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Meinem Freund Heinz Hartmann gewidmet, der am 3. März 2010, 90 Jahre alt wurde

Heinz Hartmann besuchte “sein” ehemaliges Gefängnis in der Steppe von Kasachstan
Als ehemaliger Kriegsgefangener und Sträfling im Archipel Gulag
Der wetterwendische Wind, der pausenlos über die Steppe Kasachstan streicht, hat die meisten Spuren längst verweht, die die Deportierten und deutschen Kriegsgefangenen bei ihrer Fronarbeit hinterlassen haben. Über das einstige Barackenlager ist bereits wieder Gras gewachsen. Doch nicht alles von damals ist verschwunden. Das mit Stacheldraht und Wachtürmen umwehrte Gefängnis steht und “lebt” nach wie vor : Schwerverbrecher sitzen jetzt dort hinter schwedischen Gardinen. Nicht verweht aber sind die Erinnerungen, die den jetzt 79jährigen Heinz Hartmann aus Lehrte veranlaßt haben, nach 50 Jahren noch einmal an den Ort in Mittelasien zurückzukehren. Dorthin, wo der ehemalige Offizier der deutschen Wehrmacht einige Jahre seines Lebens als Sträfling verbracht hat. Ein amtliches Dokument über seine damalige Inhaftierung, ausgestellt im Juni dieses Jahres vom Staatlichen Archiv Karaganda, öffnete ihm diesmal die Türen zum ehemaligen Straflager in Dolnika/Karaganda, aus dem er am 18. Januar 1950 zurück in die Heimat entlassen wurde. Zwei Jahre früher als vorgesehen, weil ihn “Väterchen Stalin in seiner ‘großen Güte’ begnadigt hatte”, wie ihm seinerzeit von Amts wegen mitgeteilt worden war.
Nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges war Heinz Hartmann am 10. Mai 1945 auf dem Weg in die Heimat sowjetischen Truppen in die Hände gefallen. Statt nach Westen in Richtung Niedersachsen ging jetzt in Viehwagen als Reparationsgut zum Arbeitseinsatz nach Rußland. Vorläufige Endstation war der Ural, auch für Hartmann.
Im Straflager Lysswa ging es sofort zur Sache- sprich Arbeit. Hartmann wurde zum Brigadier “befördert” mit dem Auftrag, mit mehreren Kameraden im benachbarten Walzwerk Bjerjesniki Stahl zu kochen. 300 Gramm Brot pro Tag und Mann sollten sie für diese Schufterei zusätzlich bekommen. Wochenlang wurden sie vertröstet und statt Brot gab es nur noch mehr Arbeit, so daß sie sich kaum noch auf den Beinen halten konnten. Sie beschlossen zu streiken.
Gesagt, getan Mit einem komischen Gefühl in der Magengegend, das allerdings nicht vom Hunger kam, saßen sie am Hochofen und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Das war am 13. November 1946. Sie mußten nicht lange warten. Ohne große Debatte ließ die Werksleitung sie ins Lager eskortieren. Die Kameraden durften zurück in ihre Baracken und der “Anstifter” Hartmann kam vorerst für ein paar Monate in Arrest.
Am 13. März 1947 wurde er schließlich vor ein Militärgericht im Lager Lisswa zitiert. In einem Schauprozeß, angeklagt wegen Schädigung des Volksvermögens der Sowjetunion und Anstiftung zur Meuterei, wurde Oberleutnant Hartmann nach § 58 des russischen Strafgesetzbuches wegen Arbeitssabotage und Anstiftung zur Meuterei zu 5 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Ein Urteil, das selbst russischen Mitgefangenen unverständlich erschien, zumal der Paragraph 58 nur für sowjetische Staatsangehörige vorgesehen war. Ab sofort galt Hartmann nicht mehr als Kriegsgefangener, sondern als sowjetischer Sträfling, ausgeliefert den Schikanen in der unmenschlichen Gefängniswelt des Archipel Gulag. Das Straflager Nr. 99, das letztendlich seine Heimat werden sollte, befand sich in Dolinka nahe Karaganda, einige tausend Kilometer hinter dem Ural in der kasachischen Steppe.
Dorthin kehrte Heinz Hartmann im Sommer dieses Jahres freiwillig zurück., neugierig geworden durch eine Meldung, die er zufällig im Weser-Kurier entdeckt hatte. Eine Gruppe der Worpsweder Heinrich-Vogeler-Gesellschaft hatte sich entschlossen, nach Kasachstan zu fliegen, um an der Enthüllung eines Gedenksteines teilzunehmen, das dem aus Worpswede immigrierten und in der Sowjetunion privilegierten deutschen Künstler gewidmet ist, der trotz seiner Verdienste verarmt in der Nähe von Karaganda in der Krankenstation der Kolchose Kornejewka am 14. Juni 1942 verstorben war.
