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Meine Tanzstundenzeit

Sieht aus wie Charleston ... (Foto: H. Stümpfel (myheimat))
 
Das könnte eine Rumba gewesen sein ... (Foto: H. Stümpfel (myheimat))
Salzburg | Früher war nicht alles besser, aber vieles sicherlich anders als heute. Zum Beispiel die Tanzstunden, um die wir Jugendliche nicht herum kamen, sobald wir die Konfirmation hinter uns hatten. Sie gehörten einfach zum Erwachsenwerden dazu. Außerdem waren sie auch praktisch, denn durch sie konnten wir Jungen unsere guten Konfirmationsanzüge noch eine Weile weiter tragen, sodass sie sich am Ende bezahlt gemacht hatten.

Von der Entfernung her hatte ich es bequem, denn die "Tanzschule Elli Koll" in Marburg lag auch in der Biegenstraße, nur wenige hundert Meter von unserer Wohnung entfernt. Ich weiß noch, wie aufgeregt ich war, als ich die steinerne Treppe empor stieg, um mich anzumelden. Frau Koll entpuppte sich als ältere Dame, die sehr gepflegt aussah und mich freundlich empfing. Ich verlor auch bald meine anfängliche Scheu und plauderte mit ihr noch eine Weile, nachdem die notwendigen Formalitäten erledigt waren. Beim Aufstehen bemerkte ich, dass ich die ganze Zeit auf einem Rückenkissen gesessen hatte. Elli Koll schien das aber nicht sonderlich gestört zu haben.

Die erste Tanzstunde begann mit der Vorstellung aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Jeder, der aufgerufen wurde, machte ein paar Schritte nach vorn und begrüßte die gegenüber stehende Seite, die Mädchen mit einem artigen Knicks und die Jungen mit einer Verbeugung nach einem kurzen "side step". Bei dieser Gelegenheit bekam man auch schon einen ersten Eindruck von der Attraktivität der anderen Tänzerinnen und Tänzer. Soweit ich mich erinnere, war in dieser Hinsicht unsere Gruppe gut gemischt: Manche waren schon sehr attraktiv und manche waren erst auf dem Weg dorthin, weil das eine oder andere Pubertätspickel im Gesicht noch störte oder sich die Haare noch einer gefälligen Frisur widersetzten.

Gleich vor dem ersten Tanz ging das Gerenne bei uns Jungen schon los: Nur wer schnell genug war, konnte seine Herzdame ergattern. Die Langsameren oder die, sich sich wegdrängen ließen, mussten sich mit den Mädchen begnügen, die stehen geblieben waren. Diese jungen Damen bekamen zum ersten Mal zu spüren, was es heißt, ein "Mauerblümchen" zu sein. Entsprechend verlegen waren sie dann auch, wenn sie schließlich auch einen Tanzpartner fanden, einen schüchternen noch dazu.

Erster Tanz ein Walzer! Mit ihrer nur unwesentlich jüngeren Schwester brachte uns Elli Koll zunächst die Grundschritte bei, wobei sie deutlich mitzählte: "Eins, zwei, drei, eins, zwei, drei und schön drehen und drehen!" Ihre Stimmstärke war dabei so gewählt, dass sie die Walzermusik aus dem Trichter eines altertümlichen Grammophons jeder Zeit übertönte. Nach dieser Einführung waren dann wir Jungtänzer dran: Kurze Verbeugung, linke Hand nach oben, rechte Hand unter die Schulter der Tanzpartnerin und dann "Eins, zwei, drei, eins, zwei, drei und drehen dabei und drehen!" Schon nach kurzer Zeit waren erste unterdrückte Schmerzensschreie von Tänzerinnen zu hören, entweder wegen eines "Draufsteigers" des Tanzpartners oder eines "Remplers" mit einem anderen Pärchen. Auch konnte man immer wieder Pärchen beobachten, die sich neu aufstellen mussten, weil sie aus dem Takt gekommen waren oder vor lauter Zählen das Tanzen vergessen hatten.

Zur Abwechslung wurde gleich am ersten Abend auch ein kleiner "Benimm-Kurs" von den Koll-Schwestern abgehalten: Wie fordert man eine Dame zum Tanzen auf! Wie geleitet man eine Dame von der Tanzfläche? Wie nimmt man richtig Platz? Gerade beim letzten Aspekt erkannte ich mit aller Deutlichkeit mein ungebührliches Verhalten bei meiner Anmeldung. Leichte Röte stieg mir ins Gesicht, obwohl Frau Koll bei ihren Erläuterungen den Blickkontakt mit mir nicht gesucht hatte.

