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Ein Casting für das Christkind

Werner Gutmann, Helmut Glatz, Gerd Kiesler, Ingo Lehmann
 
Die "Zupfert Blosn"
Mit über 30 Besuchern war die Jahresabschlussfeier der Arbeitsgruppe 60plus der Landsberger SPD in der Gaststätte am Sportzentrum gut gesucht. Weihnachtlich dekorierte und gedeckte Tische brachten die 60plusler schnell in die zur staaden Zeit passende Stimmung. Neben der Bewirtung mit Stollen, Marzipan und Plätzchen erlebten die Besucher zahlreiche gesungene und gesprochene Beiträge. Die Zupfert Blosn, Gerd aus Kaltenberg im Duo mit Ingo Lehmann - beide an der Harmonika - versetzten die Gäste mit ihren musikalischen Beiträgen in eine besinnliche vorweihnachtliche Stimmung. Teils heiter, teils besinnlich waren die Beiträge von Helmut Glatz vom Landsberger Autorenkreis. Mit seinen Beobachtungen aus der großen und kleinen Politik, die er in seinen „Unheiligen Weihnachtsgeschichten“ vortrug, erntete er viel Zustimmung. Spontanen Applaus bekam er für eine Recherche über die Wahl des Christkindl`s in einem Ort aus seiner nahen Umgebung.

Ein Casting für das Christkind; an für sich schon eine skurrile Angelegenheit. Die Jury: ein Referatsleiter, die Kulturamtsleiterin und der Theaterdirektor.

"Aber das ist doch ein Junge!" Der Referatsleiter zog erstaunt die Augenbraue hoch. „Und wieso soll es kein Junge sein? Wir können ja einmal eine Ausnahme machen“, sagte der Direktor des Stadttheaters. "Hübsch ist er ja." Die Kulturamtsleiterin nickte anerkennend. "Und das Alter dürfte auch irgendwo stimmen." Die Mutter im Hintergrund trug ein Kopftuch und einen etwas schäbigen Rock. Ihre graue Weste schien selbstgestrickt. Und der alte Mann an ihrer Seite mit dem zerknitterten Gesicht - sah er nicht irgendwie migrantenhaft aus? „Es ist nun mal ein Junge geworden“, meinte sie. "Dafür können wir nichts." „Natürlich nicht, natürlich nicht!" Der Referatsleiter wandte sich an den Jungen. "Wir wollen wissen, ob du als Christkind geeignet bist. Dazu werden wir dir einige Fragen stellen. Hast du das verstanden, mein Junge?" Der Junge nickte. "Also: Wie steht es mit deiner körperlichen Fitness? Der Christkindlmarkt dauert mehrere Wochenenden. Da braucht man Kondition. Ich meine, du brauchst sie, die Kondition." "In Sport hat er immer gute Noten", warf die Mutter ein. "Und in den anderen Fächern?", fragte die Kulturamtsleiterin." Er muss schließlich auch die Fragen der Kinder beantworten. „Was sagst du zum Beispiel, wenn dich ein Kind fragt, wieso du schon in der Vorweihnachtszeit auftrittst? Wo du doch erst am Heiligen Abend geboren wirst." "In einer anderen Welt hat die Physik auch andere Namen", sagte der Junge. "Da ist die Zeit an die Schwerkraft gebunden, und die Schwerkraft ist so leicht wie das Licht, und das Licht ist die Zeit." Der Theaterdirektor nickte beeindruckt. "Eine pfiffige Antwort", sagte er. "Aber für Kinder völlig unverständlich", warf die Kulturamtsleiterin ein. "Was sagst du?" Der Ordnungsreferent rückte seinen Stuhl ein wenig nach hinten und verschränkte die Hände über dem Bauch. „Was sagst du, wenn du gefragt wirst, woher du die vielen Geschenke hast. Du kannst sie doch nicht alle selber gemacht haben." Der Junge schwieg. Der Theaterdirektor kam ihm zu Hilfe. "Wenn dich ein Kind fragt", erklärte er, "musst du sagen, die Geschenke sind von den Englein in den himmlischen Werkstätten hergestellt worden, und wenn dich ein Erwachsener fragt, musst du sagen, die Sachen sind von der Bank gesponsert. Kannst du dir das merken, mein Junge?" "Wir werden uns Mühe geben", sagte die Mutter und rückte ihr Kopftuch zurecht. "Hast du schauspielerisches Talent?", erkundigte sich der Referatsleiter. "Kannst du uns beispielsweise kurz vorspielen, wie du, sagen wir einmal, am Kreuz gestorben bist?" Der Junge schaute den Mann an, und seine Augen wurden groß und dunkel. "Nun, es kann auch etwas anderes sein", sagte der Direktor schnell. "Etwas Lustiges. Zum Beispiel, wie du dem Soldaten das Ohr abgeschlagen hast." "Das war nicht ich, das war Petrus", sagte der Junge. "Und wie steht es mit deinen Gesangskünsten?", wollte die Kulturreferentin wissen. "Singen kann er", meinte die Mutter. Da sang der Junge. Er sang mit heller, klarer Stimme. Er sang: Gelobt seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen, zumal dem Herrn Bruder Sonne; er ist der Tag, und du spendest uns das Licht durch ihn. Und schön ist er und strahlend in großem Glanz, dein Sinnbild, o Höchster. Und das Ganze auch noch in einer fremden Sprache. Eine Weile herrschte Stille. "Na ja", stellte die Kulturamtsleiterin fest, „eine schöne Stimme hat er ja. Aber nicht sehr kindertümlich. Kann er nicht irgendetwas Englisches singen? Silent night oder Jingle beIls oder so?" "Es ist altitalienisch", sagte der Mann mit dem zerknitterten Gesicht. "Der Sonnengesang des heiligen Franz von Assisi". Dann zog sich die Jury zur Beratung zurück. Es dauerte nicht lange. "Leider können wir dich nicht berücksichtigen", stellte der Ordnungsreferent fest. "Ja, wenn du ein Mädchen wärest und katholisch und blonde Haare hättest". Der Mann und die Frau mit dem Kopftuch nahmen den Jungen in die Mitte, als sie durch die Türe hinausgingen. Einen Augenblick lang fuhr ein Schwall feuchter, kalter Novemberluft herein, und die Juroren am Tisch zogen fröstelnd die Schultern hoch. Versuch es doch einmal in Kaufering", rief der Theaterdirektor hinter ihnen her. "Dort soll es auch einen Weihnachtsmarkt geben."

Zu den Schlussakkorden der „Zupfert Blosn“ sangen Gäste und Akteure gemeinsam. Auch Gerd und Ingo waren nochmal gefordert. Mit ein paar beschwingten weihnachtlichen Weisen verlängerten sie den Nachmittag in den Abend hinein. Werner Gutmann ließ es sich nicht nehmen an alle, die die Veranstaltung zu einem vollen Erfolg der Landsberger SPD werden ließen, ein kleines Präsent zu übergeben.
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