sich selbst einen "Riesenanarchisten" und hat sein Lager passend dazu an der U-Bahnstation aufgeschlagen, die "Münchener Freiheit" heißt. Es sind Bäcker und Nachrichtentechniker, Betriebswirte und Theaterwissenschaftler, die unter Münchens Brücken und in den Unterführungen leben oder trotz des kalten Winterwetters in Haus- und Geschäftseingängen nächtigen.

Viele von ihnen versuchen, sich wenigstens tagsüber vor den eisigen Temperaturen zu schützen. Zum Beispiel in einer Teestube des evangelischen Hilfswerks, wo sie auch duschen und ihre Kleider waschen können. "Bei uns ist es schon seit Herbst eigentlich immer voll", sagt Christof Lochner, "wir haben 70 Sitzplätze und viele stehen auch. Vor fünf Jahren war der Andrang längst nicht so groß". Auch die Klientel habe sich stark verändert: "Das ist längst nicht mehr der ältere Mann mit Rauschebart. Es kommen Menschen aus den unterschiedlichsten Schichten, die längst nicht mehr aussehen, als seien sie obdachlos."

Darunter sind mittelalte Männer mit gebügelten Hemden, Frauen mit lackierten Fingernägeln, Arbeitssuchende aus Spanien, Portugal oder Griechenland und auch ein paar Flüchtlinge, die nicht wissen, wo sie bleiben können. Die Asylsuchenden und EU-Arbeitsmigranten haben das Problem der Obdachlosigkeit hierzulande noch verschärft, sagen Hilfseinrichtungen. Die wahren Gründe lägen aber in der verfehlten Wohnungsbaupolitik und der unzureichenden Armutsbekämpfung.

Kaum in Wohnungen zu vermitteln

In einer städtischen Münchener Obdachlosenaufnahmeeinrichtung arbeiten Berater daran, Obdachlose, die dies wünschen, in eigene Wände zu vermitteln. Und es gibt viele, die Geld verdienen und von denen die Berater sagen, sie könnten gut allein wohnen. Doch auf dem angespannten Mietmarkt fallen sie durchs Raster. Denn Vermieter vergeben ihre Wohnungen lieber an Bewerber mit höherem Einkommen, einem festen Wohnsitz und möglichst Referenzen vom bisherigen Vermieter. 2010 brachten die Berater noch 109 Obdachlose unter, 2015 waren es nur noch 35.

So bleiben viele unfreiwillig in Aufnahmeeinrichtungen hängen. Um wenigstens die größte Not gerade im Winter zu lindern, haben Städte wie München bei der Zahl der Schlafplätze in den Notunterkünften kräftig aufgestockt: Gut 5.500 Betten gibt es nun, doppelt so viele wie 2011. In diesem Jahr sollen weitere Obdachlosenwohnheime entstehen. Die Stadt legt zudem wie andere Städte Winternotprogramme auf, um zusätzlich Obdachlosen einen warmen Schlafplatz anzubieten und zu verhindern, dass einige von ihnen erfrieren.
Es gibt aber auch welche, die nicht einmal bei minus 15 Grad wie derzeit in München in eine Obdachloseneinrichtung gehen wollen. Weil sie dort "Beklemmungsgefühle" bekämen, sagen sie selber. Weil sie sich vor "den komischen Insassen da" fürchten, vor deren Lautstärke oder Gewalt. Weil sie lieber "frei sein wollen" oder sich beweisen möchten, "dass ich wenigstens noch das schaffe, zu leben und den Winter zu überstehen". Solche Sätze hört auch Christof Lochner in der Obdachlosenteestube oft. Einerseits flößen sie ihm Respekt ein, andererseits wünscht er sich, "dass alle die Hilfsangebote annehmen, die es in dieser Stadt gibt. Jeder Tag draußen ist einer zu viel".

Wie schwer es die Draußenschläfer im Winter haben, erleben die ehrenamtlichen Helfer: Ein sogenannter Kältebus dreht jede Nacht in München seine Runden und verteilt warmes Essen und heiße Getränke. Und wenn die Straßenambulanz die üblichen Plätze ansteuert, müssen die Ärzte häufig Lungenentzündungen und Grippe behandeln, erfrorene Zehen und Finger. Und sie müssen sich auch um seelische Wunden kümmern, die von Dunkelheit und Kälte ausgelöst werden.

Quelle:http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017...
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5 Kommentare
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 28.01.2017 | 19:56  
4.642
gdh portal aus Brunnen | 28.01.2017 | 20:00  
59.223
Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 29.01.2017 | 06:54  
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Erster Geschichtenerzähler aus Naumburg (Saale) | 29.01.2017 | 18:27  
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 30.01.2017 | 00:18  
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