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Einbeck – ein Blick in die Zukunft

Vor einigen Tagen brachte das Gandersheimer Kreisblatt über eine ganze Seite Herrn Sanders Rückblick der Beziehungen von Kreiensen und Einbeck über die vergangenen Jahrhunderte. Fügen wir jetzt einen kurzen Blick in die Zukunft an – was wird aus dem vereinigten Einbeck?
Die Demographie ist das Schicksal eines Volkes. Das deutsche Volk - „Biodeutsche“ wie ich es kürzlich in einem Buch las – hat bereits seit rund hundert Jahren zu wenige Kinder. Seit dem „Pillenknick“ (Verbreitung der Anti-Baby-Pille) in den Jahren 1972/73 hat die statistische Durchschnittsfrau nur noch rund 1,4 Kinder; das ist ein Drittel zu wenig, denn zum Erhalt des Bevölkerungsbestandes wären 2,1 Kinder erforderlich. Wenn diese Entwicklung anhält, dann ist die Bevölkerung in Deutschland in zehn Generationen, also in weniger als dreihundert Jahren ausgestorben; die ersten anderthalb Generationen oder vierzig Jahre dieser Entwicklung haben wir bereits hinter uns. Die „Biodeutschen“, das sind die ohne Migrationshintergrund, begnügen sich sogar nur mit rund einem Kind je statistischer Durchschnittsfrau, deren Ende kommt daher schon deutlich früher. Die Deutschen, die heute zur Schule gehen, werden gegen Ende ihres Lebens in einem Deutschland leben, in dem die „Biodeutschen“ schon lange in der Minderheit sind. - So viel zu Gesamtdeutschland.
Einbeck wird dieses deutsche Schicksal teilen – und daraus ergibt sich einiges. Einbeck hat jetzt nach der Fusion 33.000 Einwohner – und einen Bevölkerungsverlust von rund einem Prozent pro Jahr. Nach Paragraph 46 NkomVG (Niedersächsisches Kommunalverfassungsgesetz) hat der Stadtrat damit 38 Sitze; nach dem Fusionsvertrag jedoch bis zum nächsten allgemeinen Kommunalwahltermin in 2016 um 6 erhöht vorübergehend 44 Sitze. Spätestens 2021 bei der übernächsten Kommunalwahl sind es wegen der unter 30.000 fallenden Bevölkerungszahl nur noch 36 Sitze. - Schlechte Aussichten für Möchtegern-Politiker. Der gegenwärtige Bürgermeister wird nach B3 besoldet, fusionsbedingt bekommt der am 20. Januar zu Wählende seine Besoldung nach B4, aber schon bei der in acht Jahren folgenden Wahl fällt die Besoldung wegen des Bevölkerungsverlustes auf B3 zurück (Paragraph 1 NKBesVO; Niedersächsische Kommunalbesoldungsverordnung).
Beide Bürgermeisterkandidaten wollen der demographischen Entwicklung durch den Rückruf früherer Einbecker Bürger begegnen – eine sinnlose Idee, denn alle anderen Gemeinden werden das Gleiche tun.
(Kleine) Dörfer werden entvölkert. Geschäfte und Kneipen gibt es schon lange nicht mehr. Die Versorgungsleitungen (Wasser, Entwässerung, Gas, Strom, Telefon, Kabel) werden langsam abgeschaltet, die Zufahrtsstraßen werden zurückgestuft und verfallen. Die Siedlungen werden aufgegeben. Leerstehende Häuser und Ruinen werden abgeräumt. Öffentlichen Personen-Nahverkehr gibt es schon heute praktisch nicht.
Die Landschaft verändert sich. Der Ackerbau geht kräftig zurück, Waldflächen nehmen zu. Windkraftanlagen sind verbreitet. In allen Bächen (z.B. Gande) und Flüssen (z.B. Leine) drehen sich Fließwassergeneratoren, die im Einzelfall zwar nur ein paar kW bringen, diese aber kontinuierlich. Alle Neubauten sind gut isoliert, Heizung wird nicht mehr gebraucht; die Häuser erzeugen mehr Energie, als sie verbrauchen. Auf Freiflächen breiten sich aufgeständerte Fotovoltaikanlagen aus, darunter wilde Wiesen, ein Paradies für kleine Pflanzen und Insekten, Niederwild wie Karnickel, Hasen, Füchse.
Bereits um 2030 wird die Durchschnittsrente bei vierzig Versicherungsjahren auf rund tausend Euro (zu heutigen Preisen) gefallen sein - und weiter sinken, denn ohne Kinder fehlen die Beitragszahler. Das Renteneintrittsalter hingegen steigt an, von 67 spricht niemand mehr, es geht um 70, ja 75 und mehr.
In dieser Not steigt Eulenspiegel von seinem Denkmal, lacht und preist die herrlichen Zeiten. Die sind so schlecht und aussichtslos, jetzt kann es nur noch besser werden. Eulenspiegel lässt sich einen großen Becher guten alten Einbecker Biers reichen, lümmelt sich auf dem Tisch des Bürgermeisters, schaut in die Runde der tumben Gesichter der ratlosen Räte, dann auf die letzten jungen Mädchen und Männer und ruft denen zu: „Macht Kinder! Jeder von Euch jedes Jahr eins! - Verdammt, muss ich hier denn alles alleine machen?“ Eulenspiegel steigt wieder auf sein Podest, er kann warten. Einbeck kann es nicht: Kinder oder Untergang, Ihr habt die Wahl.

Neujahr 2013

03.01.2013
Hermann Müller
Bentierode
Bentieröder Bruch 8
D-37574 Einbeck


Ein Beitrag für das Gandersheimer Kreisblatt, Abdruck am 03.01.2013.

Mit Ablauf des Jahres 2012 hat die selbständige Gemeinde Kreiensen aufgehört zu existieren, ihre Ortsteile sind seit dem 01.01.2013 Teile der Stadt Einbeck geworden.

Infolge dieser Eingemeindung ändert sich meine Anschrift.
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