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Wo Hannover noch Dorf ist: Alte Bauernhäuser im Westen

Dörfliches Limmer
 
Bauernhaus in Limmer
 
Letztes Bauernhaus in Linden am Lindener Berg
Hannover: Ricklingen u.a. | Ein Stückchen hinter dem Deich der Ricklinger Beeke (die später Ihme heißt) scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Rund um die mittelalterliche Kapelle am Edelhof steht der Spaziergänger plötzlich in einem alten Dorf. Der Bereich des Ricklinger Edelhofs bildet in seiner Geschlossenheit einen der letzten erhaltenen Dorfkerne innerhalb der Landeshauptstadt Hannover. Deshalb steht der ganze Bereich als Baudenkmal unter dem Schutz des Gesetzes. Andere Stadtteile haben nicht so viel Glück gehabt. Oft erinnern nur wenige Zeugen an die Jahrhunderte alte bäuerliche Vergangenheit . Nur wenige Eigentümer hegen und pflegen die historische Bausubstanz. Oftmals haben Bagger und Fallbirne dem Fachwerk aus Großvaters Zeiten ein Ende bereitet.

Vor fast 27 Jahren verfasste ich einen Text zu den alten Bauernhäusern im Stadtgebiet. Diesen Text stelle ich jetzt hier – nach und nach im Rahmen einer kleinen Mini-Serie - auf myHeimat vor. Im hier vorliegenden 2. Teil geht es um das westliche Stadtgebiet. Ob noch alle 1992 genannten Bauernhäuser vorhanden sind, habe ich nicht kontrolliert. Der damalige Text soll weitgehend in der ursprünglichen Fassung erscheinen. Schön wäre es indes, wenn MyHeimatler aus Hannover vielleicht einmal vor ihrer Haustür nachschauten und aktuelle Informationen und Ergänzungen dann als Kommentar zu diesem Bericht veröffentlichen würden.

Vor allem Linden musste seinen Aufstieg von einer kleinen Bauernsiedlung zum größten Dorf in Preußen und dann zur bedeutenden Industriestadt mit sehr viel alter Bausubstanz bezahlen. Nur ein bescheidenes Wohnwirtschaftsgebäude aus dem frühen 19. Jahrhundert nebst Hinterhaus „Am Lindener Berg 16“ blieb den Nachgeborenen. 1821 wurden in Linden noch neun Vollmeierhöfe, zwei Halbmeier, 23 Kötner und 13 Beibauern gezählt. Etwa Mitte 1991 stießen die Denkmalpfleger hier am Lindener Berg 16 auf eine kleine Sensation. Das unscheinbare Hinterhaus entpuppte sich rund 300 Jahre älter als das Haupthaus. Eine Analyse der Jahresringe seiner Holzbalken bewies, dass die Bäume für den Methusalem unter den Lindener Gebäuden im Winter 1697/98 gefällt wurden.

Die kleinen Wohnhäuser in der Weberstraße 20 und 21 gehörten nicht zum Dorf Linden. Sie sind Reste der Siedlung Neu-Linden, die Anfang des 18. Jahrhunderts entstand. Die Grafen von Platen siedelten in der Nähe ihres Schlosses Handwerker – vor allem Weber – an.

Während in Linden die Bauernhäuser der Fallbirne überlassen wurden, verschonte die moderne Zeit anfangs noch das zum Stadtteil avancierte Ricklingen. Doch die Schonfrist ist abgelaufen. „Das alte Dorf hat noch eine Chance“, versprachen zwar Stadtplaner 1979 einen behutsamen Umgang mit der bäuerlichen Bausubstanz. Neubauten drängten dennoch in den alten Dorfbereich. Immerhin lässt sich noch eine Reihe von Meisterwerken früherer Zimmermannskunst entdecken.

Von besonderer städtebaulicher Bedeutung ist der Vierständerbau Am Edelhofe 1 aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts. 1796 entstand Am Edelhofe 5 der Vollmeierhof Hartmann. Auch in den benachbarten Straßen gibt es denkmalgeschütztes Fachwerk. Als ältestes Haus Ricklingens gilt das Wohnwirtschaftsgebäude in der Beekestraße 93 aus dem Jahr 1763. 30 Jahre später wurde der Hof Warnecke an der Beekestraße 76 errichtet. 1804 zimmerten Handwerke die Balken eines Hauses an der Stammestraße 21. In der Mitte des 19. Jahrhunderts werden die Gebäude der Stammestraße 23 und der Beekestraße 109 datiert.

Nicht jedes Bauernhaus aus vergangenen Tagen stuften die Fachleute als Baudenkmal ein. Wurden die Unterkünfte aus Urgroßvaters Tagen zu stark verändert, wird der (allerdings zumeist sehr zweifelhafte) Schutz des Gesetzes versagt. Trotz ihres Fachwerks und der durchlittenen Jahre stehen dann auch beispielsweise die Gebäude Beekestraße 74 oder Stammestraße 22 nicht auf der Denkmalliste.

