"Rostro Nemaviae" - ehemals römische Wachstation b. Türkheim/Goldberg

Panorambild Goldberg/Türkheim
 
Nordosthang in Richtung zur Strasse
 
Rekonstruktion der ehem. Römerstation
  (Landkreis Ostallgäu; Reg.Bezirk Mindelheim/Schwaben/Gmd.: Türkheim (LKr. Schwaben/Allgäu)
Koordinaten: 10°38'38.87" ( Östlicher Länge)
48° 4'30.73" (Nördlicher Breite) - in Google-Earth

Dieser Platz liegt an einer ehemaligen Römerstrasse - Bregenz - Augsburg

Gemäß der römischen Straßenkarte "Tabula Peutingeriana" (nördlich von Schlingen b. Bad Wörishofen vorbei in Richtung Irsingen), lag die ehemalige Römerstation Goldberg b. Türkheim ("Rostro Nemaviae"). Diese spätrömische Festung liegt ca. 1,3 km nördlich von Türkheim auf einer Hochterrasse des westlichen Wertachtalhanges, etwa 20m Höhendifferenz über der Römerstraße.
Als römische Wachstation - in Sichtweite des ca. 15km östlich liegenden "Stoffersberges" b. Landsberg/Lech, hatte eine einmalige Lage - war sie doch Kreuzungspunkt römischer Verkehrsverbindungen wie auf der Tabula Peutingeriana verzeichnet.

Nord-Südverbindung: Stationen Brigantium/Bregenz - Vemania/Isny - Cambodunum/Kempten - Nach Norden: - Escone/Biessenhofen-Altdorf (b. Marktoberdorf) - Rostro Nemaviae/Buchloe - Rapae/Rapis/Schwabmünchen - Augusta Vindelicum/Augsburg.Bisher noch nicht im Gelände nachgewiesen, aber aufgrund von Flurnamen und Funden zu erschließen ist eine Straße, die von Faimingen her kommend die Straße Augsburg - Günzburg östlich von Burgau überquert, dann den Ostrand des Mindeltales verläuft und über das Tal der Flossach b. Türkheim an der Straße Augsburg - Kempten Anschluß gehabt haben dürfte.

Ursprünglich wiederentdeckt zu Beginn des 19.Jhdts durch Dr. Johann Nepomuk v. Raiser (Regierungsdirektor des Oberdonaukreises in Augsburg) der zusammen mit Gleichgesinnten in einem Altertumsverein, sich vor allem der römischen Denkmäler annahm. Erste Grabungen am Goldberg wurden dann 1838/-40 vorgenommen, die in einer Beschreibung von Carl Weishaupt. G.Urban-Zacher behandelte diese dann 1846 in seiner "Chronik der Mittelalterlichen Herrschaft Schwabeck"., sowie in einem eigenen Kapitel "Türckheim unter den Römern und die folgende Zeit bis zum Jahre 727". 1942 fanden die nächsten Grabungen unter Ludwig Ohlenroth an der "Poenburg" (Viereck-Keltenschanze/Türkheim) sowie am Goldberg/Türkheim statt. Diverse Schnittgräben wurden dann 1943/44 durchgeführt, wo man gem. heitger Tekonstruktion die Wehrgräben, Anlage und das Horraeum (eigenes Gebäude im NO der Anlage) ausgrub. Diverse Funde sind heute im Römischen Museum der Stadt Augsburg ausgestellt. Weitere Grabungen erfolgten dann in mehreren Abschnitten 1958 bis 1961. Die weitere Erforschung geriet dann in den Folgejahren ins Stocken, an Zeitungsartikeln über Goldberg erschienen lediglich 3 Vorberichte, sowie handschriftliche Notizen und Katalognummern. Erst im Jahre 1981 wurde diesen Ausgrabungen und weiteren Erkenntnissen durch eine Publikation "Münchner Beiträge zur Vor- & Frühgeschichte (Herausgeber Joachim Werner) von Irmingard Moosdorf-Ottinger unter dem Namen "Der Goldberg bei Türkheim" besondere Aufmerksamkeit gechenkt. Mit dieser Arbeit kann man also davon ausgehen, daß die archäologischen Erkenntnisse - vor allem in der Erforschung des spätrömischen Raetien noch nicht als abgeschlossen betrachten werden kann. Interressante Fragen sind noch zu klären - u.a. der Straßenzuführung im unmittelbaren Bereich des Goldbergs, die Lage des zugehörigen aufgefundenen Gräberfeldes und ev. eines mittelkaiserzeitlichen Vorläufers der spätrömischen Station und deren archäologische Untersuchungen. Erst durch Lösung dieser Fragen, wird ein abschließendes Urteil über die spätrömische Station Rostrum Nemaviae möglich sein.