Für Heinz Hartmann wurde es eine Reise in die Vergangenheit. Zwar nicht mehr so schmerzlich wie vor 50 Jahren, aber immer doch spürbar, zumal auch seit langem vernarbt geglaubte Wunden sich hier und da bemerkt machten. Die Stadt Karaganda, die er einst als Barackensiedlung kennengelernt hatte, zeigt sich heute als Großstadt, wenn auch als sterbende, denn mit dem Kohlebergbau scheint es in Kasachstan vorbei zu sein. Eindrucksvoll war die Enthüllung des Vogeler-Denkmals, zu der nicht nur der deutsche Botschafter aus Almaty erschienen war, sondern auch Hunderte von Volksdeutschen, die gerade in dieser Woche die Tage der Deutschen Kultur in Kasachstan feierten.
Und hier erlebte Heinz Hartmann etwas Unerwartetes. Immer wieder wurde er gebeten, dem deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder Grüße zu übermitteln und ihm zu sagen, daß er in Kasachstan herzlich willkommen ist. Schröder, so war zu erfahren, hatte noch als niedersächsischer Ministerpräsident die ersten 5000 Mark für das Vogeler-Denkmal gespendet und darüber hinaus auch zur Finanzierung des Hauses der Wiedergeburt in Karaganda beigetragen. Dieses Haus gilt Zentralstelle für alle nur möglichen Veranstaltungen der Deutschstämmigen im Noden Kasachstans.
Die Fahrt in einem uralten Audi durch die scheinbar wegelose Steppe zu “seinem” ehemaligen Gefängnis hatte Hartmann mit etwas Herzklopfen angetreten. Wer konnte schon im voraus sagen, was ihn in Dolinka erwarten würde. Mit einer volksdeutschen Dolmetscherin und einem interessierten einheimischen Historiker hatte er sich auf den Weg gemacht und nach etwa 100 Kilometern tatsächlich das ehemalige Straflager gefunden, das sich in den vergangenen 50 Jahren rein äußerlich kaum verändert präsentierte. Natürlich wollte Hartmann gern noch einmal einen Blick in seine alte Zelle werfen, vielleicht seinen Kalender anschauen, den er in eine Zellenwand geritzt hatte. Nein, die Bewachungstruppen hatten kein Erbarmen. Ohne ein amtliches Papier gab’s keinen Einlaß.
Also ging es zurück nach Karaganda. Die Enttäuschung war groß, doch die Freunde noch größer, als anderentags seine Dolmetscherin und der befreundete Historiker erschienen und im stolz ein Schriftstück präsentierten, aus dem zu ersehen war : Heinz Friedrich Hartmann war bis zum 16. Januar 1950 im Lager 99 im Dorf Spassk/Karaganda inhaftiert. Und dieses, obwohl seit seiner Entlassung aus dem Straflager bereits 50 Jahre vergangen waren.
Mit diesem Dokument, ausgestellt vom Zentralarchiv Karaganda am 18.6.1999, ging es noch einmal zurück nach Dolinka. Der Kommandeur der Bewachungstruppen staunte nicht schlecht, als Hartmann ihm den “Wunderzettel“ präsentierte. Jetzt durfte er passieren und auf altvertrauten Wegen innerhalb der Strafanstalt wandeln. Allerdings in seine ehemalige Zelle durfte er nicht. Sie war belegt und für ihn tabu - aus Sicherheitsgründen! Zum Abschied meinte der kasachische Offizier, er hätte es bisher noch nicht erlebt, daß ein hier ehemals Inhaftierter freiwillig zurückkommen und überdies den Wunsch äußern würde, eine zeitlang in seinem ehemaligen Gewahrsam zu verbringen. Wer hierher zurückkommt, meinte er, kommt meist in Ketten.
Natürlich hatte es sich unter den Volksdeutschen herumgesprochen, daß ein ehemaliger deutscher Kriegsgefangener nach Karaganda gekommen war, um das Straflager aufzusuchen, in dem er einige Zeit seines damals noch jungen Lebens verbracht hatte. Immer wieder mußte er seine Geschichte erzählen. Sogar das Kasachische Fernsehen interviewte ihn auf einem Ehrenfriedhof beim Dorf Spassk, unmittelbar neben einem eindrucksvollen Gedenkstein, der an jene deutschen Soldaten und Deportierten erinnern soll, die hier fern der Heimat in der endlosen Steppe ihre letzte Ruhe gefunden haben.
Zahlreiche Bilder daheim in Lehrte erinnern an dieses abenteuerliche Reise, die für den rüstigen Rentner so etwas wie Vergangenheitsbewältigung darstellt und von der er sagt, daß er sie nicht noch einmal unternehmen möchte, es sei denn, Bundeskanzler Schröder würde ihn als wegkundiger Begleiter dazu einladen.
Lothar Rolf Luhm
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Volker Beilborn aus Marburg | 25.06.2012 | 10:06  
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