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Dr. Emil Schilling (1.5.1887 - 26.4.1963) Interview mit einem Computerpionier

Tafel am Geburtshaus
 
Gleich gegenüber der kath. Stadtpfarrkirche steht das ehem. Geburtshaus von Dr. Emil Schilling
 
handgeschriebener Lebenslauf von Emil Schilling
G. Walter: Grüß Gott, Herr Dr. Emil Schilling, ich freue mich, daß Sie jetzt doch noch Zeit für mich gefunden haben.
Als Erstes möchte ich Sie fragen, wie ich Sie genau anreden soll?

Dr. Schilling: Grüß Gott, Frau Walter. Das Freuen beruht natürlich auf Gegenseitigkeit. Ich freue mich sehr, daß sich noch jemand für mich interessiert.
Sagen Sie einfach Emil zu mir. Wo ich jetzt bin, sind wir alle Brüder und Schwestern. Da zählt kein Titel.

G.Walter: Das traue ich mich jetzt doch nicht. Schließlich haben Sie es zu ihren Lebzeiten vom Regierungsrat bis zum Ministerialdirigenten und Reichsrichter im obersten Reichsfinanzhof in Berlin gebracht.

Emil S.: Ja, mein beruflicher Werdegang verlief wie am Schnürchen. Nachdem ich in Ichenhausen am 1. Mai 1893, das war übrigens an meinem 6. Geburtstag, eingeschult wurde, besuchte ich nach vier Jahren das humanistische Gymnasium in Günzburg.
1900 bin ich dann als Zögling des Königlichen Erziehungsinstitutes Albertinum nach München gekommen und besuchte dort das humanistische Ludwigs-Gymnasium. Dort machte ich 1906 mein Abitur und begann anschließend an der Ludwig-Maximilians-Universität ein Jurastudium.
1909 wechselte ich von München nach Erlangen, wo ich am 24. April 1911 zum Doktor der Rechte promoviert habe.

G.Walter: Ihre Doktorarbeit haben Sie - wohl in weiser Voraussicht - über das Patentwesen geschrieben. Das bereits 1910 erschienene 100 Seiten starke Werk geht "Über Grundlage, Wesen und Nichtigkeit des Patents".

Emil S.: Sie haben sich aber genau informiert. :))

G.Walter: Ein bisschen Vorarbeit gehört zu einem Interview. :)))
Unterbrechen Sie mich, wenn folgendes nicht stimmt:
Am 1. Weltkrieg nahmen Sie als Leutnant der Reserve teil.
1920 sind Sie schon in Berlin zu finden. Sie beginnen als Regierungsrat im Reichsfinanzministerium,
1922 sind Sie Oberregierungsrat
1924 Ministerialrat.
Im 2. Weltkrieg wurden Sie zum Ministerialdirigenten befördert.
1943 verließen Sie mit Ihrer Familie Berlin, nachdem Ihr Haus in Zehlendorf durch Bomben zerstört wurde.
Sie traten am 1. November die Stelle eines Richters beim Reichsfinanzhof in München an.
Nach Kriegsende waren Sie auch kurz in bundesdeutschen Diensten: 1949 erfolgte die Ernennung zum Richter beim Obersten Finanzgerichtshofes, dem heutigen Bundesfinanzhof.
Ihre Pensionierung kam im Jahre 1952.

Und trotzdem fanden Sie noch immer Zeit für Ihre Erfindungen?

Emil S.: Für sein Hobby nimmt man sich immer Zeit. Obwohl mir Finanzfragen auch über alles gingen. Wie z.B. meine Arbeit zur Entwicklung der Beihilfen für Beamte und Angestellte des öffentlichen Dienstes im Krankheitsfall.
Dagegen interessierte mich die Politik überhaupt nicht.

G.Walter: In Ihrem Berliner Haus haben Sie sich schnell eine Werkstatt eingerichtet und 1923, nach Beginn der ersten Rundfunksendungen, haben Sie im Ministerium einen selbst gemachten Detektorempfänger installiert. Später kamen Röhrengeräte hinzu.
Ihre Nichte erzählte vor vielen Jahren, daß Sie ein spielerisches Interesse, quasi eine Freude an originellen Gerätschaften wie Kartoffelschälmaschinen etc. und alle Augenblicke ein Patent erfunden haben.
Wie z.B. auch eine Bürste, mit der man Sofas und Polster vom Staub befreien konnte. Diese Bürste, die keine Borsten hat, sondern den Staub in schwarzen Plastikrillen fängt, haben Sie ihrer Schwester Marie in Ichenhausen verehrt.

Trotzdem sind Sie bescheiden geblieben. Ist das Ihre schwäbische Zurückhaltung?

