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Die kleine Larve

Das Schmetterlingsmädchen
Einfach da zu sein, ist der Sinn des Lebens
und ohne Liebe ist das Leben ganz vergebens,
vertraue in die Kraft, die Universen erschafft –
dem Gehen und Entstehen durch die göttliche Macht.


Lied

Die kleine Larve

Es war einmal eine kleine graue Larve, die an einem Grashalm hing. Sie war so leicht und zierlich, dass sich der Grashalm durch ihr Gewicht nicht stören ließ, sondern kräftig in die Höhe wuchs. Die Larve klebte so fest an dem Grashalm, dass weder Wind noch Regen ihr etwas anhaben konnte und es schien, als habe sie das perfekte Zuhause für ihr Dasein gefunden. Es hätte wohl keinen besseren Ort als diesen braven Grashalm für sie gegeben.
Der Kokon, der die kleine Larve umhüllte, lag eng um ihren Larvenkörper gepresst. Wie ein Vakuum bildete er einen schützenden Mantel um die Larve, um sie gegen Regen, Wind und starker Sonneneinstrahlung zu schützen. Stunde um Stunde, Tag für Tag, Wochen um Wochen lag die kleine Larve behütet in ihrem Larvenmantel und schlummerte vor sich hin. Sie schien zu uninteressant für Beutetiere und sonstige Feinde zu sein. Niemand beachtete sie, so grau und unscheinbar wie sie aussah.
Kurzum, sie musste keine Sorgen, Ängste und Nöte befürchten und doch - haderte sie tagtäglich mit ihrem Larvendasein. Es ist so langweilig und eng hier, dachte sie. Dieser ätzende Kokon… er bedrückt und beengt mich, dass ich schier keine Luft bekomme.
Warum tut sich nur nichts? - diese Öde! Wenn doch endlich was Tolles passieren würde, egal was…Ich halte es hier einfach nicht mehr aus. Wie ungerecht ist es, dass ich eine kleine hässliche und unbewegliche Larve bin – wo es doch viel schönere Geschöpfe gibt als mich…so dachte sie fast ununterbrochen und grämte sich dabei ungemein. Selbst der Grashalm wächst und bewegt sich im Wind, sagte sie zu sich selbst, und ich? Ich klebe an ihm fest und bin unfähig etwas zu verändern.
Sie hasste ihr Larvenleben und verfluchte es.
Manchmal zwickte es sie hier und dort und es schien ihr, als ob dies die einzige Abwechslung in ihrem Dasein sei.
Ach was redet der olle Wind da…. der hat gut reden. Jeden Tag ist er an einem anderen Ort und sieht so viel von der Welt…ich dagegen hänge an diesem langweiligen Grashalm in diesem grässlichen Panzer von Kokon, kann mich nicht rühren und muss so mein Leben fristen. Es ist so ungerecht auf dieser Welt!
Vor lauter Frust schlief die kleine Larve viel und es schien ihr, als ob es sowieso nichts anderes zu tun gäbe. Kaum war sie aufgewacht, quälten sie wieder düstere Gedanken.
„Ach Grashalm“, stöhnte die kleine Larve, „womit habe ich das nur verdient, was kann ich nur tun, damit sich mein fades Leben ändert?“ Fragend blickte sie auf den Grashalm unter sich. Doch der Grashalm blieb stumm. „Warum kann mir denn niemand helfen und mir meine Fragen beantworten?“, zürnte die Larve daraufhin erneut.
Eines Tages kam ein wunderschöner Schmetterling angeflogen und landete sacht auf dem Grashalm der kleinen Larve. Der Grashalm zitterte leicht durch diese Bewegung. Die Larve spürte das und wunderte sich, was da wohl los sei. Da bemerkte sie den schönen Schmetterling. Zitronengelb schimmerten seine Flügel in der Sonne. Was für ein wunderschönes Geschöpf das ist, dachte sie bei sich. So schön und perfekt. Ich dagegen…
Neugierig geworden wendete sich kleine Larve an den Schmetterling. „Sag mal, wie ist es so da draußen? Tragen dich deine Flügel überall hin auf der Welt?“
Der Schmetterling antwortete: „Oh es ist wirklich wunderschön. Ich fliege wohin ich will. Manchmal tanze ich sogar mit meinen Freunden im Licht der aufgehenden Sonne und spüre die Wärme ihrer Strahlen. Dann funkelt alles und wir glitzern um die Wette.“
Die kleine Larve wurde neidisch, als sie dies hörte. Dieser Schmetterling ist so herrlich und erlebt die tollsten Dinge. Warum kann ich das nicht? Warum darf ich nicht…?
