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Ein ganz normaler Bahnhof - und seine düstere Vergangenheit

Diese Tafel entdeckte ich beim Umsteigen von der S-Bahn in die Stadtbahn (Foto: By Bernd Schwabe in Hannover (Own work) [CC-BY-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)], via Wikimedia Commons)
Hannover: Hannover-Linden/Fischerhof | Auf dem Weg ins Büro nehme ich normalerweise die S5, die zwischen Paderborn, Bad Pyrmont oder Hameln (je nachdem) und Hannover Flughafen verkehrt.

Wegen Bauarbeiten an einer Brücke war in der zweiten und dritten Januarwoche alles ein bisschen anders: wir konnten nicht wie gewohnt zum Hauptbahnhof fahren, sondern mussten bereits in Linden-Fischerhof in die Stadtbahn umsteigen. Soweit so gut. Es war nervig, dauerte allerdings nur ein paar Tage, da kann man das mal ertragen.

Und solche Abweichungen vom Alltag bieten ja auch eine Chance - nämlich etwas Anderes zu entdecken, das man sonst nicht wahrgenommen hätte. Meine Entdeckung war diese Tafel über ein wichtiges, aber auch düsteres und grausiges Kapitel in der Geschichte dieses Bahnhofs. Und ich nahm mir etwas Zeit, die Ausführungen durchzulesen (das kann man übrigens auch hier tun - dort findet man auch das Foto)

"Über den von dichter Wohnbebauung etwas abgelegenen Bahnhof Fischerhof wurden im Dritten Reich die meisten Transporte von Opfern der rassistischen Verfolgung aus dem südlichen Niedersachsen durch das NS-Regime organisiert. Von hier aus wickelte die Gestapo-Leitstelle Hannover insgesamt sieben Transporte von Juden ab in die Ghettos und Vernichtungslager im Osten [...] Vor allem beim zweiten Abtransport, der am Abend des 31. März 1942 nach Warschau gehen sollte, kam es zu schlimmen Szenen: 491 Menschen mussten erst fünf Stunden lang in strömendem Regen frierend auf den verspäteten Zug warten, und wurden dann von der Gestapo in die schon überfüllten Waggons gepresst." heißt es in o.g. Link.
Da ich mich in jüngster Zeit mehr oder weniger intensiv mit der (jüdischen) Geschichte meines Heimatorts beschäftigt habe, wusste ich auch, dass 4 der deportierten jüdischen Einwohner bei dem Transport am 31. März 1942 dabei gewesen waren. Zuvor hatten sie schon 3 Tage unter menschenunwürdigen Bedingungen in der damaligen Israelitischen Gartenbauschule in Ahlem (heute: Gedenkstätte) ausgeharrt. Das eigentliche Ziel des Zuges war Trawniki bei Lublin (Polen); er wurde allerdings nach Warschau umgeleitet und kam offensichtlich am Folgetag dort an.
Ich habe noch die Worte im Gedächtnis, die ich über eine Jüdin aus meinem Heimatort gelesen habe - sie war kurz vor der Abholung Ende März 1942 zu ihrem Nachbarn gegangen, um seine Wage zum Abwiegen des erlaubten Gepäcks zu benutzen: "Dass wir sterben müssen, das wissen wir wohl - hoffentlich lassen sie uns nicht zu lange zappeln."

Ich dachte plötzlich: Ich musste hier nur umsteigen und vielleicht mal eine Viertelstunde auf die S-Bahn warten! Und ich nahm mir noch einmal neu vor, der Gedenkstätte in Ahlem mindestens einen ausführlichen Besuch abzustatten, sobald sie im Jahr 2014 wiedereröffnet wird.

P.S. Die jüdische Geschichte der Region Hannover ist ausführlich dokumentiert, u.a. hier beim Netzwerk Erinnerung und Zukunft in der Region Hannover
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12 Kommentare
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 20.01.2013 | 21:35  
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Heike L. aus Springe | 20.01.2013 | 22:10  
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Claudia L. aus Knüllwald | 23.01.2013 | 13:44  
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Heike L. aus Springe | 23.01.2013 | 15:26  
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 23.01.2013 | 16:27  
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Heike L. aus Springe | 23.01.2013 | 18:48  
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 23.01.2013 | 20:35  
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Heike L. aus Springe | 23.01.2013 | 22:22  
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 23.01.2013 | 22:33  
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Heike L. aus Springe | 23.01.2013 | 22:47  
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 23.01.2013 | 23:02  
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Heike L. aus Springe | 23.01.2013 | 23:49  
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