Fülle des Wohlklangs - Die 11. Landsberger Sommermusiken

      Text von Hans-Jürgen Schatz

„Es gibt ein Glück, das ohne Reu‘“, singt Elsa in Richard Wagners „Lohengrin“. Und sie hat ja so recht! Vergangenes Jahr fragte mich Christoph Hartmann, Oboist der Berliner Philharmoniker, Initiator und nie müde werdender Motor der Landsberger Sommermusiken, ob ich 2009 am jährlichen Kinderkonzert mitwirken wollte. Was für eine Frage. Als Erzähler in meinem Lieblingsstück „Paddington Bärs erstes Konzert“ mit diesem vorzüglichen Ensemble der Sommermusiken auftreten zu dürfen - welche Freude und welche Ehre! Ich sollte doch schon mal als Zuhörer zu den Sommermusiken kommen und mir alles anschauen. Keine schlechte Idee, dachte ich, eine Wiederbegegnung mit der Stadt, in der ich vor vielen Jahren bei Schnee und Eis als Partner von Klaus Schwarzkopf für einen Fernsehfilm nur kurz zu Gast war. Ich reiste also neugierig auf Musikerkollegen, ausgesuchte Kammermusik und die Stadt gen Süden.

Ich kam, sah und Landsberg siegte. Es war Liebe auf den ersten Blick. Kirchen, Rathaus, Klöster, Fluß – Klein-Salzburg liegt am Lech, das war mein erster Gedanke. Ich spazierte im T-Shirt dieses erstklassig besetzten Kammermusikfestivals durch die Straßen und fing freundliche Blicke voller Einverständnis auf. Werbung für die wunderschöne CD „Bella Napoli“ der gastierenden Solisten lag in den Schaufenstern. Den Espresso konnte ich auf dem Barhocker an der Flußmauer sitzend schlürfen, die als Theke dient, und dabei den Blick auf das imposante vom Lech-Wehr herabrauschende Wasser genießen. In der „Italienischen Reise“ schreibt Goethe über Bella Napoli: „Neapel kündigt sich froh, frei und lebhaft an.“ Gleiches gilt für die Stadt am Lech. Wenn auch der Sonnenschein nicht für alle Tage reichte, die schönen Erinnerungen können dadurch nicht getrübt werden. Und die Vorfreude auf den diesjährigen Sommer schon gar nicht.

Hier sind wir in Familie
Die Musiker sind in der Innenstadt nicht anzutreffen. Ihr Hauptquartier ist das vor den Stadttoren gelegene Kloster der Dominikanerinnen. Dort wohnt man, probt, trifft sich zum Mittagessen. Leonard Bernsteins im schleswig-holsteinischen Salzau geprägtes Motto „Let’s make music as friends“ erfährt in Landsberg seine Steigerung: „Hier sind wir in Familie“ – und die Ordensschwestern dürfen getrost dazugerechnet werden. Teils kennt man sich schon seit Gründung des Festivals, ist per Du. Schwester Antonia ist überall und scheinbar ausschließlich um das Wohl der Musiker bemüht.

Zwischen Gemüsebeeten, Beerensträuchern und Blumenpracht wird am Anreisetag ausgiebig am Grill im Klostergarten gefeiert, der für die Kinder der Musiker ein Paradies ist – keines älter als die Sommermusiken, das jüngste 20 Monate alt. Schulsorgen drücken die meisten längst noch nicht. Dafür studieren sie bereits das philharmonische Reiseleben: Berlin, Aix-en-Provence, Landsberg. Auf dem Weg in die Sommerferien steht für einige Berliner Philharmoniker jedes Jahr die im bayerisch-schwäbischen Voralpenland an der Romantischen Straße gelegene Stadt im Kalender.

Im staunenmachenden 11. Jahr werden in diesem Juli an drei Tagen die Landsberger Sommermusiken gespielt. Keiner der Musiker reist des Geldes wegen an. Gage wird nicht gezahlt. Die jahrelange Verbundenheit mit Kollegen aus anderen Orchestern und die ferienähnlichen, wenn auch arbeitsintensiven Tage locken sie immer wieder hierher, wo man sich ein eigenes Festival gönnt, das neben Mitgliedern der Berliner Philharmoniker heuer Kollegen von den Wiener Philharmonikern, vom Münchner Gärtnerplatztheater, von den Bamberger Symphonikern, dem Tonhalle-Orchester Zürich und der Bayerischen Staatsoper auf dem Podium versammeln wird.