Vorgeschichtliche Siedlungszeugnisse:
Als Überraschung stellten sich die durchgeführten Grabungen im Jahre 1961 mit der der Entdeckung einer bronzezeitlichen Siedlung auf den Resten der Niederterrasse im Norden der spätrömischen Befestigung heraus. Diverse Geländeschnitte brachten Pfostenspuren, sowie Reste von einer Wallbefestigung zutage. Im Innenraum wurden durch den späteren Bau in römischer Zeit, sowie einer Kirche und Gräberfeld div. Reste zerstört. Datierungen für diesen Zeitabschnitt der Besiedlung auf der Wertach Hochterrasse wurden belegt durch bronzeitliche Keramik, einer bronzenen Gewandnadel, sowie eines Bronzedrahtstückes.
Bereits bei Grabungen 1943 fand man Hinweise auf einen hallstattlichen Vorläufer der spätrömischen Goldbergbefestigung. Über diesen Hallstatt-Schichten fand man dann eine mit römischen Kulturschutt verfüllte Mulde, sowie einem im spitzen Winkel zugeschnittenen Graben, der allerdings nicht bis zum gewachsenen Boden untersucht wurde. Div. Reste von Pfostenreihen, sowie Gefäßscherben lassen auf ein befestigtes Gehöft schließen - einem ev. Herrensitz. Rundum hatte die Anlage ein doppeltes Grabensystem sowie einen inneren Graben als Schutz. Weiters fand man auch spätere Besiedlungsspuren aus der LaTénezeit. Scherben von Graphittontöpfen, scheibengedrehten Wulstrandtöpfen mit Kammstrichornamenten die zeitlich der Formengruppe "Manching" zugeordnet werden konnten. Eine länger andauernde Besiedlung aufgrund bisheriger minimal aufgefundener Fundstücke vermutet man jedoch dabei nicht. Eng verbunden mit den Grabungen am Goldberg sind auch jene durch Ohlenroth und Striebel (1942) durchgeführten Grabungen in der sogenannten Poenburg - einer spätkeltischen Viereckschanze in unmittelbarer Nähe (Luftlinie ca. 700m westlich), deren Ergebnisse bislang wenigst veröffentlicht wurden. Die guterhaltene Keltenschanze dient heute als Sportplatz, man kann jedoch deutlich noch die Form und ehemals befestigen Wälle erkennen.

Römische Kaiserzeit:
Als die Eroberung durch die Römer im Jahre 15 v.Chr. erfolgte, wurde dann am Hang zur Wertach hin eine Straße gebaut, die von Kempten (Cambodunum) nach Augsburg (Augusta Vindelica) führte. Darauf errichteten man dann in den späten röm. Kaiserjahren ca. ab 355 nChr., Anfang 4. Jhdt. eine Befestigunganlage - "Rostro Nemaviae". Diese gliederte sich in eine innere Ringmauer, darin ein Wachtum (Burgi) - der in Holzform bereits früher gebaut worden sein konnte, einer äußeren Umfassungsmauer (Fläche ca. 1520qm), als auch einem etwas versetzt angelegtem Horraeum (Speicher mit Schwebeböden/Geräteschuppen).
Ein Hortfund, der im Spitzgraben der ältesten Befestigung gefunden wurde, bestand aus 18 Münzen, deren jüngste Prägung aus den Jahren 282/283 n.Chr. stammten. Man stellte eine Besiedlung bis in der Zeit der Völkerwanderung (Ostgoten) fest, anhand einer ostgotischen Münze und entsprechender Keramik. Die Anlage umgab ein 1,5m tiefer Spitzgraben, der heute noch im Gelände erkennbar ist. Die Burgi sind mittel- bis spätrömisch, oft erbaut auf Erde-/Holz-Kastellen des 1.Hdt., die wohl beim Bau der Straße errichtet worden waren. Offensichtlich war das Gebiet erst seit der Nachlimeszeit gefährdet.Die am Goldberg gefundenen Reste von Steindenkmälern der mittleren Kaiserzeit waren in zweiter Verwendung in den Mauern der spätrömischen Station verbaut, vor allem in den Turm- und Torbauten des Mauerberings und in der Fundamentrollierung des Horraeums. Obwohl Fundamente weitgehend ausgeplündert sind, waren an einigen Stellen noch respektable Quader erhalten.

