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Das Drama um Woody Allens Biographie

Woody Allen veröffentlicht eine Biographie - und die Aufmerksamkeit darüber ist größer, als wenn er einen neuen Film präsentiert hätte. Warum ist das so und was steckt genau dahinter?

Wenn mal wieder eine neue Biographie erscheint, ist das im ersten Moment keine besondere Meldung wert. Die gibt es schließlich wie Sand am Meer und manche haben damit sogar so einen Erfolg, dass sie gleich noch eine zweite (oder dritte, …) schreiben. In der Regel geht das aber an den meisten, die nicht Fan eines bestimmten Biographieverfassers sind, spurlos vorbei. Oder wussten Sie, dass es allein von Dieter Bohlen fünf (!) von ihm verfasste Biographien gibt? Während also der Poptitan nur noch zwei Bücher über sich braucht, um so viele Leben zu haben wie eine Katze, hat Woody Allen nun ein Buch über sich veröffentlicht, das tatsächlich größere Aufmerksamkeit bekommen hat. Von Protesten über eine abgesagte Filmveröffentlichung bis zur Kündigung von Verträgen durch SchriftstellerInnen war alles dabei. Denn Allen ist seit 1992 Missbrauchsvorwürfen gegen sich ausgesetzt, die vor allem auch im Rahmen von “#MeToo” wieder breiter öffentlich diskutiert wurden und zu denen er sich nun das erste Mal selbst äußert.

Woody Allen: Ein langweiliges und belangloses Buch?

Wenn man ohne Vorwissen an das Buch herantritt, wird einem aber vermutlich erstmal nicht so ganz klar werden, was denn nun daran so kontrovers sein soll und es ist auch fraglich, ob man dann überhaupt bis zur entscheidenden Stelle vordringt. Man könnte es ohne das Drama um die Missbrauchsvorwürfe auch folgendermaßen zusammenfassen: “Rund 450 Seiten hat die Autobiografie des Mannes mit der wohl bekanntesten Brille der Filmgeschichte. Es geht um seine Kindheit als Allan Stewart Konigsberg, Sohn jüdischer Eltern in Brooklyn, ein „ängstliches, nervöses, emotionales Wrack“ und „Spaßbremse auf jeder Party“, die am liebsten die Schule schwänzt und nach Manhattan abhaut, um sich dort stundenlang Kinovorstellungen und Mädchen anzuschauen. Es geht um Woody Allens Aufstieg in der Entertainment-Branche, als Comedian, Witze-Schreiber, Dramaturg, Drehbuch-Autor, Schauspieler und schließlich Regisseur. Es geht um seine Eigenarten als „chronisch unzufriedener Charakter“, der noch nie einen Computer benutzt hat. Es geht um seine Kollegen, seine Branche, um Reisen – und es geht um Frauen, viele, viele Frauen.” Nichts über das man also unbedingt berichten müsste.

Woody Allen rechtfertigt sich zu den pikanten Vorwürfen

Doch dann, nach 250 Seiten, äußert der sich vierfache Oscar-Gewinner doch noch zum Thema des angeblichen Missbrauchs. In über 50 Seiten schreibt er seine Sicht der Dinge nieder. Demnach ist alles die Rache seiner Ex-Frau Mia Farrow. Hierzu muss man wissen, dass der Grund der damaligen Trennung nicht irgendeine fremde Frau war, sondern die Beziehung zur gemeinsamen Adoptivtochter Soon-Yi Previn, mit der Allen auch heute noch zusammen und in der Zwischenzeit auch verheiratet ist und wieder zwei Adoptivtöchter hat. Mia erfuhr damals von der Affäre zwischen beiden durch Nacktfotos von Allen und Soon-Yi, die sie in seinem Penthouse in New York gefunden hatte. Daraufhin hätte sie ihm Rache in der Form gedroht, dass sie ihm nun seine Tochter wegnehme, nachdem er ihr ihre genommen habe, behauptet der Regisseur. 1992, ein paar Monate nach dem Vorfall mit den Nacktfotos, macht sie die Vorwürfe um die sich der Skandal dreht, öffentlich. Demnach habe der Filmstar Dylan, die gemeinsame Tochter, auf dem Dachboden an die Genitalien gefasst. Eben das bestreitet dieser nun in seinem Buch, stattdessen sei diese Geschichte jene Rache und deswegen auch frei erfunden.

