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Toooor, Toooor, Toooor, Toooor!

DFB-Emblem (Foto: Wikipedia, gemeinfrei)
 
Der Laden von Waldemar Thimm, ca. 1954
Ilsede: Groß Lafferde | Es war der 4.Juli 1954. Die Brüder Waldemar und Herbert Thimm hatten im Saal des Gasthauses zur Post, Inhaberin Lina Lampe, in Groß Lafferde, mehrere Fernsehapparate aufgebaut. Bundesweit gab es gerade mal 20.000 Stück. Der Saal war brechend voll. Die Zuschauer saßen dichtgedrängt vor den Geräten, um die flimmernden schwarz-weiß Bilder auf den damals noch kleinen, nach heutigen Begriffen unzulänglichen, Mattscheiben zu verfolgen.
Heiß war es im Saal und die Stimmung aufgeheizt, als der Fernsehsprecher Bernhard Ernst im Berner Wankdorf-Stadion in der 84. Minute Helmut Rahns Tor zum 3:2 bejubelte, was im Gebrüll der Fernsehzuschauer fast unterging.
Der unvergessene Radioreporter Herbert Zimmermann (*29.11.1917 †16.12.1966) sah die 84. Spielminute so: ".....Kopfball - abgewehrt. Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen. Rahn schießt!". Augenblicke später folgte sein enthusiastisches, unnachahmliches, langgezogenes, vierfaches "Toooor, Toooor, Toooor, Toooor".
Ob sein Neffe, der Grünen-Politiker Hans Christian Ströbele (Jahrgang 1938), dem Radiobericht des Onkels zugehört hat, wissen wir nicht. Die Zeitgenossen werden dessen "Toooor" für immer in den Ohren behalten. Den Nachgeborenen wurde und wird es immer wieder zu Gehör gebracht.

Leider konnte die damalige Fernsehübertragung wegen fehlender technischer Möglichkeiten nicht aufgezeichnet werden. Auf Veranlassung von Rudi Michel wurden deshalb Filmaufnahmen mit den Worten von Herbert Zimmermann unterlegt und so ein einzigartiges Bild-Ton-Dokument geschaffen. Zimmermann nannte den Torwart Toni Turek voller Begeisterung "Fußballgott". Für diese Wortschöpfung musste er sich auf Betreiben des Rundfunkintendanten und des Bankiers Pferdmenges (ein Freund Konrad Adenauers) öffentlich entschuldigen! Aus heutiger Sicht undenkbar.

Dass Herbert Zimmermann nicht "Goal" oder das nichtssagende "Mal, Mal, Mal, Mal" gerufen hat, haben wir Prof. Dr. Konrad Koch (*1846 †1911), Lehrer am Braunschweigischen Martino-Catharineum, mit zu verdanken. Er ließ seine Schüler am 29.09.1874 erstmals diese aus England importierte Sportart ausüben und gilt damit als Begründer des deutschen Fußballs.
Seine Absicht war, mit dem Fußballspiel das Turnen zu ergänzen, den Gemeinschaftssinn der Schüler zu fördern sowie ihren Geist und Körper zu ertüchtigen. Zur Körperertüchtigung schien ihm das Fußballspiel besonders geeignet, weil es abhärtete und sogar bei jedem Wetter im Freien betrieben werden konnte.

Dem ab 1871 erstarkenden Nationalismus, besonders aber den national gesinnten Turnern, war das Fußballspiel u.a. wegen des englischen Kauderwelsches ein Dorn im Auge.
Wenn Regisseur Sebastian Grobler in seinem Spielfilm "Der ganz große Traum" aus dem Jahr 2011 suggeriert, Koch habe das Fußballspiel auch deswegen eingeführt, weil die Schüler englische Vokabeln lernen sollten, so ist das falsch. Bereits 1875 schuf Koch ein Regelwerk in deutscher Sprache mit dem Titel "Regeln des Fußball-Vereins der mittleren Classen des Martino-Catharineums zu Braunschweig". Damit schlug er zwei Fliegen mit einer Klappe: Zum einen wurden die Schüler nicht mit neuen Anglismen belastet, zum andern nahm er national gesinnten Kritikern Wind aus den Segeln.

Anfangs war der Fußball noch stark an das Rugby angelehnt. Der Ball durfte gefangen und in gewissen Situationen mit der Hand gespielt werden. Das war nach einer Wortschöpfung Kochs der "Fußball mit aufnehmen". Ein "Goal" (Ziel), Koch nannte es "Mal", wurde erreicht, in dem der Ball über eine in 3 Meter Höhe angebrachte Stange getreten wurde.
Als sich auch in Deutschland der "einfache" Association Football (Soccer) durchsetzte, Koch nannte ihn "Fußball ohne aufnehmen", wurde das Mal durch zwei senkrechte und eine waagerechte Stange gebildet, durch deren abgegrenzten Raum hindurchgeschossen werden musste. Einen Torwart gab es anfangs nicht.
In seinem Aufsatz "Deutsche Kunstausdrücke des Fußballspiels" schlug Koch vor, die Worte Goal oder Mal durch das Wort "Tor" zu ersetzen. Diese Bezeichnung wurde in Deutschland schnell populär.
Was wäre der deutsche Fußball mit "Goal, Goal" oder "Mal, Mal", aber ohne "Tor, Toor, Tooor".

Quellen: Verlag Peter Lang GmbH, Band 9, "Der Raum Ostfalen", ISBN 978-3-631-65054-7 und Wikipedia.
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2 Kommentare
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Romi Romberg aus Berlin | 30.01.2017 | 14:58  
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Werner Szramka aus Lehrte | 31.01.2017 | 17:49  
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