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Grabmale als historische Zeugen: Viele Friedhöfe in Hannovers Süden stehen unter Denkmalschutz

Ein Zaun ist im Baum eingewachsen: Gartenfriedhof an der Marienstraße
 
Alter Friedhof in Kirchrode
 
Unter Denkmalschutz: Krematorium und Kapelle auf dem Seelhorster Friedhof
Hannover: Döhren u.a. | An der Wülferoder Straße kurz vor dem Eingang zum gleichnamigen Dorf liegt der heutige Friedhof des Stadtteils Wülferode. „Mit seiner schönen Backsteinmauer und den schmiedeeisernen Grabeinfassungen stellt er eine besondere Kostbarkeit unter Hannovers Friedhöfen dar“, urteilten die Experten vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege und stellten die ganze Anlage aus dem dritten Viertel des 19. Jahrhunderts unter Denkmalschutz. Der Wülferoder Friedhof ist nicht die einzige historisch wertvolle Ruhestätte. Im Süden Hannovers steht eine ganze Reihe von Friedhöfen als „denkmalwerte Grünanlagen“ unter dem besonderen Schutz des Gesetzes.

So ist auch die auf dem ersten Blick unscheinbare Grünfläche am Maharensweg in Wülfel eine denkmalgeschützte Grünfläche. „Der alte Friedhof muss als bedeutendes Beispiel der alten dörflichen Situation angesehen werden“, heißt es in der Denkmaltopographie von Hannover. Erinnerungswert haben dabei vor allem die wenigen erhaltenen Grabsteine, darunter ein Kuriosum der hannoverschen Friedhofskunst: ein Grabmal in Form eines Baumstammes.

Der Friedhof neben der katholischen St. Michael-Kirche war nicht der erste Begräbnisplatz der alten Wülfeler. Wahrscheinlich fanden sie im Mittelalter neben der einstigen Kapelle am Rande der Leinemasch ihre letzte Ruhe. Das Dorf Wülfel gehörte zur St. Petri-Kirchengemeinde in Döhren. Deren Begräbnisplatz lag einst rund um die Kirche. Nur Reste davon sind den Nachgeborenen geblieben, die aber allesamt unter Denkmalschutz stehen. Einige der alten Grabsteine von St. Petri wurden beim Wiederaufbau der Kirche 1949 in die Außenwand eingemauert, andere im Innern des Gotteshauses in Sicherheit gebracht. An die Zeit der Türkenkriege erinnert noch der Grabstein von Johann Ludwig Mehmet von Königstreu. Das war nicht nur der Sohn eines türkischen Kriegsgefangenen, sondern auch – wie die Grabsteininschrift verrät – „der redlichsten Einer“.
In der Beschreibung der hannoverschen Baudenkmale wird außerdem das freistehende Denkmal des 1787 gestorbenen Friedrich August von Geyso besonders hervorgehoben. Geyso war Generalmajor des Celleschen und Diepholzschen Landregiments. In der St. Petr-Kirche selbst gab es schon lange keine Bestattungen mehr. „Im Laufe der Zeit wurden die Decken der Erbbegräbnisse schadhaft. Es sollen Gesangsbücher und andere Dinge in die Grüfte gefallen sein. Kirchenbesucher blieben mit den Absätzen ihrer Schuhe in den Spalten der Gruftdecken hängen. Es wurde zudem über modrige Luft berichtet, die aus den Grüften aufstieg. Die Gemeinde ließ deshalb 1782 die alten Grabstätten mit Sand auffüllen. Erst 1949 sollte erneut eine Bestattung im Kirchenraum stattfinden. Bei Erdarbeiten für den Wiederaufbau der im 2. Weltkrieg durch Bomben zerstörten Kirche kamen menschliche Überreste wieder ans Tageslicht. Der damalige Pastor Lippky: In ehrfürchtiger Weise sind diese Gebeine gesammelt worden und feierlich in der Erde des geplanten Kirchenraumes beigesetzt.“
Wahrscheinlich noch vor 1810 legten die Döhrener dann einen neuen Friedhof an der heutigen Fiedelerstraße an. Heute ist daraus längst ein kleiner Park geworden. Auch diese bis etwa 1900 genutzte kleine, mit einer ganzen Reihe alter Grabsteine bestückte Fläche ist eine denkmalgeschützte Grünanlage. Das hat der alte Döhrener Friedhof dann auch mit dem Friedhof von Kirchrode gemein. Unweit des früheren Kirchhofes – an dem nur ein einsamer Grabstein vor dem Kirchenschiff erinnert – legten die Kirchröde1864 am Kleinen Hillen diesen Begräbnisplatz an.
1878/79 bauten die Anderter ihren Friedhof. Weil sie im eigenen Dorf keinen Platz hatten, mussten sie zur Ostfeldstraße ausweichen. Die kleine Kapelle und die Mauer aus Backstein stammen noch aus der Anfangszeit und bilden mitsamt dem alten Baumbestand einen besonderen Kontrast zu den umgebenen neugebauten Häusern.
Den bescheidenen Rahmen einer dörflichen Begräbnisstätte sprengt der über die Stadtgrenzen hinaus bekannte Gartenfriedhof an der Marienstraße. 1741 wurde er als „Neuer Friedhof vor dem Aegidientor“ angelegt. Auf der wegen der qualitätvollen Grabmäler historisch besonders wertvollen Anlage liegen viele berühmte Persönlichkeiten begraben. Georg Friedrich Grotefend, Entzifferer der Keilschrift, und die Astronomin Caroline Herrschel, Entdeckerin von immerhin acht Kometen, fanden hier ihre letzte Ruhestätte ebenso wie Goethes „Lotte“. Sie hieß eigentlich Charlotte Kestner. Ihr Grabmal entwarf der bekannte Baumeister Laves. Auch die Natur steuerte beim Gartenfriedhof eine Sehenswürdigkeit bei. Ein Spitzahorn wuchs zunächst waagerecht in das Gitter der Grabstätte des Senators Heinrich-Ferdinand Röhrs hinein und entwickelte sich erst dann zu einem Baum. Das seltsame Gewächs wurde 1989 zum Naturdenkmal erklärt.