Emil S.: Vielleicht. :))
Ja, mein Erfindungsgeist hat nie geruht. Das liegt mir vielleicht im Blut. Mein Großvater Alois Schilling (1821-1855) hat mit seinem Bruder die Lithotypie, ein der Lithographie verwandtes, heute allerdings vergessenes Druckverfahren entwickelt. Er wird damit in Meyers Konversationslexikon aus dem Jahre 1860 als Erfinder der Lithotypie erwähnt.
Mein Vater Robert Schilling, hat sich ebenfalls als Lithograph und Buchdrucker betätigt. Er hat überdies in Ichenhausen 1869/70 eine Lokalzeitung "Der Volksfreund" gegründet.
Leider starb er viel zu früh. Am 21. Oktober 1889. Da war ich erst gut zwei Jahre alt.

G.Walter: Ja, das war tragisch.
Ihre Mutter hat dann die Druckerei einige Zeit weiter geführt.

Von Dr. Ralf Bülow, einem ehem. Mitarbeiter der Forschungsabteilung des Deutschen Museums in München, habe ich erfahren, daß er bei der Durchsicht von Patenten zum Thema "Computersteuerung" auf Ihre Erfindung gestoßen ist, die Sie 1926 patentieren ließen.

Emil S.: Ich kann mich noch gut an die Patent-Beamten erinnern, wie sie mich damals empfangen haben. Patent-Beamte waren nämlich damals solchen Ideen gegenüber wenig aufgeschlossen.
Am 30.9.1926 habe ich es beim Reichspatentamt angemeldet und am 29.6.1933 wurde mir das Patent erteilt, aber leider wegen Nichtzahlung der Gebühren im Februar 1934 wieder gelöscht.
Maximal 18 Jahre hätte ich eine jährlich ansteigende Geldsumme entrichten müssen, bis die gesetzlich mögliche Schutzfrist erreicht gewesen wäre.
Irgendwie habe ich das versäumt.

G.Walter: Ja, das ist schade.
Bülow bezeichnete Sie sogar als "Computer-Prophet". Zwar sorgte Ihre Erfindung für keinerlei Sensation in der wissenschaftlichen Welt, doch Bülow sieht Ihre Leistung darin, daß Sie bereits sämtliche Befehle auf Lochkarten codiert haben wollten, so daß Ihr Rechnermodell ein höchst rationalisiertes Gerät gewesen wäre. Leider wurden Ihre Pläne nie verwirklicht.

Dr. Bülow erwähnte mir gegenüber auch folgenden seiner Gedanken, wie Sie vermutlich auf die Idee für Ihren Urzeitcomputer gekommen sind.

Waren es die automatischen Klaviere & Flügel, die mit Papierrollen spielten, auf denen Melodien gespeichert waren?
Diese Rollen trugen ja viele kleine Löcher, die mit Druckluft "gelesen" wurden.
War das der Impuls für Ihre Computeridee?
Warum lächeln Sie?
...o.k. ich würde es auch nicht verraten.

Die Firma IBM hat Ihr Patent angeschaut, aber inwieweit Ihre Ideen in die moderne Computerentwicklung eingegangen seien, ließe sich nicht mehr nachvollziehen, so Bülow.
Wie heißt Ihr Patent eigentlich genau?

Emil S.: "Steuerungsvorrichtung für Rechenmaschinen o.dgl." So habe ich meine Erfindung genannt.
Es ist ein Steuergerät, das an die Stelle eines Menschen tritt, der eine Rechen-, Schreib- oder Buchungsmaschine bedient.
Mein Automat arbeitet jedoch nicht elektronisch, sondern mechanisch-pneumatisch.

G.Walter: Vermutlich haben Sie als Erster in Deutschland eine programmgesteuerte Rechenanlage konzipiert.
Auch Bülow meint, daß Sie wie niemand vor Ihnen die Bedeutung der Software erkannt haben.
Auf Seite 1 der Patentschrift kann man lesen:
"In Verbindung mit einer normalen Schreibmaschine kann die Steuerungsmaschine als Adressmaschine oder zur Ausfertigung formularmäßiger Einzelbriefe dienen."
Vielleicht der erste Vorschlag überhaupt für Textverarbeitung!

Emil S.: Ja, das kann sein. So war der Anfang und ich staune, was sich heute alles daraus entwickelt hat.

G.Walter: Dr. Schilling, ich danke Ihnen für das interessante Gespräch.

Emil Schilling: Gern geschehen. Grüßen Sie meine alte Heimatstadt Ichenhausen.

* * * * *

Dr. Emil Schilling starb am 26. April 1964 in Starnberg, wo er auch begraben liegt.


Ich danke Herrn Dr. Ralf Bülow, Berlin, der mir bei meinen Recherchen über Dr. Emil Schilling sehr geholfen hat.
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Weiterveröffentlichungen:

myheimat-Stadtmagazin günzburger | Erschienen am 02.07.2010
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Günther Eims aus Sehnde | 06.05.2010 | 17:12  
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Detlev Müller aus Burgdorf | 06.05.2010 | 17:22  
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Bernd Sperlich aus Hannover-Bothfeld | 06.05.2010 | 17:24  
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Andrea Loidl aus Freilassing | 06.05.2010 | 17:44  
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Gabriele Walter aus Ichenhausen | 06.05.2010 | 17:48  
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Gabriele Walter aus Ichenhausen | 16.06.2010 | 12:41  
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