Dann Walzerübungen bis zum Ende des ersten Abends, mit wechselnden Tanzpartnerinnen. Glück hatten die, die beim letzten Tanz ein fesches Mädel im Arm hielten, denn Elli Kolls Stimme verkündete unüberhörbar: "Die Herren bringen nun ihre letzte Tanzpartnerin nach Hause!" Ich hatte etwas Pech: Meine letzte Tanzpartnerin war eine wenig ansehliche Streberin aus meiner Schule! Nur gut, dass sie gleich um die Ecke wohnte und mir dadurch einen längeren Heimweg ersparte.Ich weiß nicht mehr, wie viele Tanzstunden es waren, die wir jungen Leute zu absolvieren hatten. Es müssen so um die acht Doppelstunden gewesen sein. Was die Tänze anging, so waren es die Gesellschaftstänze, die zu jener Zeit üblich waren: Wiener Walzer, Langsamer Walzer, Foxtrott, Slow Fox, Rumba, Cha-Cha-Cha, Tango. Ich erinnere mich daran, dass wir auch noch eine Quadrille gelernt haben, einen klassischen Tanz, der heute nur noch bei hochoffiziellen Anlässen wie dem Wiener Opernball zu sehen ist. Schön ist er immer noch, aber er ist schon seit Jahrzehnten nicht mehr Mode.

Zu meiner Tanzstundenzeit waren auch Samstagspartys sehr beliebt. Pärchen, die sich sympathisch fanden, luden sich gegenseitig dazu ein. "Gestriegelt und gebügelt" war man da als Tanzschüler pünktlich zur Stelle und übergab der Gastgeberin artig einen Strauß Blumen mit einem Dankeschön für die Einladung. Dann wurde getanzt und geübt gerade so, wie vorher gelernt bei Elli Koll. Zwischendurch wurden auch ein paar Häppchen gereicht von den gastgebenden Eltern, die sich ansonsten dezent im Hintergrund hielten. In die richtige Tanzstimmung versetzte uns in der Regel ein Bowle, mal mit Erdbeer-, mal mit Pfirsich- und mal mit Ananas-Geschmack. Knabberzeug gab es auch reichlich. Und gequalmt haben wir auch schon: Juno, Overstolz, Zuban oder sogar "Selbstgedrehte".

Erster gemeinsamer Auftritt in der Öffentlichkeit war das "Mittelkränzchen", was Elli Koll immer gerne in die Villa einer Studentenverbindung am Rotenberg in Marburg verlegte. Vielleicht kostete sie das keine Saalmiete, weil sie dort einmal Couleurdame gewesen war. Wenn ich mich richtige erinnere, fand dieser Tanzabend noch ohne Elternbeteiligung statt, aber schon mit einer richtigen kleinen Kapelle. Wir wurden voll gefordert, denn nun wurden alle bisherigen Tänze an einem Abend abverlangt. Doch das größte Tanzereignis stand uns noch bevor: der Abschlussball.

Der Abschlussball, jenes gesellschaftliche Großereignis unserer Tanzstundenzeit, fand im Hotel "Berggarten" bei Marburg statt. Natürlich waren wir Tanzschüler toll heraus geputzt. Alle glänzten "vom Scheitel bis zur Sohle". Ich glaube, es war auch das erste Mal, dass ich mich rasiert und das Aftershave meines Vaters (Tabac) benutzt hatte. Unsere Tanzpartnerinnen waren auch festlich gekleidet und trugen ein leichtes Make-Up, bei dem sicherlich die Mutter noch etwas mitgeholfen hatte. Unter ihren weiten und taillenbetonten Röcken trugen die Mädels bauschige Petticoats, die zu jener Zeit sehr in Mode waren. Viele hatten ihre Haare zu Pferdeschwänzen gebunden, was uns Jungen besonders gut gefiel.