Das Landsberger Publikum hält schöne alte Tugenden am Leben. Es hat nicht vergessen, dass auch ein Konzert ein stetes gegenseitiges Geben und Nehmen ist. Es applaudiert lustvoll und differenziert und niemals zwischen den Sätzen. Es zerstört die Nachwirkung mühevoll zart gewobener Klänge nicht durch Hustenkanonaden. Auch von Überalterung des Publikums keine Spur: Ein breites Spektrum von Alter und Garderobe ist zu beobachten. Die Kleinen in feinem Kleid und Lackschuhen, mancher Senior leger in Jeans, darunter gemischt die Tracht der Ordensschwestern.

Eröffnung mit Bartók, Schumann und Weber
Die diesjährige Saison wird am Freitag, den 17.7., um 20.00 Uhr im Festsaal des Rathauses, das seine prächtige Vorderfront von 1719 für das Logo der Sommermusiken herleiht, eröffnet. Mit Tänzen für Violine, Klarinette und Klavier von Béla Bartók beginnen die drei tollen Tage. Diese kurzen, mitreißenden Stücke kommen unter der Überschrift „Kontraste“ daher und geben damit fast das Motto dieses Wochenendes vor. Das Klavierquartett Es-Dur op. 47 von Robert Schumann, dem Jubilar das Jahres 2010, schließt sich an.

Nach der Pause steht die Große Sonate für Pianoforte e-moll Nr. 4 op. 70 aus dem Jahr 1822 von Carl Maria von Weber auf dem Programm. Spielen wird sie jedoch nicht der kürzlich in Berlin mit dem Preis des Deutschen Musikwettbewerbs ausgezeichnete Festival-Pianist Hansjacob Staemmler, sondern ein Septett, bestehend aus Oboe, Fagott, 2 Violinen, Viola, Cello und Kontrabaß. Damit beglückt Wolfgang Renz das Festival, wie in den Jahren zuvor, mit einer maßgeschneiderten Bearbeitung aus seiner bewährten Feder, auf die ich ganz besonders gespannt bin. Durch seine Einrichtung von Schuberts „Wanderer-Fantasie“ op.15 für ein Nonett, die es auf einer CD der Sommermusiken zu hören gibt, habe ich dieses Werk beispielsweise völlig neu zu hören gelernt. Wo Tastendonnerer manches zudecken, gibt er mit Hilfe verschiedener Instrumente dem Stück eine wunderbare Transparenz. Umso neugieriger bin ich auf die Wiedergabe von Webers Klaviersonate durch das Ensemble.

Konzertdebüt im Parkett
„Nur wer erwachsen wird und ein Kind bleibt, ist ein Mensch“, heißt es bei Erich Kästner. Am Samstag kommen die Kinder zu ihrem Konzerterlebnis. Für die kleinen wird es vielleicht ihr erstes sein, so wie für den Titelhelden in Herbert Chappells Stück „Paddington Bärs erstes Konzert“, das von den Instrumentalsolisten, einem Kinderballett und dem Autoren dieser Zeilen mit allergrößtem Spaß und - aufgrund der großen Nachfrage - gleich zweimal im Stadttheater (16.00 und 19.00 Uhr) aufgeführt werden wird. Dazu gibt es ein weiteres Schmankerl: Die Geschichte von „Ferdinand“, dem kleinen Stier, komponiert für Sprecher und Geige, auf der Christoph von der Nahmer einen spanischen Farbenzauber entfachen wird.

Die Frau hat das letzte Wort
Während die meisten Veranstalter landauf, landab bei der Auswahl von Komponisten und Stücken ermüdenderweise meist auf „Nummer Sicher“ gehen, setzen die Sommermusiken mutig auch unbekannte Komponisten, Ausgrabungen und Bearbeitungen aufs Programm. Das entdeckungsfreudige Publikum belohnt diese gestalterische Courage durch treuen und überwältigend zahlreichen Besuch. Für das abschließende Konzert am Sonntag, den 19.7., um 19.00 Uhr treffen sich die Musiker und ihr Publikum in der Aula der Berufsschule, die mich durch Architektur und winkelige Anordnung der Stuhlreihen an eine kleine Berliner Philharmonie erinnert - mit überraschend guter Akustik und freier Sicht von allen Plätzen.

