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Zappen durch 300 Jahre Musikgeschichte

Wann? 08.05.2010 20:00 Uhr

Wo? Rittersaal des Schlosses, Haunsheim DEauf Karte anzeigen
Temperamentvolle künstlerische Meisterschaft boten die Basler Giovanni Reber (Violine) und Michael Giertz beim begeistert aufgenommenen Konzert im Rittersaal von Schloss Haunsheim
Haunsheim: Rittersaal des Schlosses | Kompliment an das Kulturmanagement des Schlosses, Dank an die Trägerschaft des Fördervereins: mit der Verpflichtung von "Les Papillons" ist den Verantwortlichen ein Volltreffer gelungen. Zum ersten Mal traten die Stars der europäischen musikalischen Kleinkunstszene in Bayern auf, Haunsheim macht's möglich! Von Berlin kommend gastierten Giovanni Reber (Violine) und Michael Giertz (Klavier) am vergangenen Samstagabend im sehr gut besuchten Rittersaal des Schlosses. Im Stil eines Klaviervirtuosen alter Schule "bearbeitete" der eine den weit geöffneten Feurich-Flügel, Paganini gleich verzauberte und elektrisierte gleichermaßen der andere mit seiner Geige die entzückten Besucher. Nie zuvor so Gehörtes ereignete sich bei traumhaft sicherem Zusammenspiel, oft im Gegensatz zur vornehmen Attitüde der Protagonisten in Frack, weißem Hemd mit Manschettenknöpfen und Kummerbund. Klar, alles wurde auswendig vorgetragen, in viertelstündigen Musizierblöcken, wie hätte der Steh-Geiger sonst auch eine Emotionen ausleben können! Denn Gestik, Mimik, körperliches Beweglichkeit, Platzwechsel beschrieben die jeweiligen Musikstile, in der Giovanni Reber mit einer verblüffenden Gelassenheit und Selbstverständlichkeit eintauchte. Sein exzessives Spiel zeigte alle geigerischen Möglichkeiten auf: Doppelgriffe, Arpeggien, Pizzikati, Dämpfer gestützte Lyrismen, Echowirkungen, Imitationen und - Sirenengeheul, so lange, bis der Bogen die ersten Haare verlor. Abseits stehen, in die Knie gehen, den Flügel umschwirren, am Klavier mit einer Hand mitmischen und sich um die eigene Achse drehen machten den Auftritt zur Show. Dabei passte sich Giovanni Reber sofort den neuen musikalischen Herausforderungen an, verlor nie den Zusammenhang, im Gegenteil er bestimmte und beförderte ihn. Seine technischen Voraussetzungen sind frappierend, sie garantierten die adäquate Umsetzungen vor allem in den improvisatorischen Passagen.

Eigentlich war alles streng strukturierte Improvisation. Michael Giertz am Flügel sorgte dafür, dass sich der Streifzug durch die Musikgeschichte nicht wie ein Medley zusammen gehörender Melodien anfühlte. Gerade Umgekehrtes hatte er im Sinn, als er Gegensätzliches verquickte und hier erstaunliche Wendungen produzierte. Mit seinem Kollegen spielte er mit der Wiedererkennung berühmter Themen und zelebrierte so ein Wechselbad der Gefühle. Kaum hatte man sich an ein liebliches Ave Maria gewöhnt, funkte ein Beethovenscher Götterfunke oder das Schicksalsmotiv aus der Fünften dazwischen, Lohengrins "Treulich geführt" verwob sich mit Edith Piafs "Non, je ne regrette rien", die Marseillaise trat in Gegensatz zu Meckie Messer, während sich der Trauermarsch von Chopin mit Kalinka auseinandersetzte, dem "Stranger in the night" das Deutschlandlied in die Quere kam, Orffs "O fortuna" mit dem Volkslied vom Taler korrespondierte, der Zarewitsch mit dem Bolero von Ravel. Im Sinne des Wortes verlieh der Mann am Feurich-Flügel den Ohrwürmern und Fingerbrechern aus der Klassik Flügel, ganz zu schweigen von James Bond, Rachmaninow, Latin Standards oder Zigeunerswing. Michael Giertz war der inspirierende Sachwalter, der mit theatralischem Gesichtsausdruck sein meisterliches Klavierspiel "umrahmte". Der Höhepunkt war erreicht, als titanenhaft erregt nach Glissandi und Akkordläufen zum finalen Versenken auf der Tastatur sein Kopf aufschlug und Giovanni Reber mit aufgelösten Haaren sein ekstatisches Coming out inszenierte. Starker Beifall und mehrere Zugaben.
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