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Eine Reise in das politische Zentrum Europas

Das Parlament
 
Im Atomium
 
Vor der Landesvertretung
Ein Bericht von Dietmar Berndt:

Es war keine „Reise zum Mittelpunkt der Erde“, aber den Zeitgenossen Jules Verne’s wäre eine solche Fahrt ohne Zollschranken und Grenzhindernisse ins Zentrum eines vereinigten Europas damals wohl ebenso als eine unerreichbare Utopie erschienen. Dass diese Utopie Wirklichkeit geworden ist, verdanken wir einigen großen europäischen Visionären und der Einsicht vieler, dass Verständigung und Zusammenarbeit das einzige Mittel gegen nationalen Egoismus und Vormachtstreben bilden.
Zu sehen und selbst zu erleben, wie dieses neue Europa sich heute in seiner Hauptstadt Brüssel darstellt, war das vorrangige Ziel einer Reise, die der Hemminger Heimatbund organisiert hat und die vom 6. bis 9. Oktober stattfand.
Entsprechend anspruchsvoll war das Besuchsprogramm. Gleich nach der Ankunft im Hotel stand der Bus wieder bereit zur Fahrt zum Europäischen Parlament, einem der eindrucksvollsten modernen Bauten im architektonisch so reichen Brüssel. Hier traf sich die Gruppe mit Herrn Burkhard Balz, Parlamentarier der „Europäischen Volkspartei“ (Christliche Demokraten), der über seine Arbeit im Parlament und dem so wichtigen „Ausschuss für Wirtschaft und Währung“ berichtete. In einer anschließenden Aussprache konnten die Besucher ihre persönlichen Fragen zu Themen wie die Osterweiterung, Kriterien der Lastenverteilung, Einflussmöglichkeiten der Bürger auf die EU-Politik und seine eigenen Möglichkeiten der „Erdung“, d.h. der Kontakte zu seinem Wahlbezirk und seiner Wählerschaft stellen. Die Gefahr, dass die Abgeordneten in ihren Entscheidungen von den in Brüssel zu Tausenden vertretenen Lobbyisten beeinflusst würden, sieht Herr Balz nicht.
Nach dieser Begegnung stand ein Besuch des Plenarsaals auf dem Programm. Von der Besuchertribüne bot sich ein eindrucksvoller Blick in den weiten Raum, wo gerade Sprecherinnen und Sprecher der einzelnen Parteien ihre Stellungnahmen zum Thema des Umwelt- und Artenschutzes abgaben.
Auch der folgende Tag war ganz von der Politik geprägt. In der Vertretung des Landes Niedersachsen hatten wir ein Gespräch mit dem Abgeordneten der „Progressiven Allianz der Sozialisten und Demokraten“, Herrn Bernd Lange, der uns ebenfalls die Bedeutung der Arbeit im Parlament und seinen vielfältigen Ausschüssen vor Augen führte. Die Palette der Themen reicht von der Verhandlung von Außenhandelsbedingungen über die Regelung der Ausschreibungspraxis und Auftragsvergabe in Europa bis hin zu den Kreditvergabe-richtlinien für Klein- und Mittelbetriebe.
Einig waren sich beide Abgeordnete, dass der Reiseaufwand der Parlamentarier zwischen Straßburg, Brüssel und ihren Heimatorten viel von Ihrer Zeit und Kraft in Anspruch nimmt.
Eine Verdichtung der Plenumstermine und die Aufgabe desParlaments-Standorts Straßburg wären eine Lösung, der aber viele Organisationsschwierigkeiten und auch Teilinteressen entgegen stehen. Als sehr positiv wird ebenso von beiden Abgeordneten der unverkrampfte und von dem üblichen Parteiengezänk unberührte Umgang der Parlamentarier miteinander empfunden, sei es im Plenum oder den Ausschüssen. In der Fragerunde wurden spezielle Probleme wie die Subventionierung von regionalen Projekten wie z.B. Hochwasserschutzmaßnahmen ebenso angesprochen wie die Konflikte mit der zunehmenden Zahl von Europaskeptikern und nationalistischen Gruppierungen im Parlament, die eine echte Integration ablehnen und die Ziele der EU oft zu torpedieren versuchen.
Frau Leonor Wiesner von der Generaldirektion Bildung und Kultur sprach zu uns über das schwierige Ziel der Europäischen Kulturpolitik, eine Europäische kulturelle Identität herzustellen, ohne die Vielfalt der nationalen und regionalen Traditionen aus den Augen zu verlieren. Die 2007 eingeführte Europäische Kulturagenda verfolgt dieses Ziel auch unter dem Gesichtspunkt, dass die kulturelle Identität die eigentliche tragende Basis für ein politisches und wirtschaftliches Zusammenwachsen ist.
