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Mein schönstes Weihnachten

Eine alte Dame erinnert sich ...

Meine Enkelin fragte mich vor ein paar Tagen nach meinem schönsten Weihnachtsfest. Sie ist acht Jahre alt, und ich glaube, sie erwartete eine ganz und gar spektakuläre Geschichte; etwas, das all ihre Vorstellungen übertraf.

Ich sah sie an und lächelte, dann begann ich zu erzählen: von dem kleinen Tannenbaum, den mein Vater und ich damals im Wald geschlagen und fast zwei Stunden lang auf dem alten Holzschlitten nach Hause gezogen hatten; von den krummen Sternen, die ich mühsam aus alten Zeitungen und etwas Garn gebastelt hatte und die ich noch am selben Abend mit tauben Fingerchen stolz in alle Zweige hängte. Ich erzählte vom Duft der frischen Bratäpfel , der durch das ganze Haus zog, und von der Wonne, die Schüssel mit Marzipanmasse auslecken zu dürfen. Von dem Schneemann, den ich baute und für den meine Mutter mir sogar einen echten Schal gab und eine kleine Kartoffel als Nase, und natürlich erzählte ich auch von dem kleinen Poesiealbum, den Keksen und den herrlichen Äpfeln, die ich damals als Geschenke unter dem Baum fand.

"Aber das ist doch alles nichts Besonderes", wandte meine Enkelin enttäuscht ein, als ich schließlich endete. Und wahrlich, sie hat recht. Heute geht alles sehr viel schneller und leichter, vielleicht sogar besser. Bäume kaufen wir in der Gärtnerei; Kekse backen wir aus Fertigmischungen; das Festmahl lassen wir servieren, und Äpfel taugen schon lange nicht mehr als Geschenk.

Das schönste Weihnachtsfest meines Lebens war nichts Besonderes. Es war nicht vollkommen, jedoch genau das macht es in meinen Augen zu etwas Außergewöhnlichem, denn nicht die großen Dinge zählten in jenem fernen Winter, sondern die kleinen.
Weihnachten war keine Inszenierung, kein Fest der grellen Lichter. Es war vielmehr etwas, das alles durchströmte. Ein wohliges Gefühl von Geborgenheit. Die Erinnerung an alte Lieder, die alle kannten. Der Duft von Gewürzen. Die Muße, den Abertausend fallenden Schneeflocken einfach nachzublicken. Weihnachten war Wärme und Zeit und Liebe. Die Festtage kamen und gingen, und sie ließen uns glücklich, aber niemals wunschlos zurück. Es gab immer Träume, die unerfüllt blieben, und d das war gut so. Denn das Wesentliche änderte sich nie: Die Freude an diesen drei Tagen, die nun so manchem langweilig erscheinen mögen, und die doch etwas so Besonderes waren.
von Mathilda Ewing
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3 Kommentare
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Elke Matschek aus Ebsdorfergrund | 17.12.2011 | 09:41  
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 18.12.2011 | 01:42  
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Martin & Christine Kewald-Stapf/Stapf aus Amöneburg | 18.12.2011 | 12:07  
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