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Auf Turgenjews Spuren durch Linz am Rhein Teil 2

Hochwassermarken am Rheintor (Foto: LTC infantrie)
 
(Foto: Wikipedia)
 
Die im ersten Stock befindliche Galerie ist wie ein Besuch im Märchenland. (Foto: heinzbrand100)
Da jetzt Turgenjew auf dieser Seite des Rheins angekommen ist, werden wir nun seinen Spuren stadteinwärts folgen. Zur damaligen Zeit gab es, da es die Straße noch nicht gab, natürlich auch nicht die Straßenunterführung. Wir werden sie allerdings zu unserer eigenen Sicherheit benutzen.

Vor uns liegt das Rheintor. Es wurde in den 20er Jahren des 14. Jahrhunderts erbaut und war schon zur damaligen Zeit bis heute der Haupteingang zur Stadt.

Am Stadttor sind die Hochwassermarken angebracht, sowie ein Fallgitter. In früheren Zeiten gab es massive Holztore, die abends verschlossen wurden. Das Tor wurde nachts von Torwächtern bewacht. Wie alle vier Stadttore (von denen noch zwei stehen); ebenso die Türme.

Rechts anschließend an das Tor haben wir das Zollhaus. Das Zollhaus war durch die Stadtmauer vom Strom getrennt. Durch eine kleine Pforte in der Mauer konnten die Zollbediensteten auf direktem Weg zum Fluss gelangen.

Zu Zeiten Turgenjews zog sich der Befestigungsring noch in seiner ganzen Länge von 1500 m rund um die Stadt. Die Mauerkämme waren bereits abgetragen, ebenso der Stadtgraben vom Neutor bis zum Rhein zugeschüttet.

Wir betreten durch das Rheintor den Burgplatz. Auf der linken Seite sehen Sie die Linzer Burg, die 1365 erbaut wurde.

Sie diente als Zoll- und Zwingburg. Von allen Reisenden und Kaufleuten, die mit Schiffen auf dem Rhein unterwegs waren, wurde der Zoll eingetrieben. Wer nicht bezahlen konnte, wurde solange in den Kerker geworfen, bis die Steuerschuld beglichen war.

Die Burg wurde aber ohne Zweifel als Machtdemonstration gegen die Stadt Linz erbaut. Seit Stadterhebung im Jahr 1320 gehörte Linz zu Kurkölln. Natürlich mussten auch Steuern zu dem neuen Stadtherrn abgeführt werden. Da aber die Linzer zur damaligen Zeit, wie auch heute noch, Persönlichkeiten sind und waren, haben sie die Höhe der abzugebenden Steuer nicht akzeptiert. Die Krönung des Ganzen war dann natürlich, als 1362 ein neuer Erzbischof gewählt werden sollte schloss sich Linz mit noch vier weiteren Städten zusammen, mit dem Ziel, nur denjenigen Landesherrn anzuerkennen, der die Freiheitsrechte des Bündnisses akzeptierte. Das konnte ja nicht gut gehen. Resultat: Linz bekam eine Burg und verlor die freie Ratswahl. Fortan bestimmte der Erzbischof die Kandidaten.

Zur Stadt hin war die Burg auf zwei Seiten mit einem Graben abgegrenzt, den eine Zugbrücke überspannte, und nachts von zwei Wächtern, die sich abwechselten bewacht wurde.

Im Laufe der Jahrhunderte wechselte sie mehrmals ihr Aussehen durch An- und Umbauten.

1821 kam die Linzer Burg in Privatbesitz. Nach dem Ende des 2. Weltkrieges kaufte sie die Stadt Linz. Sie war damals in einem sehr heruntergekommenen Zustand und wurde von Obdachlosen bewohnt. Anfang 1985 kam die Burg wieder in Privatbesitz. Schon nach neun Monaten im September 1985 war die Renovierung der gesamten Burg abgeschlossen. Seitdem ist die Burg ein Schmuckstück für die Stadt Linz.

Die Burggastronomie hat sich auf mittelalterliche Gelage und Gesellschaften spezialisiert. Der große Rittersaal mit offenem Kamin, das Turmstübchen mit Kurfürstlicher Tafelrunde oder der Biergarten im Burghof laden die Besucher zum Verweilen ein.

Im Osttrakt der Burg befindet sich die römische Glashütte. Die im ersten Stock befindliche Galerie ist wie ein Besuch im Märchenland.

In der Folterkammer im Burgverlies kann man eine Ausstellung mit mittelalterlichen Folterinstrumenten besuchen und sich so manchen Schauer über den Rücken rieseln lassen.

Vor uns führt die Rheinstrasse weiter in die Stadt. Diese Straße begann direkt am Rheintor. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war der Rest des Platzes in kurfürstlichem Besitz. Der Burggraben, auch Burgweiher genannt, war ca. doppelt so breit wie die Rheinstraße. Damals gab es auch einen Verbindungsbau von der Burg zum Stadttor. Als Turgenjew hier weilte, sah der Platz fasst so aus wie wir ihn sehen. Der Weiher war zugeschüttet und der Platz gepflastert mit Steinmaterial von der Stadtmauer.

Der Strünzerbrunnen stand allerdings noch nicht da. Er kam erst bei der letzen Renovierung, die 1980 abgeschlossen war, hier hin. Was ist nun ein Strünzer und warum haben ausgerechnet die Linzer einen Strünzerbrunnen? Also ganz einfach. Ein Strünzer ist ein Angeber. Und da die Linzer als Angeber gelten haben sie sich eben ein Denkmal gesetzt. Die Figur auf dem Brunnen zeigt einen kleinen Jungen in Imponierpose. Er kam vom Angeln und zu seinen Füßen kann man den Fisch sehen, den er gefangen hat. Keiner, aber wirklich keiner außer ein Linzer, kann solche große Fische im Rhein fangen. Und das zeigt der Junge auch mit seiner Handbewegung.