Eingangs wird die Klaviersonate op. 1 von Johannes Brahms als Nonett für Flöte, Oboe, Klarinette, Horn, Fagott, Violine, Viola, Cello und Kontrabaß präsentiert, eingerichtet von Wolfgang Renz. Anschließend gilt es für mich an diesem Abend einen Komponisten zu entdecken, dessen Schaffen ich bislang noch nicht begegnet bin: Paul Juon (1872 - 1948). Mit seinem Oktett B-Dur op. 27 für Klavier, Violine, Viola, Cello, Oboe, Klarinette, Fagott und Horn geht es in die Pause.

Eine der wenigen Komponistinnen, die man neben Clara Schumann und Fanny Mendelssohn kennt, ist Louise Farrenc (1804-1875), die ihr gesamtes Leben in Paris verbrachte. Dort war sie Professorin am Conservatoire und mußte - „gute alte Zeit“? - acht Jahre lang darum kämpfen, den gleichen Lohn wie ihre männlichen Kollegen zu bekommen. Sie war mit Aristide Farrenc verheiratet, einem Flötisten und Musikverleger. Nach dessen Tod 1865 schrieb sie „Le Trésor des Pianistes“, eine Anthologie für Tasteninstrumente mit Noten von 1500-1850 in 23 Bänden, alleine zu Ende. 1850 ist ihr Nonett op. 38 für Flöte, Oboe, Klarinette, Horn, Fagott, Violine, Viola, Cello und Kontrabaß uraufgeführt worden - mit dem Geiger Joseph Joachim. Dieses Stück wird den glanzvollen Abschluß der 11. Landsberger Sommermusiken bilden.

Was die Kartennachfrage betrifft, so gleichen die Landsberger Sommermusiken weniger den Salzburger Festspielen als den Richard-Wagner-Festspielen in Bayreuth: Die Konzerte sind garantiert ausverkauft. Aber man muß nicht acht Jahre und länger warten, bis man endlich einmal Eintrittskarten ergattert. Wie alle großen Festivals haben auch die Sommermusiken ihren Förderverein, in dem Mitglied zu werden gleichermaßen verdienstvoll wie lohnend ist. Die Mitgliederpflege ist vorbildlich zu nennen. Neben ausgesuchten Begegnungen mit den Künstlern und Probenbesuchen, gibt es dieses Jahr erstmals eine literarisch-musikalische Matinée am Sonntag - exklusiv für Fördervereinsmitglieder.


TERMINE

Freitag, 17. Juli 2009 | 20.00 Uhr
Rathausfestsaal


Bela Bartok
Kontraste, Tänze für Violine, Klarinette und Klavier SZ111

Robert Schumann
Klavierquartett Es-Dur op.47 für Klavier, Violine, Viola und Cello
Sostenuto assai, allegro ma non troppo - Scherzo.molto vivace,
Trio 1, Trio 2 - Andante cantabile - Finale.vivace

Carl Maria von Weber
Septett e-moll nach der Klaviersonate Nr.4/op.70 bearbeitet
für Oboe, Fagott, 2 Violinen, Viola, Cello und Kontrabaß von Wolfgang Renz.
Moderato - Menuetto, Presto vivace ed energico - Andante quasi Allegretto,
consolente - Finale (La Tarantella) Prestissimo.


Samstag, 18. Juli 2009 | 16.00 Uhr + 19.00 Uhr
Stadttheater Konzert für Kinder


"Paddington Bärs erstes Konzert" für Sprecher, Ensemble und Ballett

"Ferdinand der Stier" für Geige und Sprecher


Sonntag, 19. Juli 2009 | 19.00 Uhr
Aula der Berufsschule


Johannes Brahms
Nonett C-Dur nach der Klaviersonate op.1 bearbeitet für Flöte, Oboe, Klarinette, Horn,
Fagott, Violine, Viola, Cello und Kontrabaß von Wolfgang Renz.
Allegro - Andante (nach einem altdeutschen Minneliede)
Scherzo, Allegro molto e con fuoco
Finale, Allegro con fuoco

Paul Juon
Oktett B-Dur op.27 für Klavier, Violine, Viola, Cello, Oboe, Klarinette, Fagott und Horn.
Allegro non troppo - Andante elegiaco - Allegro non troppo quasi moderato - Moderato

Louise Farrenc
Nonett op.38 für Flöte, Oboe, Klarinette, Horn, Fagott, Violine, Viola, Cello und Kontrabaß.
Adagio/Allegro - Andante con moto - Scherzo vivace - Adagio/Allegro

Mehr Informationen:
www.sommermusiken.de
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Weiterveröffentlichungen:

myheimat-Stadtmagazin Landsberg | Erschienen am 10.06.2009
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