„Ach Schmetterling, antwortete sie, ich beneide dich um dein Aussehen und dein Können. Mir ist es nicht vergönnt so zu leben wie du.“
Der Schmetterling schwieg. Er wusste nicht, was er der kleinen Larve entgegen sollte.
Nun schwiegen sie beide eine Weile vor sich hin. Die kleine Larve dachte angestrengt nach. „Was kann ich nur tun?“, fragte sie den Schmetterling.
„Ich weiß nicht, vielleicht fragst du den Wind, er kommt viel herum in der Welt, vielleicht kann er dir weiterhelfen. Viel Glück!“
Mit diesen Worten verabschiedete sich der Schmetterling und flog auf und davon. Die kleine Larve blickte ihm versonnen hinterher. Das ist vielleicht keine schlechte Idee, dachte sie und nahm sich fest vor, in nächster Zeit mehr auf den Wind zu achten. Sie wusste instinktiv, dass er ihr nicht direkt antworten würde, denn der Wind hat kein Gesicht und keinen Mund. Aber wenn er zurückkehren würde, würde sie versuchen mit ihm Kontakt aufzunehmen.
Lange geschah nichts. Die Sonne schien die meiste Zeit, nur hin und wieder regnete es.
Eines Morgens wurde die kleine Larve unsanft geweckt, denn der Grashalm unter ihr zitterte wie Espenlaub. Ein starker Wind war aufgekommen. Er begann das Gras auf der Wiese erbarmungslos hin und her zu peitschen. Der kleinen Larve wurde ganz schwindelig zumute und sie bekam mächtig Angst. Ihr blieb nichts anderes übrig, als sich fest an ihren Gefährten zu klammern. Ob sie das überleben würde? Nach einer gefühlten Ewigkeit, zumindest kam es ihr so vor, ließ der Wind etwas nach. Die kleine Larve hatte das Bedürfnis, sich in ihrem Kokon zu strecken, so gebeutelt fühlte sie sich von dem Durcheinander. Da vernahm sie ein feines Stimmchen: „Wandle… wachse…sei…frei!“ Wer sprach da? Sie konnte niemanden sehen. Erneut flüsterte eine Stimme: „Wandle…, wachse… sei frei…“
Das muss der Wind sein, der zu mir spricht, schoss es ihr durch den Kopf, es kann nur der Wind sein. „Wandle…, wachse…sei frei… Wieder vernahm sie ganz deutlich diese Worte. „Wandle…wachse…“, sie wiederholte die Sätze halblaut vor sich hinmurmelnd. Mit einem Mal war ihr, als müsse sie die Sätze wie ein Mantra aufsagen. Es beruhigte sie und tat ihr gut, denn nun hatte sie eine Beschäftigung und dachte nicht mehr ans Jammern. Der Wind hatte sich inzwischen vollständig gelegt. Zufrieden und erschöpft schlief die kleine Larve ein. „Wandle…wachse…sei…frei!“, hörte sie den Wind im Traum.
Am nächsten Morgen wachte die kleine Larve durch ein laut knackendes Geräusch auf. Oh nein, ängstigte sie sich, geht der Sturm wieder los? Sorgenvoll blickte sie um sich, konnte aber keine Gefahr erkennen. Die Gräser schimmerten friedlich in der Morgendämmerung. Erleichtert räkelte sie sich. Da krachte es auf einmal dermaßen laut, dass das Larvchen heftig erschrak. Sie spürte einen Luftzug unter sich und spähte hinab. An der Stelle, wo ihr Kokon sie vorher fest umhüllt hatte, klaffte plötzlich ein Riss. Und wieder krachte es! Die kleine Larve wusste gar nicht, wie ihr geschah. Verzweifelt wehrte sie sich. Ihr Herz raste wie wild. Da plumpste sie aus ihrem Kokon, der wie ein überreifes Springkraut aufplatzte und strauchelte zu Boden. Aber was war das? Sie hatte plötzlich Flügel. Sie hob den rechten, dann den linken. Fasziniert betrachtete sie sie eine Weile. Unfassbar! Aus ihr war ein Schmetterling geworden. Und was für ein schöner! Aufgeregt begann sie ihre neuen Körperteile wie ein frisch geschlüpfter Vogel hin und her zu bewegen. Noch flatterte sie etwas unbeholfen am Boden entlang. Mit einem Mal aber hob sie ab. Kräftig schlug sie ihre Flügel in die Luft und mit jedem Stoß entfernte sie sich mehr und mehr. Die kleine Larve flog. Nein, der schöne Schmetterling flog. Immer höher, der Sonne entgegen.

Nathalie Salem, 2019
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