Eine Drei-Mann-Kapelle spielte auf und alle erhoben sich, Tanzschüler wie Eltern, zu einer Polonaise, um in Schwung zu kommen. Und wie alle Polonaisen endete auch unser "Stimmungsmacher" mit einem Walzer. Die Pause danach verbrachten wir Tanzschüler damit, um unsere "Tanzkärtchen" zu vervollständigen: Welcher Dame gehört welcher Tanz? Da konnte es also kaum Verwechslungen geben und sichergestellt war auch, dass kaum eine Dame beim Tanzen sitzen blieb. Bei "Damenwahl" jedoch waren alle Jungtänzerinnen unterwegs, um sich einen Herzbuben zu suchen. Jede wusste nämlich ganz genau, dass kein Jungtänzer es wagen würde, im Beisein Elli Kolls einer Dame einen Korb zu geben wegen der "Etiquette" ...

Natürlich lockerten diesen Tanzabend auch schon Zwischenspiele auf, kleine Einlagen zur Erheiterung der Festgesellschaft. Ich weiß nicht, was mich dazu getrieben hatte, mich auch zu melden, um als "Pfarrer" eine "Bergpredigt" zu halten. Den Text kannte ich gut und hatte ihn schon oft genug zu Hause vor dem Spiegel geübt. Als ich angekündigt wurde, erschien ich mit umgedrehtem Jackett und nach vorne gekämmten Haaren am Rande der Tanzfläche und begann in der Manier eines Pfarrers zu predigen: "Liebe Gemeinde! Es gibt große Berge. Es gibt größere Berge und, so Gott will, ganz ganz große Berge." Und so ging es dahin bis zum Höhepunkt meiner "Bergpredigt", der Schlussfrage: "Wenn nun ein ganz ganz großer Mensch von einem ganz ganz hohen Berg einen ganz ganz großen Stein in einen ganz ganz großen See wirft - ob es dann plumpst?"

Mein Vortrag muss beim Publikum wohl gut angekommen sein, denn Elli Koll kam anschließend auf mich zugeeilt und gratulierte mir: "Herr Haack, toll! Das hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut, so allein vor so vielen Leuten!" Natürlich fühlte ich mich sehr geehrt und genoss auch die anerkennenden Worte meiner ganzen Tischgesellschaft. Einziger Wermutstropfen war allerdings der weite Heimweg am Ende des Abschlussballs, denn diesmal hatte ich nicht die Partnerin vom ersten Tanzabend an meiner Seite, sondern eine viel hübschere. Aber die wohnte dafür am anderen Ende der Stadt ...
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25 Kommentare
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Friederike Haack aus Marburg | 09.02.2009 | 00:11  
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Karl-Heinz Töpfer aus Marburg | 09.02.2009 | 09:55  
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Axel Haack aus Freilassing | 09.02.2009 | 10:27  
23.851
Karl-Heinz Töpfer aus Marburg | 09.02.2009 | 10:31  
73.652
Axel Haack aus Freilassing | 10.02.2009 | 20:30  
23.851
Karl-Heinz Töpfer aus Marburg | 10.02.2009 | 22:41  
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Nicole Henshke aus Marburg | 13.02.2009 | 15:59  
18.230
Friederike Haack aus Marburg | 13.02.2009 | 19:08  
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Udo Spindler aus Ebsdorfergrund | 14.02.2009 | 10:42  
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Karl-Heinz Töpfer aus Marburg | 14.02.2009 | 10:58  
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Axel Haack aus Freilassing | 15.02.2009 | 05:05  
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Udo Spindler aus Ebsdorfergrund | 15.02.2009 | 20:40  
73.652
Axel Haack aus Freilassing | 15.02.2009 | 21:49  
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Udo Spindler aus Ebsdorfergrund | 16.02.2009 | 11:45  
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Axel Haack aus Freilassing | 16.02.2009 | 14:11  
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Friederike Haack aus Marburg | 16.02.2009 | 17:53  
18.854
Karl-Heinz Mücke aus Pattensen | 06.05.2009 | 12:31  
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Axel Haack aus Freilassing | 06.05.2009 | 13:42  
18.854
Karl-Heinz Mücke aus Pattensen | 06.05.2009 | 15:41  
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Axel Haack aus Freilassing | 06.05.2009 | 17:12  
18.854
Karl-Heinz Mücke aus Pattensen | 06.05.2009 | 17:21  
73.652
Axel Haack aus Freilassing | 06.05.2009 | 17:24  
18.854
Karl-Heinz Mücke aus Pattensen | 07.05.2009 | 17:37  
73.652
Axel Haack aus Freilassing | 07.05.2009 | 19:46  
18.854
Karl-Heinz Mücke aus Pattensen | 07.05.2009 | 23:07  
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