Auf der rechten Seite sehen wir ein beeindruckendes Fachwerkensemble. Hier in der Stadt haben wir ca. 200 freigelegte alte oder neuerbaute Fachwerkhäuser. Sie haben richtig gehört: neu erbaut. Falls sie an einem neuen Fachwerkhaus interessiert sind, hier in Linz gibt es einen Zimmermann, der das alte Handwerk noch beherrscht. Aber dazu später mehr.

Nach dem 30jährigen Krieg standen viele Häuser leer und verfielen. Die Stadt erholte sich aber ziemlich schnell und reparierte oder baute neue Häuser. Die größte Zahl der Fachwerkhäuser stammt aus der Zeit nach dem 30jährigen Krieg.

In der Mitte des 19. Jh.s wurde die Feuerversicherung gegründet, die Häuser mussten versichert werden und von der Versicherung wurde aus Brandschutzgründen verlangt, dass die Häuser alle verputzt werden. Ab den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde das Fachwerk nach und nach wieder freigelegt, die Gefache bunt bemalt und nun wissen wir auch, wo der Name „Linz, die bunte Stadt am Rhein“ herkommt.

Wir gehen jetzt am Zollhaus entlang und gelangen zum Gestade, wo sich das Gasthaus „Zur Sonne“ befand. Dort fand das Kommers statt.

Was ist nun aber wieder ein Kommers? Also, ein Kommers ist ein besonders feierliches Gelage einer studentischen Bruderschaft. Fast alle Teilnehmer tragen ein Kostüm, das besteht aus kurzem Schnürrock, hohen Stiefeln und kleiner Mütze. Die Studenten zechen bis zum Morgen, singen Lieder und manchmal mieten sie sich auch ein Musikkorps.

Solch ein Kommers wurde nun gerade in Linz abgehalten und zwar vor dem Wirtshaus „Zur Sonne“ im Garten unter Linden. Die Studenten saßen unter den Bäumen an den Tischen. Seitwärts in einer Laube spielten die Musikanten. Vor dem Garten hatten sich viele Schaulustige eingefunden. Turgenjew mischte sich unter sie. Er beobachtete mit Vergnügen das Treiben im Garten. „Es machte mir Vergnügen, die Gesichter der Studenten zu betrachten; ihre Umarmungen, ihre Ausrufe, das harmlose Kokketieren der Jugend, die feurigen Blicke, das Lachen ohne Grund......“.

„Asja hast Du genug?“ fragte plötzlich auf russisch eine Männerstimme hinter ihm. Turgenjew wandte sich um und sein Blick fiel auf einen jungen Mann, und an dessen Arm ein Mädchen, nicht groß von Wuchs, mit einem Strohhut auf dem Kopf. Turgenjew fragte überrascht: “Sie sind Russen?“ Beide waren sehr verwundert, in dieser abgelegenen Gegend Russen zu treffen. Der junge Mann stellte sich vor: „Ich heiße Gagin und das ist meine Schwester“. Auch Turgenjew nannte seinen Namen und somit begann ein Gespräch. Seit einer Woche hatten sich die zwei Geschwister in Linz niedergelassen. Der junge Mann gefiel Turgenjew auf Anhieb, weshalb er auch einwilligte, als jener ihn fragte, ob er mit dem Geschwisterpaar nach Hause gehen wolle. Die Beiden wohnten in einem einzeln stehenden Häuschen hoch oben in einem Weinberg außerhalb der Stadt.

Gymnasialstraße – rechts zwischen zwei Mauern hindurch – links die Treppe hoch zum ehemaligen Leetor gingen die drei nicht. Für uns ist es aber besser so. In dieser hohlen Gasse zwischen den Mauern kann man sehr gut sehen, wie früher die Straße vom Leetor stadtauswärts aussah. Es ist nicht diese Straße, aber fast genau so sah sie aus.

Wir folgen weiter den Spuren. Durch ein niedriges Stadttor treten sie ins Freie. Ca 100 Schritte weiter war in einer niedrigen Mauer eine kleine Pforte. Die Drei gingen auf einem schmalen Weg zwischen den Weinbergen hinauf. Die Sonne war eben untergegangen hinter den Bergen jenseits des Stromes. Sie kletterten den Berg hoch zu dem kleinen weißen Häuschen.....

Wir können leider nicht mitklettern, da es die Weinberge nicht mehr gibt und der Berg bis zu einer gewissen Höhe bebaut ist.

Aber die drei gingen weiter.
Die Aussicht war überwältigend. „Der Rhein lag zwischen seinen grünen Ufern silbern vor uns und an einer Stelle glühte er im purpurnen Gold des Sonnenuntergangs. Das ans Ufer geschmiegte Städtchen zeigte alle seine Häuser und Straßen, und weit dahinter dehnten sich Hügel und Felder aus“.

Teil 1: http://www.myheimat.de/linz-am-rhein/beitrag/70011...
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3 Kommentare
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Dieter Gillessen aus Augsburg | 04.02.2009 | 19:21  
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chris gunga aus Neustadt am Rübenberge | 05.02.2009 | 18:59  
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Wolfgang Jenke aus Seelze | 09.02.2009 | 08:05  
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