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Wir haben es satt – Demo in Berlin am 21. Januar 2017

  Wie jedes Jahr seit 2010 haben auch dieses Jahr wieder viele Verbände, Vereine und Organisationen zu einer Protestkundgebung gegen die Agrarindustrie und für eine bäuerliche Landwirtschaft aufgerufen. Zwischen 10.000 (Polizeiangaben) und 18000 (Zählung des Veranstalters) Menschen jeden Alters sind diesem Ruf gefolgt und haben der Gegenveranstaltung zur „Grünen Woche“ wieder reichlich Zulauf beschert.
Wir sind gegen 05:45 Uhr bei -11 Grad Celsius in den leider nicht voll besetzten Bus gestiegen und kurz nach 11:30Uhr bei +4 Grad in Berlin, Nähe Potsdamer Platz, ausgestiegen. Eindecken mit Bannern und Trillerpfeifen und dann ab ins Getümmel. Vorbei an ca. 130 Traktoren, begaben wir uns zu der Auftaktkundgebung am Potsdamer Platz. Nach der Einstimmung mit einigen Reden warteten viele der Teilnehmer darauf, dass sich der Demonstrationszug endlich in Bewegung setzte, beginnend mit der Traktorparade. Eindrucksvoll. Laut Auskunft der Veranstalter hatte der weitest entfernte Traktorfahrer einen Anreiseweg von ca. 600 km.

Der Potsdamer Platz füllte sich zusehends mit Menschen unterschiedlichster Coleur, die für gemeinsame Ziele eintreten:
- Für eine Agrarwende (Stärkung der bäuerlichen Landwirtschaft, gegen die Agrarindustrie) mit Änderung der Agrarsubventionen.
- Vor allem kleine und mittlere Bauernhöfe erhalten und fördern.
- Für gesundes Essen und artgerechte Tierhaltung (Reduzierung von Antibiotikaeinsatz; Tierschutzgesetz besser einhalten)
- Wasser und Klima schonen (Überdüngung stoppen; Obergrenzen für Viehbestand und Tierzahl an Fläche binden)
- Artenvielfalt erhalten und Bienensterben stoppen (Pestizideinsatz massiv reduzieren; keine Agro-Gentechnik)
- Konzernübermacht beschränken (Verhinderung diverser Freihandelsabkommen, z.B. TTIP, CETA, EPAs; Kennzeichnungspflicht für Tierhaltung und Lebensmittel)
- Mehr globale Gerechtigkeit (Agrarexporte reduzieren; weltweit bäuerlich regionale, ökologische Erzeugung stärken)
- Faire Preise (Keine Überschussproduktion, heimisches Tierfutter)

Der Demonstrationszug setzte sich nun langsam und stockend in Bewegung. Begleitet von diversen Trommler- und Rhythmusgruppen, begaben sich die Mitstreiter auf den Weg. Kreative Kostüme und Masken prägten den Zug ebenso wie viel gute Laune und Tanzen. Menschen unterschiedlichen Alters, unterschiedlichen Geschlechts, unterschiedliche Hautfarbe, unterschiedlicher Konfession und Glaubensrichtung setzten sich friedvoll für eine natürlichere Landwirtschaft ein.
Im Laufe des Tages ergaben sich so manche Gespräche mit den verschiedensten Menschen. Eine Bäuerin aus dem Chiemgau erzählte mir, dass sie ihren Hof momentan auf solidarische Landwirtschaft umstellen wollen. Leider fehlen momentan noch einige Anteilseigner.
Solidarische Landwirtschaft: Der Landwirt gibt gegen einen monatlichen Beitrag Anteile an seine Kunden heraus. Die Gemeinschaft der Kunden beschließen, was angebaut werden soll. Der Landwirt baut auf seinen Feldern diese Pflanzen an. Die Anteilseigner bekommen dafür in bestimmten Abständen eine Lieferung der erzeugten Produkte. Wetterabhängige Risiken tragen Landwirt und Anteilseigner gemeinsam. Vorteil Anteilsnehmer: Feststehende Lieferung erzeugter Produkte. Vorteil Landwirt: Planungssicherheit.
Gegen 15 Uhr kam die Spitze des Zuges am Platz der Abschlusskundgebung an, direkt vor dem Brandenburger Tor, das eine sehenswerte Kulisse bildete. Es folgten noch einige Redebeiträge und ein Konzert. An diversen Ständen konnte man sich über verschiedene Organisationen und Projekte informieren. Die längsten Menschenschlangen bildeten sich jedoch bei den Essensständen. Bei diesem nasskalten Wetter wollten viele wärmendes Essen vor Ort.
Dieses Jahr begab ich mich zum ersten Mal zur Heinrich-Böll-Stiftung, 15 min Fußweg vom Brandenburger Tor entfernt. Der Supp'n Talk ist schon seit Jahren Bestandteil der „Wir haben es satt“-Demo. Gegen eine Spende gab es einen wärmenden veganen Eintopf. Eine Frau aus Berlin und ein Ehepaar vom Bodensee leisteten mir an Tisch Gesellschaft und Gesprächsstoff war natürlich reichlich vorhanden. Die Frau ist momentan arbeitslos und hat ob ihres Alters (sicherlich annähernd 50) kaum noch Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Es gelingt ihr trotzdem, sich überwiegend „Bio“ zu ernähren. Das Ehepaar vom Bodensee war fast 12 Stunden im Bus gesessen, war rechtzeitig zur Demo angekommen, übernachtet dann in Berlin und fährt sonntags mit dem Bus zurück.
Unglaublich, wie viele Strapazen Menschen auf sich nehmen, um für ihre Meinung und Überzeugung einzustehen und sich einzusetzen.
Gegen 16:30 Uhr war Abfahrt aus Berlin. Eine lange Heimfahrt begann. Während der Fahrt stellten 2 Mitfahrer/innen ihre Alternativen zu der herkömmlichen Landwirtschaft vor. Eine Frau berichtete von solidarischer Landwirtschaft in Nürnberg und Umgebung mit 5 Bauernhöfen. Ein weitere Mitfahrer lebt seit 5 Jahren ein anderes Model. Er hat Fläche von der Stadt Nürnberg gepachtet und in Parzellen aufgeteilt. Diese Parzellen vermietet (einmaliger Jahresbeitrag) er saisonal an Garten-Interessierte. Er düngt und liefert den Boden, das Saatgut und das Wasser. Die Parzelle ist von den jeweiligen Mietern eigenständig zu bearbeiten und abzuernten.
Kurz nach 22 Uhr erreichten wir Nürnberg und gegen 23 Uhr war ich zuhause. Ein erlebnis- und lehrreicher Tag neigte sich dem Ende entgegen. Ein Tag voller Innovation, Kreativität, Leben und positiver Energie. Nächstes Jahr wieder, wenn es heißt: „Wir haben es satt“
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2 Kommentare
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 23.01.2017 | 01:14  
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Karl-Heinz Wulf aus Garbsen | 23.01.2017 | 04:37  
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