Der politische Teil unseres Programms fand seinen Abschluss mit der Begegnung mit Frau Gesine Meißner (Allianz der Liberalen und Demokraten), die selbst enge persönliche Beziehung zu Hemmingen hat. Trotz ihres engen Terminplans konnte sie uns ein eindrucksvolles Bild von der Vielfalt ihrer Aufgaben in den unterschiedlichsten Ausschüssen geben. Ihr Engagement reicht von der Sozial- und Arbeitspolitik über den Arbeitskreis Menschenrechte bis zur Entwicklung der Zusammenarbeit mit Südamerika. Sie berichtete auch von ihrer Hauptaufgabe als Koordinatorin des Ausschusses für Transport und Tourismus.
Alle Gesprächspartner betonten die Bedeutung von Bürgerkontakten und –besuchen wie dem unsrigen und zeigten sich offensichtlich beeindruckt von der Vielzahl qualifizierter Fragen und Anregungen aus unserem Kreise.
Danach ging es mit dem Bus zum ehemaligen Gelände der Weltausstellung 1958, wo heute in einer weiten Parklandschaft das Wahrzeichen dieser „Expo“, das Atomium zu bestaunen ist. Dieses riesenhafte Modell eines Eisenatoms im Maßstab 1: 18.000.000.000 enthält in 4 der 9 Edelstahlgloben ein Restaurant und mehrere Ausstellungen, die mit dem Fahrstuhl und Rolltreppen zu erreichen sind. Von oben bot sich ein weiter Blick über die Hauptstadt und ihre Umgebung.
Der anschließende Rundgang durch das historische Brüssel bot uns dann völlig andere Eindrücke einer quicklebendigen Metropole mit ihrem bunten Gemisch von Menschen aus aller Herren Länder. Höhepunkt der einmalig schönen und gut erhaltenen Stadtarchitektur war für uns alle das Geviert des „Grote Markt“, ein harmonisches Ensemble wunderbarer alter Bauten wie das gotischen Rathaus und das gegenüber liegenden Stadtmuseum, flankiert und ergänzt von ebenso prächtigen Gebäuden aus anderen Stilepochen. Besonders beeindruckend erschien das alles natürlich in der zauberhaften nächtlichen Beleuchtung, die wir nach dem Besuch unseres Speiselokals bewundern konnten.
Brüssel wird auch die Hauptstadt des Jugendstils (Art Noveau) genannt. Architekten wie Victor Horta, einer der Mitbegründer dieser Architektur- und Kunstrichtung, lebten und wirkten hier. Von seinen Bauten, und denen seiner Mitstreiter, ist noch eine ganze Anzahl erhalten. Das eindrucksvollste ist sein eigenes Wohnhaus, ein Gesamtkunstwerk, das heute als Horta-Museum zu besichtigen ist.
Das fünftgrößte Sakralgebäude der Welt, die Basilika zum Heiligen Herzen, liegt weithin sichtbar auf einer Anhöhe. Sie ist im Stil des „Art Déco“ erbaut und wurde nach langer Bauzeit erst 1955 von Pabst Pius XII geweiht. Uns beeindruckten die riesigen Ausmaße des Kuppelbaus in seiner einheitlichen stilistischen Gestaltung und – ebenfalls – der Blick vom Dach der Kuppel auf Brüssel im Sonnenschein.
Das Königliche Kunstmuseum mit seinen Schätzen vom Mittelalter bis zur Neuzeit war dann der Höhepunkt des Tages. Bilder von Lucas Cranach, Pieter Bruegel und Rembrandt zogen natürlich die besondere Aufmerksamkeit auf sich. Beeindruckt von diesen Glanzlichtern europäischer Malerei wanderten wir danach vom Hügel des „Kunstbergs“, flankiert von repräsentativen Museumsbauten die breiten Stufen hinunter zur Innenstadt. Ein prächtiger Anblick im Licht der späten Nachmittagssonne!
Am Samstag, dem Tag der Heimreise, wurde noch eine kleine Schokoladenmanufaktur besichtigt. Neben den Brüsseler Spitzen sind ja auch seine Pralinen „Spitze“. Nachdem sich zwei unserer Teilnehmer als Pralinenfüller erprobt hatten, bot sich die Gelegenheit, von den Produkten des Hauses zu kaufen.
Die Rückreise führte uns dann durch den Scheldetunnel und entlang der Deiche und gigantischen Sperrwerke, die die Niederlande vor einer ähnlichen Katastrophe wie 1953 bewahren sollen
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Weiterveröffentlichungen:

Unser "Plus" kennzeichnet alle Beiträge, die durch den Abdruck bei unseren Partnerverlagen noch mehr Aufmerksamkeit bekommen.Leine-Nachrichten | Erschienen am 06.11.2010
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