Warum Woody Allens Skandal so mysteriös ist

In der Tat ist es nicht so ganz klar was und wie viel wirklich dahinter steckt. Denn wirklich geklärt wurde die Schuldfrage nie. Mit Sicherheit hat Allen selber nicht wirklich dazu beigetragen, dass er in irgendeiner Art und Weise als unschuldig erscheint: Schließlich sind die Seiten, die er nun in seinem neuen Buch dazu schreibt, die ersten öffentlichen Aussagen zur ganzen Sache nach über 25 Jahren. Er selbst beschreibt seine Sicht folgendermaßen: „Ich glaube, Dylan hat ihrer Mutter gegenüber nie behauptet, sie sei unsittlich berührt worden. Diese Version der Ereignisse stammte vielmehr allein von Mia.“ Tatsächlich hat sie damals als Kind dazu widersprüchliche Aussagen gemacht. In der Zwischenzeit steht aber auch sie fest hinter den Vorwürfen, was laut Woody Allen daran liegt, dass Mia ihr diese Geschichte in der Zwischenzeit eingeredet habe. Pikant an dieser Stelle ist unter anderem auch, dass gar nicht so ganz klar ist, ob der Filmemacher überhaupt der Vater ist. Er selber hält es immerhin für “möglich”, dass dies auch Frank Sinatra sein könnte.

Die Wahrheit im Drama um Woody Allen

Natürlich ist die Tat nicht zu entschuldigen und natürlich sollte Woody Allen dafür büßen, falls es denn tatsächlich so geschehen sein sollte wie Dylan und Mia behaupten. Weil aber genau das fraglich ist, sollte man eigentlich auch ihn nicht vorverurteilen. Denn auch wenn der Vergleich sich im ersten Moment (Filmemacher und so) aufdrängt: Mit dem Fall Harvey Weinstein ist das Ganze nicht zu gleichzusetzen. Denn im Gegensatz zu ihm ist Allen wohl kein Serientäter, zumindest hat bis auf Dylan (bzw. Mia) niemals jemand Vorwürfe gegen ihn in dieser Richtung erhoben. Eben deswegen wirkt die Version Allens eines Rachekomplotts gegen ihn in gewisser Hinsicht glaubwürdiger, als dass er auf einmal seine Adoptivtochter missbraucht. So richtig geklärt ist das Ganze aber auch jetzt nicht, denn niemand dürfte geglaubt haben, dass er nun auf einmal zugibt, dass es tatsächlich so war wie die beiden Frauen behaupten.

Das zerstörte Lebenswerk des genialen Filmemachers Woody Allen

Es ist nicht leicht sich eine Meinung über Woody Allens Skandal zu bilden. Ist es  tragisch, dass das Lebenswerk des Oscargewinners massiv beschädigt ist, Amazon die Zusammenarbeit mit ihm beendete und sich von seinen Filmen distanzierte und auch ansonsten niemand mehr so wirklich was mit ihm zu tun haben möchten; KünstlerInnen, wie mit denen er in der Vergangenheit zusammengearbeitet hat, sich von ihm distanzieren und SchriftstellerInnen Ihre Verträge bei Buchverlagen kündigen, da sie nicht im gleichen Verlag wie der Filmstar erscheinen wollen? Kommt darauf an wo in der ganzen Geschichte die Wahrheit liegt. Gut ist dagegen mit Sicherheit, dass Allen trotz der massiven Proteste im Vor- und Nachhinein die Chance bekommen hat, seine Sicht der Dinge zu präsentieren. Schade dagegen, dass das Dickicht des Nebels auch nach der Lektüre nicht wirklich gelüftet ist und eher noch dichter geworden ist. Denn so wirkliche Sicherheit, dass es nun wirklich so war, wie er es sagt, gibt der Star uns nicht und konnte er vermutlich auch niemals geben.

Und noch ein Tipp (bzw. zwei) zum Schluss: Machen Sie sich am besten selber ein Bild und lesen Sie das Buch und ersparen Sie sich am besten die teils grauenhafte deutsche Übersetzung und lesen Sie es im englischen Original als “Apropos of Nothing”.
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