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Rettungsdienst-Ausbildung: Notfall im Supermarkt und im Bunker

Nach erfolgreicher Behandlung mitten im Supermarkt ist die „Patientin“ transportbereit
 
Der Bunker in Wald bei Lippoldsberg
Hofgeismar. Seit letztem Jahr bietet das Deutsche Rote Kreuz (DRK) in Hofgeismar den Auszubildenden im Rettungsdienst eine Besonderheit an: in aufwendigen und sehr realitätsnahen Fallbeispielen haben die Auszubildenden die Möglichkeit von rettungsdienstlichen Standardsituationen über ausgefallene und seltene Notfallbilder auch besondere Einsatzsituationen kennen zu lernen und zu meistern.
Die Fallbeispiele finden in der Regel einmal im Monat im Bereich der Rettungswache Gieselwerder statt. Im Juni stand die praktische Ausbildung unter dem Thema Unterzuckerung und Zusammenarbeit mit der Feuerwehr.
Der erste „Einsatz“ führte die beiden Auszubildenden in den Supermarkt nach Gieselwerder. Dort fanden sie eine Frau vor, die nach Angaben des Personals plötzlich bewusstlos zusammengebrochen war. Nachdem sie die Frau als Erstmaßnahme in die Seitenlage gebracht hatten um so die Atmung sicher zu stellen, konnten sie nach kurzem suchen die Ursache der Bewusstlosigkeit finden: eine akute Unterzuckerung. Nach der Gabe von Glukose direkt in eine Vene wachte die „Patientin“ auch wieder auf und konnte in den Rettungswagen gebracht werden. Damit hatten die beiden Auszubildenden ihre erste Aufgabe problemlos gelöst.
Das anschließend folgende zweite Fallbeispiel forderte die angehenden Rettungsassistentinnen aber etwas mehr: in einem mitten im Wald bei Lippoldsberg liegendem und nach dem zweiten Weltkrieg gesprengten, teilweise eingestürztem Bunker war ein Geo-Cacher rund zwei Meter tief gestürzt und hatte sich dabei schwer verletzt. Seine Töchter alarmierten daraufhin den Rettungsdienst und liefen an den Waldrand um die Einsatzkräfte einzuweisen. Das erste Problem für die die DRK-Auszubildenden war der nicht befahrbare Rückeweg zum Bunker, so dass sie ihre Ausrüstung rund einen halben Kilometer zum eigentlichen Einsatzort tragen mussten. Dort angekommen, mussten sie sich entscheiden, ob sie den teilweise eingestürzten Bunker ohne sich selbst zu gefährden betreten konnten. Auf Grund der von außen zu erkennenden schweren strukturellen Schäden entschieden sie sich, die Feuerwehr zur Hilfe hinzuzuziehen und forderten bei der Rettungsleitstelle Unterstützung an.
Darauf folgte schwere und lange Minuten für die Rettungsassisten-Praktikantinnen des DRK: sie waren bis zum Eintreffen der Feuerwehr zum Nichtstun vor dem Bunker verdammt, eine Situation die auch Profis an den Nerven zehrt, wenn man weiß das ein Mensch in Not ist.
Nach ihrem Eintreffen erkundete die Feuerwehr zunächst den Bunker und stellte fest, dass von keiner akuten Einsturzgefahr auszugehen war. Daraufhin konnte auch der Rettungsdienst den Bunker betreten und die Untersuchung und Behandlung des „Patienten“ beginnen. Dabei zeigte sich, dass sie ohne die Hilfe der Feuerwehr gar nicht hätten zum Verletzten vordringen können: um den Absatz im Bunker hinunterzugelangen über den der Patient gestürzt war, benötigten die angehenden Retter auf jeden Fall eine Leiter.
Nach dem die DRK-Azubis nun endlich beim Patienten waren, stellte sich nach der ersten Untersuchung heraus, dass er sich etliche Knochen gebrochen hatte. Sie lagerten den „Patienten“ zunächst auf ein sogenanntes „Spineboard“ (ein hartes Kunststoffbrett, das unter anderem bei dem Verdacht auf Wirbelsäulenverletzungen angewendet wird) und dann in eine Schleifkorbtrage der Feuerwehr zum sicheren Transport. Anschließend war Muskelkraft gefragt um den vermeintlich Verletzten erst über den Absatz im Bunker, dann aus dem Bunker hinaus und anschließend durch das unwegsame Waldgelände bis zum Rettungswagen zu transportieren. Alleine durch den Patiententransport waren mehr als ein dutzend Einsatzkräfte gebunden.
Für die beteiligten Feuerwehren aus Lippoldsberg und Vernawahlshausen handelte es sich um eine nicht angekündigte Alarmübung. Da auch die Feuerwehr mit ihren Fahrzeugen nur bis zum Waldrand fahren konnte, mussten sie genau wie der Rettungsdienst ihre gesamte Ausrüstung (unter anderem Scheinwerfer, Notstromerzeuger, Steckleitern, Leinen und Schleifkorbtrage) durch das Unterholz bis zum Bunker tragen, was durch das schwül-warme Wetter und die dicke Schutzausrüstung eine schweißtreibende Herausforderung war. Auch für die Feuerwehr war die Übung sehr aufschlussreich, da sie bislang auch noch nie mit dem Rettungsdienst zusammen an den Bunkeranlagen im Lippoldsberger Wald geübt hatten.

Hintergrund
Bunkeranlage Lippoldsberg
Dort wo heute das Reha-Zentrum Lippoldsberg ist, war im zweiten Weltkrieg eine Munitionsfabrik. Zu der Fabrik gehörten unter anderem auch drei Methanol-Tanks, die verbunkert waren. Diese drei Tanks wurden durch die Alliierten in der Nachkriegszeit demontiert und die Bunker gesprengt. Dabei wurden die Bunker zwar strukturell so stark geschädigt, dass sie als Bunker unbrauchbar waren. Allerdings sind die Bunker nicht komplett eingestürzt und bis heute begehbar. Die Bunker werden heute gerne von Geo-Cachern benutzt.
Ausbildung im Rettungsdienst
Der Rettungsassistent ist ein zweijähriger Ausbildungsberuf. Das erste Ausbildungsjahr ist schulisch und endet mit einem Staatsexamen. Im zweiten Jahr steht die Praxis im Mittelpunkt, deswegen findet dieser Teil auch auf anerkannten Lehrrettungswachen statt. Am Ende der Ausbildung steht ein Abschlussgespräch.
In absehbarer zeit wird diese Ausbildung jedoch reformiert. Zurzeit wird ein Referentenentwurf über das Gesetz zum Notfallsanitäter des Bundesgesundheitsministeriums diskutiert, der noch in dieser Legislaturperiode verabschiedet werden soll. Dann wird die Ausbildung auf drei Jahre verlängert und der Notfallsanitäter wird die höchste Qualifikation im nichtärztlichen Rettungsdienst sein.
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