Nicht so behutsam wie in Ricklingen gingen die Veränderungen, die das 20. Jahrhundert mit sich brachte, mit Badenstedt um. Der Stadtteil ist ein Beispiel dafür, wie die modernen Bauformen das Siedlungsschema der alten Dörfer sprengten. Etwa als neben dem Kötnerhof Brandes an der Ecke Lenther Straße ein Terassenhaus gesetzt wurde. Unter Denkmalschutz stehen als Fachwerkbauten aus der Zeit des früheren Dorfes in Badenstedt heute nur noch die 183ß erbaute ehemalige Schule am Kapellenweg 5 und ein Vierständerbau des Jahres 1832 am Kapellenweg 8. Noch ärger als Badenstedt hat es den benachbarten Stadtteil Bornum getroffen. Die dortigen Bauerngehöfte sind inzwischen allesamt von der städtischen Bebauung verdrängt worden.

Etwas mehr blieb immerhin vom 1066 erstmals urkundlich genannten Dorf Davenstedt erhalten. „Davenstedts Altes Dorf soll seinen Charakter behalten“, hieß es noch im September 1975 in einem Pressebericht, als die Bauverwaltung ihr Rahmenkonzept für den Stadtteil vorstellte. Einen Monatz später wurde immerhin noch versprochen, dass die geplanten Eigenheime an das Dorfbild erinnern sollten. So unbarmherzig aber der Zahn der Zeit an der überkommenden Bausubstanz nagte, haben sich im historischen Dorfkern doch einige denkmalgeschütze Gebäude des alten Davenstedter Bauernfamilien erhalten. In der Davenstedter Straße 218findet sich noch ein Vierständerhaus, das, 1781 errichtet, bis 1880 mehrfach vergrößert wurde. In der Straße „Altes Dorf“ reihen sich weitere historische Zeugnisse aneinander, etwa das Leibzuchthaus aus dem Jahre 1801 (Altes Dorf 12) oder das Vierständerhaus von 1830 am Alten Dorf 17. In der gleichen Zeit errichte auch ein Bauer das Wohnwirtschaftsgebäude Altes Dorf 4.

Noch immer ein kleinwenig dörflich mutet auch der alte Kern von Limmer an. Der ganze ehemalige Dorfbereich gilt deshalb als denkmalpflegerisches Interessengebiet. Am Twedenweg 7 finden sich mit einem Leibzuchthaus von 1818 Reste der ehemaligen Hofanlage „Im Pott“. Ein Wohnwirtschaftsgebäude des Jahres 1810 steht an der Sackmannstraße 24. Von einem Bauwerk in Anderten abgesehen hat sich an der Sackmannstraße 23 eine für Hannover einzigartige Konstruktion erhalten. Hier steht ein Längstdielenhaus mit sogenannten durchschießenden Torständern, eine Besonderheit in der Landeshauptstadt. Ein Limmer Bauer ließ es 1806 errichten.

Eine Sonderstellung nehmen die beiden Stadtteile Ahlem und Wettbergen ein. Sie wurden erst im Zuge der Gebietsreform 1874 Teil der Stadt Hannover. In Wettbergen haben sich dann auch einige Zeugnisse bäuerliche Wohn- und Wirtschaftsformen erhalten. Neben der Fachwerkscheune am Pastor-Bartels-Weg 10 und der Hofanlage Hauptstraße 66 stehen vor allem noch an der Straße „An der Kirche“ ausgewiesene Baudenkmale. Etwa die Fachwerkscheune mit der Hausnummer 13 von 1831. Das Pfarrhaus aus der Mitte des 19. Jahrhunderts mit der ehemaligen Pfarrscheune (Hausnummern 23 und 25) oder die Scheune An der Kirche 2. Der älteste und besterhaltene Hof Wettbergens stammt aus dem Jahr 1797 und steht An der Kirche 20.

In Ahlem machte sich hingegen die nahe Großstadt stärker bemerkbar. Nur zwei Fachwerkhäuser erzählen noch vom Dorf. Zu einer Gaststätte wandelte sich das Wohnwirtschaftsgebäude an der Wunstorfer Landstraße 47 aus dem Jahr 1810; der Vierständerbau an der Krugstraße 9 entstand 1773.

Doch nicht nur die vordringende Stadt beendete die hohe Zeit der alten Fachwerkkunst. Der Reichtum von Bauern um die Wende des 19./20. Jahrhunderts schlug sich auch in Architekturformen nieder. Wer es sich leisten konnte, wollte nicht mehr in Häusern der Vorväter leben. Wohn- und Wirtschaftsgebäude errichteten die Hofbesitzer getrennt, die Wohnhäuser bekamen einen villenartigen Charakter. Beispiele dafür gibt es an der Stammerstraße 6 (Ricklingen), an der Krugstraße 16 (Ahlem) sowie in Badenstedt an der Empelder Straße 1. Sogar Bornum kann mit zwei Ziegelsteinbauten aufwarten, die Im Dorfe 9 und An der Feldmark 5 frühere Hofstellen markieren.


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Hier geht es zu den Bauernhäusern in Hannovers Osten

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Hier geht es zum Bericht über Bauernhäuser im Süden von Hannover
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