Mehr Ehrlichkeit bei der Diskussion über die Vereinbarkeit von Naturschutz und Energiewende

Vereinbarkeit von Naturschutz und Energiewende | Foto: Luise, pixelio.de
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In der aktuellen Diskussion auf Windkraftanlagen am Lichten Küppel wird in Marburg, wie auch an anderen Standorten ein Vogelschlag-Horrorszenarium heraufbeschworen. Ja, jedes Bauwerk, jede Straße jedes Baugebiet beeinträchtigt Flora und Fauna. Und ja, auch jede Art der Energieerzeugung. Daher gibt es planungsrechtlichen Genehmigungsverfahren, um Beeinträchtigungen zu vermeiden, ggf. zu minimieren und unvermeidliche auszugleichen.

Dies gilt auch für Windkraftanlagen. Und zu den Betroffenen zählen auch Vögel. Doch mit den Horrorszenarien, die der von mir sehr geschätzte Vogelkundler Martin Kraft, mit 20 getöteten Vögeln pro Stunde entwirft, setzt er bedauerlicherweise seine Reputation auf Spiel, da sie fern von jeder wissenschaftlichen Grundlage und jedem Genehmigungsverfahren sind.

Die Vogelexperten der Naturschutzverbände, der staatlichen Vogelwarten u.a. nennen bei Ursachen für die jährlich in Deutschland getöteten Vögel an erster Stelle Hauskatzen (Größenordnung ca. 50 Mio.), gefolgt von Strom- und Telefonleitungen (30), Straßenverkehr (10) und Kollisionen mit Bauwerken insgesamt (3).

Windkraftanlagen stellen bei letzteren einen Anteil von max. 3%. Die Staatliche Vogelschutzwarte des Landesamtes für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz Brandenburg trägt seit den 90ern und seit dem Jahr 2002 kontinuierlich verfügbare Daten zu Kollisionen von Vögeln und Fledermäusen an Windenergieanlagen zusammen. Für Deutschland kommen sie seitdem (Stand: 28.10.2014) insgesamt auf die Zahl von 2.145, für Hessen auf 39.

Hauptgefahr Freileitungen

Natürlich gibt es hierbei eine Dunkelziffer. Ob sie so hoch ist, wie die vom Nabu vermuteten mehreren Zehntausenden an Vögeln pro Jahr, mag dahingestellt sein, aber auch das wären dann 1-2 pro Anlage in einem Jahr, nicht pro Tag, Stunde oder gar alle paar Minuten. Die Hauptgefahr für den bei uns heimischen und in dem Zusammenhang besonders beachteten Rotmilan liegt in seinem spanischen Winterquartier, wo durchschnittlich 1.000 Tiere pro Jahr getötet werden. Seit 1998 sind in Hessen 23 getötete Rotmilane in der Nähe von Windkraftanlagen gefunden worden und diese verschwinden durch Raubtiere u.a. nicht so schnell wie kleine Vogelarten.

Zum Vergleich: Täglich sterben über 250.000 Vögel in Europa den Tod durch Vogelschlag an Freileitungen für Strom und Telefon, Fensterscheiben, Wintergärten, Glasfassaden und Lärmschutzwänden. (Zeitschrift für Vogelkunde und Naturschutz in Hessen. Vogel und Umwelt 13: 31–41, 2002). Die amerikanische Zeitschrift Nature Communications nennt 1,4-3,7 Milliarden durch Katzen getötete Vögel, was sicherlich umgerechnet auf Deutschland eine zu hohe Zahl ist.

Völlig unberücksichtigt ist dabei noch eine wirkliche ökologische Katastrophe, wie aus einer wissenschaftlichen Studie des letzten Jahres deutlich wurde: Bis zu 30% unserer heimischen Arten sind gefährdet, da sie sich nicht schnell genug an die Klimaveränderungen anpassen können. Hier gilt es durch verantwortungsvolle Entscheidungen bei der Energieerzeugung gegenzusteuern. Die überwältigende Mehrheit der Deutschen ist unverändert dafür. Und dies sollte auch so sein, wenn es für der eigenen Haustür geschieht.

Humane und ökologischen "Kosten"

Zur Ehrlichkeit bei der Diskussion über die Vereinbarkeit von Naturschutz und Energiewende gehört es humanen und ökologischen "Kosten" durch die Verseuchung von Landstrichen bei der Uran-, Erdöl- und Erdgasgewinnnung, die Toten in Kohlebergwerken, die Folgekosten der nuklearen und fossilen Energieerzeugung gegen die regenerative Erzeugung abzuwägen. Jede verhinderte Windkraftanlage verlängert sowohl den Zeitraum der exorbitanten Gewinne der Multis wie diese ökologischen und menschlichen Katastrophen.

Bürgerreporter:in:

Michael Meinel aus Lahntal

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