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Er läuft und läuft und läuft ...

  Bericht aus der NP vom 07.11.2019, geschrieben und fotografiert von Herrn Abromeit

Der 90-jährige Karlheinz Teufert blickt auf ein bewegtes Leben zurück – und peilt einen Weltrekord an

Es ist der 90. Geburtstag gewesen, doch ein „Dinner for One“ war es mitnichten. Anders als Miss Sophie im TV-Silvesterklassiker hatte Karlheinz Teufert reale Gäste. Einige seiner Leichtathletikweggefährten hatte er zum Dinner eingeladen. Die Familienfeier bei seiner Tochter Sibylle steigt erst am Wochenende. Die Geladenen waren rund 20 bis 30 Jahre jünger, dennoch ist Teufert einer von ihnen. Auch mit 90 ist er noch aktiver und erfolgreicher Sportler. „Ich weiß gar nicht, wie viele Medaillen es sind. Aber da sind schon etliche von internationalen Meisterschaften dabei“, sagt Teufert.

Geboren wurde er am 5. November 1929 in Berlin. „Eine kalte Novembernacht. Das weiß ich natürlich nicht aus eigener Erinnerung, ich war ja noch klein“, sagt er mit einem schelmischen Grinsen. Auch bei seiner ersten Berührung mit dem Sport hatte er den Schalk im Nacken. „Wir haben 1936 vor dem Volksempfänger alles über die Olympischen Spiele gehört. Ein Fußballspiel konnte ich sogar selber sehen – weil ich mich am Kassenhäuschen durchgemogelt hatte“, beichtet Teufert.

Die ersten eigenen sportlichen Taten folgten erst mit zwölf. „Wehrsport oder Boxen mochte ich nicht. Ich hatte mich der Berliner Turnerschaft angeschlossen.“ Doch im Training japste er am Tegeler See oft als Letzter ins Ziel. „Die Sticheleien der Mitstreiter und mein Ehrgeiz waren es wohl, dass ich mir zum 13. Geburtstag statt Spielsachen eine Stoppuhr gewünscht habe. Die habe ich immer noch“, sagt Teufert. Mit der neuen Errungenschaft übte er allein – und war bald der Schnellste.

In der Endphase des Zweiten Weltkrieges wurden die Kinder wegen der Gefahr von Bombenangriffen aus Berlin evakuiert. Teufert hätte dort nur auf die Mittelschule gedurft, doch auf dem Land gab es bloß ein Gymnasium. „Da hatte ich in Latein so meine Probleme und stand immer zwischen vier und fünf. Aber das hat mir das Leben gerettet“, sagt er. Denn als alle Jungen seines Jahrgangs zu Wehrhilfsdiensten nach Breslau geschickt wurden, „habe ich eine Entschuldigung geschrieben, dass ich wegen meiner schlechten Lateinnoten lernen müsse und mir eine Pause nicht erlauben könne. Den Brief habe ich erst am Abend vor der Abfahrt abgegeben, damit keiner widersprechen konnte“, sagt Teufert. Er bekam Arrest. „Aber ich habe erfahren, dass meine Mitschüler zwischen die Fronten gerieten und keiner zurückkam.“

Nach Kriegsende nahm er an der Freien Universität in Berlin ein Lehramtsstudium auf – in Naturwissenschaften und natürlich Sport. Doch Lehrerstellen waren in Berlin rar. So musste er nach Hildesheim, begann dort auch mit Crossläufen. „Doch die Stadt war für mich als Berliner Schnauze zu konservativ. Als ich von einem neuen Gymnasium in Langenhagen hörte, bin ich dorthin.“ Die Stadt galt als reich, bei der Ausrüstung wurde nicht gespart. „Ich hatte zur Bedingung gemacht, dass es Mikroskope gibt“, sagt Teufert.

Bei einem der ersten von mittlerweile 15 Japan-Urlauben lernte er seine Frau kennen. „Ich war trampen, und Yoshiko war ebenfalls in der Jugendherberge.“ Bald kam sie nach Deutschland, das Paar heiratete, fand seinen Lebensmittelpunkt zunächst in Osterwald. Er schloss sich dem SV Wacker an. Mit Tochter Sibylle, 1978 zur Welt gekommen, wechselte er später zum Garbsener SC. Dort wurde auch sie eine erfolgreiche Leichtathletin.

Teufert widmete sich ebenso intensiv einem zweiten Hobby: der Natur. Beim Naturschutzbund setzte er sich für Kröten oder Eichhörnchen ein, veröffentlichte 2001 das Langenhagener Moorbüchlein, eine Anleitung für botanische Beobachtungen am Rande des Bissendorfer Moores.

Privat nach Langenhagen ging es erst lange nach seiner Pensionierung, als Haus und Garten zu arbeitsintensiv wurden. Doch die Leichtathletik ist das bis heute nicht. Beim SC Langenhagen feierte er Erfolge als Geher und Mehrkämpfer. „Das hält unseren Corpus mechanicus, also den Körper, besser in Schuss als nur zu laufen, zu springen oder zu werfen“, sagt Teufert. Zwar lande er häufig vorn, „weil die Konkurrenten immer weniger werden“, aber oft musste er bei den Jüngeren starten – und feierte dennoch Erfolge. Der bisher letzte war der deutsche Meistertitel im Fünfkampf im Sommer in Zella-Mehlis. 3608 Punkte waren deutscher Rekord der M90-Senioren – und wären auch Weltrekord gewesen, wenn es nicht unterschiedliche Regularien gäbe. In Deutschland zählt das Geburtsjahr für die Einteilung, international das Alter am Veranstaltungstag. So toppte Teufert den Weltrekord des Amerikaners Ralph Maxwell (3283) nicht – noch nicht. „Ich bin wild entschlossen, den Weltrekord im nächsten Jahr anzugehen“, sagt Teufert. Ruhen ist nicht sein Ding – und Ehrgeiz hat er nach wie vor.
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