Die ersten alamannischen Familien siedelten sich nachweisbar um 500 n. Chr. in Ettringen und Irsingen an. Im 5. Jahrhundert kam es zu einer Schlacht zwischen den fränkischen Merowingern und den Alamannen, aus der die Merowinger siegreich hervorgingen. Um dies zu besiegeln, siedelten sie einen wohl zwangsverschleppten thüringischen Familienverband in Türkheim an. Von diesem Heim des Thüringers stammt auch der Name der Gemeinde. Die Entwicklung des Ortsnamens von "Durinc-heim" zu Türkheim lässt sich anhand von historischen Quellen nachweisen. Die erste urkundliche Erwähnung Türkheims, in einer welfischen Schenkung an das Kloster Weingarten, stammt aus dem Jahr 1090. Die heute noch sichtbaren Reste von Befestigungen am Goldberg gehören zum Großteil dem Mittelalter (ottonisch - salische Zeit) an. Diese verlief mehr an der nordwestlichen Rückseite der ehemaligen röm. Wachstation. Reste eines mittelalterlichen Adelshofes mit Eigenkirche und einem Friedhof, wurden in diesem Areal, mit div. Fundstücken aus dieser Zeitepoche belegt. Man vermutet, daß durch die Funde spätmerowingische Adelsgräber zugeordnet werden können. Geschlechts- und Alterbestimmungen der anthropologisch bestimmten Gräber machen es wahrscheinlich, daß neben dem adeligen Hofherrn und seiner Familie eine überwiegend erwachsene, männliche Gefolgschaft den Hof bewohnte. Einen weiteren Hinweis auf die soziale Stellung des Hofherrn gibt die Kirche, da Pfarrechte zu denen des Begräbnisrecht gehört, nur gewährt wurden, wenn der Kirchengründer für den Unterhalt der Geistlichen aufkam. Im frühen Mittelalter entstand auch die Herrschaft Schwabegg, zu der auch Türkheim gehörte. Diese wurden später von den Welfen an die "Waaler", danach Herren von Riedheim, tlw. Augsburg, und später an die Fürsten von Hohenzollern veräußert.

Literaturquellen/Hinweise:

• Irmgard Moosdorf-Ottinger: Die Grabung in der Poenburg; S. 22, Münchner Beiträge zur Vor und Frühgeschichte (Herausgeber Joachim Werner)
• Richard Dertsch(Hrsg.): Historisches Ortsnamenbuch von Bayern. Bayerische Akedemie der Wissenschaften. Kommission für bayerische Landesgeschichte. München 1989
• Alwine Aubele / Hartmut Gruber: 900 Jahre Türkheim 1107-2007 - Stationen der Dorfgeschichte. Zur Geschichte eines Albdorfes Band 2.

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Ausführliche Bild-/Text-Beschreibung sind zu finden auf der Lechrain-Website http://www.lechrain-geschichte.de unter der Rubrik: Historische (Fund-) Orte/regional:

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(webmaster@lechrain-geschichte.de)
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6 Kommentare
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Romi Romberg aus Berlin | 11.07.2009 | 21:10  
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Bernhard Eber aus Günzburg | 12.07.2009 | 09:12  
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Christl Fischer aus Friedberg | 12.07.2009 | 21:27  
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Erwin Fischer aus Leun | 15.07.2009 | 22:20  
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Dieter Goldmann aus Seelze | 19.07.2009 | 21:01  
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Alfred Platschka aus Igling | 17.08.2009 | 17:07  
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