Ein lebenswertes Leben trotz seelischer Beeinträchtigung

Kunst von psychisch kranken Menschen
Lehrte: Tagesstätte Fips | Seit 14 Jahren arbeite ich als Sozialpädagogin in einer Einrichtung der FIPS GmbH. Das Thema psychischer Erkrankungen liegt uns nicht erst nach der Wirtschaftskrise oder dem Suizid von Robert Enke am Herzen. Umso wichtiger erscheint es mir, das Thema in der Öffentlichkeit zu enttabuisieren und Ängste zu nehmen. Freundlicherweise hat mir eine Klientin erlaubt, ihren Erfahrungsbericht auf „My Heimat“ zu veröffentlichen:

Mein Name ist nicht entscheidend, wichtig ist nur, daß ich seit über 10 Jahren zum Teilnehmerkreis der FIPS-Tagesstätte in Lehrte gehöre und es mir sehr wichtig ist, über meine Erfahrungen dort zu berichten. Es fiel mir zunächst schwer, mich damit abzufinden, nicht mehr arbeiten zu können.
Arbeitsunfähigkeit, Schwerbehinderung, Rentenantrag? Für mich hieß es im Alter von 38 Jahren nicht mehr gebraucht zu werden. Da ich lange wegen einer Psychose in einer Klinik behandelt worden bin und auch andere Tagesstätten kennengelernt habe, kostete es mich zunächst einiges an Überwindung, mich in den Kreis der Klienten bei FIPS einzugliedern. Auch eine stundenweise Wiedereingliederung am ehemaligen Arbeitsplatz schlug fehl. Ein Suizidversuch warf mich danach völlig aus dem realen Leben und ich war länger als zuvor wieder in einer psychiatrischen Klinik gelandet. Dann begann ich erneut bei FIPS. Nun lernte ich wieder tagesstrukturiert tätig zu sein und jeden Morgen wie zu „meinem Arbeitsplatz“ zu fahren. Neben handwerklichen und künstlerischen Tätigkeiten unter fachlicher Anleitung, an die ich mich zuvor nie herangetraut hätte, brachte ich mich Schritt für Schritt mehr in die Gruppe ein. Meine PC-Kenntnisse von früher waren nützlich und wurden gefördert. Selbst das eigenständige Kochen für bis zu 25 – 30 Personen machte mir keine Angst mehr, sondern viel Freude. Inzwischen merke ich nach jeder längeren Abwesenheit, wie sehr mir die Angebote wie Schwimmen, QiGong oder die wöchentlichen Ausflüge fehlen. Auch die Tatsache, daß man mich seitens der Klienten oder des Betreuerteams vermisst, zeigen mir, daß ich gebraucht werde, nicht „zum alten Eisen“ gehöre oder in der Gesellschaft nichts mehr wert bin. Sicher gab es nicht nur Tage, an denen ich gern in die Tagesstätte gefahren bin, es fiel zeitweise auch schwer, überhaupt morgens aufzustehen und mich für die jeweiligen Gruppenangebote zu entscheiden. Doch heute blicke ich auf eine Zeit zurück, die ich nicht mehr missen möchte. Wer hat zusammen mit anderen spontan eine Schneeschildkröte im Stadtpark gebaut oder wer hatte schon einmal eine Vogelspinne auf der Hand oder ist bei schönstem Winterwetter den Berg am Torfhaus herunter gerodelt? Selbst Ausflüge mit öffentlichen Verkehrsmitteln bis ans Steinhuder Meer, zum Maschsee, in den Deister, ins Weserbergland, in Sonderausstellungen hannoverscher Museen bzw. nach Hildesheim, Hameln, Lüneburg, Göttingen oder in den hannoverschen Zoo waren jedes Mal ein Erlebnis. Genauso wie Tage der offenen Tür, an denen selbst produzierte Gegenstände veräußert wurden bzw. das eigene selbstgemalte Bild im Schaufenster der Tagesstätte und in einer öffentlichen Ausstellung im Gloria-Park zu sehen war. Es gibt unzählige Highlights, die mich immer wieder in diese Einrichtung gehen und mich den eintönigen Alltag vergessen lassen.
Heißt nicht ein altes Sprichwort auch: Lachen ist gesund? Zumindest ist es für den Heilungsprozess nicht hinderlich und nur wo Menschen wie wir bei FIPS zusammen -leben, -reden, -lachen, -sprechen, -lernen, -denken, -kochen,
-speisen, -entspannen -arbeiten, -reisen, -träumen, sind derart lustige Ereignisse unvergesslich und machen einen Teil des täglichen Geschehens aus.
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Weiterveröffentlichungen:

myheimat-Magazin Lehrte | Erschienen am 11.03.2010
5 Kommentare
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Kitti Ka aus Peine | 23.02.2010 | 18:30  
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 23.02.2010 | 19:08  
30.405
Shima Mahi aus Langenhagen | 23.02.2010 | 21:24  
3.427
Claudia Wagener aus Sehnde | 23.02.2010 | 21:53  
273
Kitti Ka aus Peine | 24.02.2010 | 13:39  
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