Wie auf dem Gartenfriedhof wurden auch auf dem Engesohder Friedhof berühmte Personen bestattet. Etwa der Stadtdirektor Haltenhoff, der Flugzeugpionier Karl Jatho und der umstrittene SPD-Politiker Gustav Noske. Der Friedhof entstand 1864, aber schon zweieinhalbtausend Jahre vorher begruben Menschen auf dem Engesohder Berg. Das zeigen urgeschichtliche Urnenfunde. Als Baudenkmal erlangte der Friedhof Bedeutung vor allem wegen seines arkadengeschmückten Haupteinganges und einer Reihe künstlerische Grabdenkmale. Das von einem Engel bewachte Grabmal der Familie Schlüter von 189 und d er aufwendige Bau der Familie Köhler aus dem Jahr 1903 sind die schönsten. Eine historische Kostbarkeit stellt daneben der Urnenhain im Südteil dar. Diese Anlage konnte vor rund 40 Jahren dank massiver Bürgerproteste knapp vor den Verkehrsplanern und der Verbreiterung der Hildesheimer Straße gerettet werden.

Ein paar Steinwürfe weiter südlich in der Grünanlage beim Fischebrunnen geben zwei Grabsteine Rätsel auf. Eine dieser Gedenktafeln erzählt die Lebensgeschichte eines gewissen Johann Christian Schernhagen, der die „viel ehr- und tugendtsame Jungfer Sophia Elisabeth Riebenstein“ ehelichte. Der andere Stein erinnert an den „ehrenwerten, achtbaren und mannhaften“ Bernhard Krette, seines Zeichens Hof- und Feldtrompeter und 1648 „selig gestorben seines Alters 34 Jahr“. Woher die Steine stammen, ist unbekannt. Es wird vermutet, dass sie vielleicht vom schon 1890 geschlossenen Invalidenfriedhof an der Hildesheimer Straße stammen. Dort ragt heute der Bibliotheksturm der Stadtbibliothek Hannover in die Höhe.

Das auch im 20. Jahrhundert noch Friedhöfe entstehen können, die denkmalschutzwürdig sind beweist der Seelhorster Friedhof. Er geht auf den 1900 angelegten neuen Döhrener Friedhof zurück und wurde nach der Eingemeindung von Döhren 1919 zum heutigen Stadtfriedhof. Die Denkmalpfleger haben vor allem die 1924 errichteten Eingangsbauten mit den Linden der Friedhofsallee und das Krematorium nebst Kapelle zu Baudenkmalen erklärt. Das Bauwerk gilt als „eines der herausragenden Bauten expressionistischer Architektur in Hannover“.

Auf dem Seelhorster Friedhof geschah in den letzten Kriegstagen des Jahres 1945 ein grausiges Verbrechen. Kurz vor Einmarsch der amerikanischen Truppen in Hannover ermordeten Nationalsozialisten noch mehr als 100 sowjetische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter, darunter sogar ein junges Mädchen. Als die Morde nach Ende des Krieges bekannt wurden, ließ die Besatzungsmacht die Leichen zum Nordufer des Maschsees überführen. Dort entstand der sogenannte „Russenfriedhof“. Das Mahnmal aus dunklem poliertem Granit stammt von Prof. Muchin-Koloda. Es sollte im Herzen der Stadt an die Gräuel des Weltkrieges erinnern; doch die Gedenkstätte ist weitgehend in Vergessenheit geraten.
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